Iran-Konflikt: Südkaukasus wird zur Schlüssel-Handelsroute
30. März 2026
In den Stunden nach dem Beginn der Angriffe der USA und Israels gegen den Iran am 28. Februar verengte sich der Flugverkehr auf den normalerweise stark frequentierten Ost-West-Routen auf einen schmalen Flugkorridor über dem Südkaukasus.
Diese Entwicklung in der Luft spiegelt einen Trend wider, der am Boden schon seit längerem zu beobachten ist. In den vergangenen Jahren ist die Region zu einem wichtigen Bindeglied geworden. Denn die "Transkaspische Internationale Transportroute", auch bekannt als "Mittlerer Korridor" verbindet Europa über Zentralasien und den Südkaukasus mit China - unter Umgehung Irans und Russlands.
Der Iran-Krieg hat die Bedeutung des Mittleren Korridors nun noch stärker in den Mittelpunkt gerückt. Mit der Blockade der Straße von Hormus, durch die etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases (LNG) transportiert werden, stört der Iran die globale Energieversorgung.
"Für die Region birgt die Krise auch Chancen", sagt Richard Giragosian, Direktor des Regional Studies Center im armenischen Jerewan. "Der Mittlere Korridor ist jetzt die einzig verbleibende Route, der einzige gangbare Weg für Handel und Transport."
Zentrales Verbindungsstück des Mittleren Korridors
Darüber hinaus wird auch eine wichtige Schifffahrtsroute durch die Meerenge von Bab el-Mandeb und das Rote Meer, über die zwölf Prozent des weltweiten Handels abgewickelt werden, immer wieder von der mit dem Iran unterstützten Huthi-Miliz im Jemen unterbrochen. Eine alternative Route, für die das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika umrundet werden muss, verlängert die Reise von Asien nach Europa um mehr als zehn Tage.
Über den Mittleren Korridor, die geografisch kürzeste Verbindung zwischen Europa und China, sollen Waren aus China sowie kritische Mineralien und Energieerzeugnisse aus Zentralasien nach Europa transportiert werden. Sowohl die EU als auch China haben bereits Milliarden für den Ausbau von Häfen, Bahnstrecken und Straßen entlang der Route zugesagt.
Das Frachtaufkommen entlang des Korridors hat sich seit 2022, dem Jahr, in dem Russland in die Ukraine einmarschierte, vervierfacht. Obwohl über die Route bislang nur ein Bruchteil des Handelsvolumens zwischen Europa und Asien transportiert wird, geht die Weltbank davon aus, dass bis 2030 ein Volumen von elf Millionen Tonnen erreicht werden könnte.
Größere strategische Rolle für die Region
Doch auch ohne den aktuellen Konflikt ist davon auszugehen, dass der Korridor sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird.
"Mittel- bis langfristig wird sich der Südkaukasus mit dem Mittleren Korridor neben den Seerouten zu einer der Hauptrouten entwickeln, die die EU und China verbinden", sagt Kornely Kakachia, Politikprofessor in Tiflis. Eine solche Entwicklung würde die Rolle von Georgien, Aserbaidschan und Armenien als wichtige Transitstaaten stärken.
Das energiereiche Aserbaidschan könnte auch kurzfristig vom Iran-Krieg profitieren. Höhere Ölpreise würden dem Land hohe Exportgewinne bescheren, die sich Experten zufolge auf monatlich bis zu zwischen 500 und 600 Millionen US-Dollar zusätzlich belaufen könnten.
Hikmet Hajiyev, leitender außenpolitischer Berater des Präsidenten Ilham Aliyev, erklärte gegenüber Euronews, Aserbaidschan würde seine Erdgaslieferungen erhöhen, um die Ausfälle aus der Golfregion während des Iran-Kriegs auszugleichen.
Gegenwärtig bezieht Europa etwa vier Prozent seines Erdgases aus Aserbaidschan, also etwa 12,8 Milliarden Kubikmeter. Bis 2027 sollen es 20 Milliarden Kubikmeter werden.
Iran-Krieg könnte die Region destabilisieren
Doch der Krieg hat auch nachteilige Auswirkungen auf die Wirtschaft. "Damit der Mittlere Korridor erfolgreich sein kann, müssen von China bis zur Europäischen Union und im gesamten Südkaukasus stabile Verhältnisse herrschen", sagt Kakachia.
Im Konflikt mit dem Iran verhalten sich Georgien, Aserbaidschan und Armenien neutral. Doch Vertreter des iranischen Regimes kritisieren Aserbaidschan schon seit langem für seine engen wirtschaftlichen Beziehungen mit Israel.
