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PolitikNahost

Iran-Krieg erschüttert die Politik im Nahen Osten

Cathrin Schaer
8. März 2026

Während die USA und Israel ihre Luftangriffe fortsetzen, reagiert der Iran mit Angriffen auf Nachbarstaaten. In vielen Ländern der Region geraten die innenpolitischen Verhältnisse zunehmend ins Wanken.

Libanon Beirut 2026 | Mann inmitten von Trümmern nach israelischen Angriffen in den südlichen Vororten
Nachdem die libanesische Hisbollah in dieser Woche Raketen auf Israel abgefeuert hatte, bombardiert Israel nun den LibanonBild: Bilal Jawich/Xinhua/IMAGO

Mit der Ausweitung des Kriegs zwischen den USA, Israel und Iran gerät zunehmend auch die Region selbst ins Wanken. In mehreren Ländern des Nahen Ostens hat die Gewalt im Inneren zugenommen. Alte Loyalitäten werden neu vermessen, politische Ordnungen geraten unter Druck.

"Der Nahe Osten brennt", schrieb Mohamed Chtatou, Professor an der Mohammed-V.-Universität in Rabat, in einem Gastbeitrag für die Times of Israel. "Nicht in einem einzigen Feuer, sondern in einer Vielzahl gleichzeitiger Brände, die einander nähren, aufeinander reagieren und ihrer eigenen Logik folgen."

Auch mehrere Fellows des European Council on Foreign Relations haben in einer gemeinsamen Stellungnahme gewarnt, der Nahe Osten und darüber hinaus seien "in neue gewaltsame Umbrüche verstrickt" - eine weitere Eskalation könne unmittelbar bevorstehen.

Iraks Balanceakt

Nachdem bei den gemeinsamen Luftangriffen von Israel und den USA Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet wurde, hat es im Irak mehrere Tage lang Proteste vor der US-Botschaft in Bagdad gegeben. Die Demonstrationen sind in Gewalt umgeschlagen. Beobachter gehen davon aus, dass viele der Teilnehmer von irakischen Milizen mobilisiert oder zumindest ermutigt worden sind, die Teheran nahestehen.

Diese Paramilitärs haben zudem US-Stützpunkte und Flughäfen im ganzen Land angegriffen, auch in der halbautonomen Region Kurdistan im Norden. Neue Spannungen sind entstanden, nachdem Berichten zufolge die Vereinigten Staaten iranische Kurden bei einem möglichen Aufstand im Iran unterstützen wollen. Iranisch-kurdische Oppositionsparteien unterhalten Büros in Irakisch-Kurdistan, und Teheran hat diese bereits bombardiert. Doch diese Gruppen haben bestritten, dass Kämpfer von dort aus die Grenze in den Iran überschritten haben.

"Angriffe in mehrheitlich kurdischen Westprovinzen, darunter Attacken auf Grenzschützer und Einrichtungen der inneren Sicherheit, deuten auf eine beginnende Destabilisierung in der Peripherie hin", schreibt das Konfliktbeobachtungsprojekt Armed Conflict Location and Event Data (ACLED) in einer aktuellen Analyse. Dies berge das Risiko "anhaltender innerstaatlicher Instabilität mit potenziell weitreichenden Folgen für die regionale Sicherheitsdynamik".

Für die kurdische Führung in Erbil ist das eine heikle Situation. Sie hat daher umgehend betont, Irakisch-Kurdistan werde sich nicht an diesem Konflikt beteiligen.

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Gleichzeitig haben Berichte in US-Medien über einen möglichen iranisch-kurdischen Aufstand die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen der Regionalregierung in Erbil und der Zentralregierung in Bagdad verschärft. Zwar sollen beide Seiten kooperieren, doch gab es immer wieder Streit über Öleinnahmen und kurdische Autonomierechte.

In der irakischen Regierung sitzen viele schiitische Politiker mit engen Beziehungen zu Teheran. Sollten kurdische Verantwortliche, die im Norden über eigene Streitkräfte verfügen, als Unterstützer eines Aufstands im Nachbarland Iran wahrgenommen werden, könnte das höchst problematisch und sogar gefährlich werden.

Drohkulisse in Bahrain

Auch im kleineren Golfstaat Bahrain sind Proteste gegen den US-israelischen Krieg gegen Iran in Gewalt umgeschlagen. Mehrere Menschen sind festgenommen worden, weil sie im Internet Anti-Kriegs-Botschaften verbreitet oder "Sympathie" für Iran geäußert haben sollen. Wie andere Golfstaaten ist Bahrain eine Monarchie, die politischen Dissens weitgehend unterdrückt. Anders als in einigen Nachbarländern ist die Herrscherfamilie sunnitisch, während Schätzungen zufolge etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung schiitisch ist.

