Entscheiden jetzt die Revolutionsgarden über Irans Zukunft?
2. März 2026
Der Tod von Ali Chamenei markiert einen historischen Einschnitt - nicht nur für den Iran, sondern für die gesamte Region. Der 86-jährige geistliche und politische Führer wurde am Samstag bei einem Luftschlag der USA und Israels auf Teheran getötet.
Laut Verfassung muss nun ein Gremium aus 88 schiitischen Klerikern über seine Nachfolge entscheiden. Als mögliche Kandidaten gelten der frühere Präsident Hassan Ruhani, Chameneis Sohn Mojtaba, der den Revolutionsgarden nahestehen soll, sowie Hassan Chomeini, ein Enkel des Republikgründers Ajatollah Ruhollah Chomeini, der bis 1989 den Iran geführt hatte.
Auch in Oppositionskreisen werden Namen genannt, der bekannteste ist der von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Allerdings gilt die iranische Opposition als intern zerstritten.
Übergangsweise übernimmt ein Dreiergremium aus Staatspräsident, Justizchef und einem Vertreter des Wächterrats die Amtsgeschäfte. Doch die eigentliche Frage reicht tiefer: Steht lediglich ein personeller Wechsel bevor - oder ein Wandel des Systems? Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Revolutionsgarden, die trotz der Tötung ihres Kommandeurs Mohammed Papkur als zentrale Machtstütze gelten.
Beispiellose Tötung
Für Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung ist Chameneis Tod "ein hoch symbolisches Ereignis". Zwar komme "der Tod eines 86-Jährigen nicht absolut überraschend", doch die gezielte Tötung eines amtierenden Staatsoberhaupts sei beispiellos. Innenpolitisch wie völkerrechtlich sei dies ein "sehr heikler Moment". Der Iran habe sich auf die Nachfolge vorbereitet, erklärt Scheller, doch die Umstände des Todes verliehen der Situation eine neue Qualität.
Für Hanna Voß, Nahost-Expertin bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, zeugt Trumps Appell von einem grundlegenden Missverständnis. Er zeige "eins der großen Probleme", nämlich dass Trump "nicht wirklich die Logik des iranischen Regimes und seines kompletten Sicherheitsapparats versteht". Die Revolutionsgarden verfügten über einen eigenen Geheimdienst, der wiederum eigene Strukturen unterhalte, zudem über Milizen im In- und Ausland.
Entscheidende Kraft: die Revolutionsgarden
US-Präsident Donald Trump hat die Revolutionsgarden öffentlich aufgefordert, die Waffen niederzulegen. Scheller hält das für aussichtslos: "Ich denke nicht, dass die Revolutionsgarden sich von einer solchen Aufforderung beirren lassen werden." Für sie sei nicht erkennbar, was sie gewinnen könnten, wohl aber, was sie verlören - Macht, Einfluss und erhebliche wirtschaftliche Ressourcen. Der Apparat sei groß, bislang habe es keine nennenswerten Überläufer gegeben. Entsprechend gering sei die Wahrscheinlichkeit eines freiwilligen Rückzugs.
Wie geht es weiter?
Wie es in den kommenden Tagen weitergeht, hängt nach Einschätzung Schellers stark von Washington ab. Vieles sei Spekulation. Entscheidend sei, "womit Trump sich zufrieden geben wird". Denkbar sei, dass einzelne Militärschläge fortgesetzt würden, etwa gegen das ballistische oder nukleare Programm. Scheller befürchtet daher weitere Kampfhandlungen - und iranische Gegenschläge.
Voß wiederum hält eine strukturelle Verschiebung im Innern für möglich. Die Revolutionsgarden seien "ein durch und durch ideologisch durchdrungener Apparat, der zugleich als paramilitärische Einrichtung funktioniert". Selbst nach dem Verlust ihres Kommandeurs könnten sie im künftigen Iran eine noch stärkere Rolle spielen. Möglich sei eine weitere Militarisierung, bei der formale Regierungsinstitutionen an Bedeutung verlören, während Sicherheitsorgane dominierten.
Regimewechsel unwahrscheinlich
Ein Regimewechsel erscheint beiden Expertinnen derzeit unwahrscheinlich. Scheller glaubt eher an eine Rochade innerhalb des bestehenden Machtapparats. "Es ist eher wahrscheinlich, dass wir innerhalb dieses Machtapparats eine Rochade sehen werden, als dass jetzt die Opposition zum Zuge kommt." Die Bevölkerung habe zwar Mut bewiesen, brauche keine Aufforderungen von außen, doch sie habe auch erlebt, dass internationale Versprechen folgenlos blieben.
Wenn etwa Ex-Präsident Ruhani der Nachfolger Chameneis würde, würde dies "keinen System-, sondern lediglich einen Führungswechsel" bedeuten, erläutert Voß. Ihrer Einschätzung nach wünsche sich jedoch "der deutlich größere Teil der iranischen Bevölkerung" einen grundlegenden Wandel, am liebsten in Form eines Referendums über die künftige Staatsform.
Verengter politischer Spielraum
Ob dieser Wunsch der Bevölkerung Realität wird, hängt maßgeblich von den Revolutionsgarden ab. Sie kontrollieren nicht nur Waffen, sondern auch Wirtschaft und Ideologie. Scheller warnt, dass eine fortgesetzte Bombardierung politischen Spielraum verspielen könnte: Man könne jetzt innehalten und versuchen, aus dem Schockmoment Veränderungen zu erzwingen. "Wenn man einfach weiter bombardiert, dann wird man diesen Moment verpassen."
Der Iran steht damit an einer Wegscheide. Zwischen symbolischem Einschnitt und struktureller Kontinuität, zwischen möglicher Militarisierung und unerfülltem Wunsch nach einem Referendum entscheidet sich, ob der Tod Chameneis mehr sein wird als ein Austausch an der Spitze.