Im Jahr 2025 bezog Israel 46,4 Prozent seines Öls über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC-Pipeline) aus Aserbaidschan. Der Großteil der militärischen Ausrüstung Aserbaidschans wiederum stammt aus Israel.
"Iran hat die immer enger werdenden Beziehungen Aserbaidschans mit Israel immer als Bedrohung gesehen", erläutert Mahammad Mammadov von der Denkschmiede Topchubashov Center in Aserbaidschans Hauptstadt Baku. "Andererseits sind auch die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und dem Iran in den vergangenen Jahren enger geworden. Beide Seiten haben versucht, die verschiedenen Bereiche voneinander zu trennen."
Spannungen zwischen Aserbaidschan und Iran
Die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern konzentriert sich hauptsächlich auf die Einrichtung eines Handelskorridors zwischen dem Iran und Russland. Doch als am 5. März vier iranische Drohnen in einem Flughafen in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan einschlugen, wurde dieses Gleichgewicht empfindlich gestört. Aserbaidschans Präsident Aliyev bezeichnete den Angriff als "terroristischen Akt", während andere aserbaidschanische Regierungsvertreter mit Vergeltungsschlägen drohten und das Land den Warenverkehr aus dem Iran vorübergehend einstellte.
Durch ein direktes Telefonat zwischen den Staatschefs beider Länder konnte der Konflikt schließlich entschärft werden, doch obwohl sich "die Beziehungen wieder normalisiert haben, hat der Vorfall für große Unsicherheit gesorgt", so Mammadov.
Regierungsvertreter Aserbaidschans sprechen außerdem von Sabotageversuchen durch die Islamische Revolutionsgarde des Iran (IRGC). Zu den Zielen sollen auch die BTC-Pipeline und die israelische Botschaft in Aserbaidschan gezählt haben.
Auch Trump plant einen Korridor im Kaukasus
Ein länger anhaltender Konflikt könnte auch ein Vorzeigeprojekt der Infrastruktur des Mittleren Korridors gefährden, die Einrichtung eines weiteren Korridors mit dem Namen "Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand" oder "Trump Route for International Peace and Prosperity" (TRIPP).
Die Einrichtung dieses Korridors wurde im vergangenen August als Teil eines von US-Präsident Donald Trump vermittelten Friedensplans zwischen Armenien und Aserbaidschan vereinbart. Er sieht einen 43 Kilometer langen Straßen- und Schienenkorridor durch Armenien vor, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan und der Türkei verbindet.
Über Jahrzehnte hinweg war die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan wegen des Konflikts um Berg-Karabach geschlossen. TRIPP würde durch die Öffnung dieser Grenze einen neuen Logistikkorridor schaffen, der parallel zu den bestehenden Routen durch Aserbaidschan und Georgien verläuft.
Die Vereinigten Staaten sehen TRIPP als Lieferweg für kritische Mineralien und unterstützen das Projekt, das von einem von den USA geführten Konsortium gebaut und betrieben werden soll, nachdrücklich.
Der Korridor soll jedoch entlang der Grenze Armeniens mit dem Iran verlaufen und so wird die US-amerikanische Beteiligung von Teheran argwöhnisch beäugt. Im vergangenen Sommer ging ein Berater des ehemaligen Obersten Führers Ali Chamenei so weit, die Route als künftiges "Grab der Söldner von Donald Trump" zu bezeichnen.
Solche Aussagen sollten jedoch nicht überbewertet werden, meint Giragosian. "Aus militärischer Sicht" gäbe es noch keine Ziele. Mit dem Bau von TRIPP soll erst in der zweiten Jahreshälfte 2026 begonnen werden.
Kein Interesse an einem Zusammenbruch des Iran
Der Südkaukasus habe letztlich ein großes Interesse daran, den Frieden und die Sicherheit in der gesamten Region zu wahren, sagt Kakachia. Das Interesse daran ist nicht zuletzt in Aserbaidschan groß. "Aserbaidschan ist nicht daran interessiert, dass der Iran zusammenbricht oder dass der Krieg länger anhält, denn das würde mehr Unsicherheit und Missverständnisse bedeuten", betont Kakachia.
Ein Zusammenbruch des Regimes würde die "Büchse der Pandora öffnen". Wirtschaftliche Instabilität und Flüchtlingsströme aus einem Land, in dem mehr als 20 Millionen ethnische Aseris leben, könnten die Folge sein.
Das günstigste Szenario für Baku sei ein geschwächter Iran, der weiterhin von einem theokratischen Regime geführt wird, argumentiert Mammadov. Solange Teheran als Paria gilt, bliebe Aserbaidschan seine geopolitische und wirtschaftliche Rolle als stabile Verbindung zwischen Ost und West erhalten.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.