Bereits 2011 hat Bahrain im Zuge der arabischen Aufstände massive pro-demokratische Proteste erlebt. Die Behörden haben mit harter Repression reagiert, zudem sind sogenannte Peninsula-Shield-Truppen eingerückt, eine von Saudi-Arabien geführte Initiative, heute als Unified Military Command bekannt, um die Demonstrationen niederzuschlagen. Gerüchte, dieselben Kräfte seien nun erneut im Land, um die jüngsten Proteste zu kontrollieren, haben sich bislang nicht verifizieren lassen.

Libanon: Wachsende soziale Spannungen

Der Krieg hat auch die seit Langem schwelende Konfrontation zwischen der libanesischen Regierung und der Hisbollah verschärft - der schiitischen, Iran nahestehenden Miliz, die zugleich eine bedeutende politische und soziale Kraft im Land ist.

Im Rahmen eines Waffenstillstandsabkommens von 2025 haben Israel und die USA die Entwaffnung der Hisbollah gefordert. Doch die Hisbollah hat sich bislang widersetzt. Auch die libanesische Regierung drängt auf eine Entwaffnung. Allerdings ist die libanesische Armee militärisch nicht stark genug, um die Hisbollah zu entwaffnen - daher das Patt.

Nachdem die Hisbollah zu Beginn der Woche Raketen auf Israel abgefeuerte und damit eine massive israelische Reaktion auslöste, hat die Regierung in Beirut am 2. März sämtliche militärischen und sicherheitsrelevanten Aktivitäten der Organisation verboten. Damit ist eine direkte Konfrontation zwischen Armee und Hisbollah, die bislang vermieden worden ist, näher gerückt.

Familien fliehen vor israelischen Luftangriffen im Süden von BeirutBild: Bilal Hussein/AP Photo/picture alliance

Zugleich haben die gesellschaftlichen Spannungen zugenommen. Beobachtern zufolge lehnen inzwischen viele Libanesinnen und Libanesen die Hisbollah ab, darunter auch zahlreiche Schiiten, die die Gruppe zuvor unterstützt haben.

Die nahezu einhellige Solidarität mit dem "Widerstand" sei einer Wut über eine Eskalation gewichen, die als ebenso sinnlos wie selbstmörderisch empfunden werde, schrieb die libanesische Zeitung L'Orient Today nach Gesprächen mit schiitischen Familien, die nach israelischen Evakuierungsaufrufen für weite Teile des Südlibanon in Beirut Schutz gesucht haben.

Hunderttausende Menschen sind vertrieben worden und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte vor Zwangsvertreibungen gewarnt. In manchen Fällen haben die Vertriebenen die "immense Volkswut" zu spüren bekommen, die sich gegen die Hisbollah richtet, wie ein Beobachter es formuliert hat. Zudem denkt man im Libanon darüber nach, die eigentlich für Mai geplante Parlamentswahl um zwei Jahre zu verschieben.

Weitere Eskalation in Nahost?

"Viele Analysten unterschätzen das emotionale und religiöse Gewicht des Verlusts (von Chamenei)", sagt Mohammed Albasha, Gründer der US-amerikanischen Risikoanalysefirma Basha Report, der DW. "Für viele ist der oberste Führer nicht nur eine politische Figur, sondern Teil eines sakralen Systems." Für einige schiitische Gruppen habe Chamenei eine ähnliche spirituelle Rolle erfüllt wie der Papst für die meisten Katholiken, so Albasha. "Die Loyalität ihm gegenüber ist nicht nur politisch, sondern auch religiös."

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Doch nicht alle pro-iranischen Akteure in der Region, darunter die Huthi im Jemen, die Hamas im Gazastreifen oder bestimmte Gruppen in Syrien, teilen diese Sichtweise.

"Gerade wegen dieses Unterschieds ist die stärkste Reaktion eher von jenen Gruppen zu erwarten, die diese religiöse Autorität anerkennen", sagt Albasha. "Die Hisbollah und einige irakische Milizen könnten Libanon und Irak tiefer in eine regionale Konfrontation treiben. In Bahrain, Saudi-Arabien und Kuwait hingegen dürften schiitische Gruppen ihre Regierungen weniger direkt herausfordern, auch wenn kleinere Störungen durch radikale Randgruppen nicht auszuschließen sind."

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