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Iran-Krieg: Türkische Tourismusbranche in Sorge

19. März 2026

Die Türkei ist eines der beliebtesten Urlaubsziele weltweit, sie belegte 2024 den vierten Platz im globalen Ranking. Doch der anhaltende Iran-Krieg bereitet ihrer Tourismuswirtschaft derzeit massives Kopfzerbrechen.

Cesme: Die Türkei blieb bisher von Angriffen aus dem Iran verschont. Ob die Sicherheitslage stabil bleibt, ist eine Frage, die derzeit viele Touristen aus Europa beschäftigt
Die Türkei blieb bisher von Angriffen aus dem Iran verschont. Ob die Sicherheitslage stabil bleibt, ist eine Frage, die derzeit viele Touristen aus Europa beschäftigtBild: Berkan Cetin/Anadolu/picture alliance

Die Türkei ist im Westen vor allem für ihre langen Sandstrände in der Mittelmeerregion bekannt. Dabei bietet das Land seit vielen Jahren weit mehr: Kulturreisen in ostanatolische Städte mit beeindruckenden historischen Sehenswürdigkeiten, Tauchen, Bergsteigen und Wandern in Provinzen der Grenzregionen, die jahrzehntelang wegen des Kurdenkonfliktes unzugänglich waren. Neben den altbekannten sind auch diese Ziele heute bei Inlands- und Auslandstouristen gleichermaßen beliebt.

Laut offiziellen Daten beherbergte die Türkei im Jahr 2025 rund 64 Millionen Touristen und setzte damit umgerechnet rund 56 Milliarden Euro um. Bereits im Vorjahr hatte das Land Italien überholt und war auf den vierten Platz weltweit hinter Frankreich, Spanien und den USA geklettert.

Seit der Corona-Pandemie hat die Branche massiv in Komfort und Sicherheit investiert. Man hoffte, in diesem Jahr die Marke von 65 Millionen Besuchern zu knacken und umgerechnet rund 59 Milliarden Euro umzusetzen. Doch der Iran-Krieg hat diese Pläne jäh durcheinandergebracht.

Der Van-See im Osten der Türkei nahe der iranischen Grenze war bisher ein beliebtes Ziel für Urlauber aus dem IranBild: DHA

In allen östlichen und südöstlichen Städten wurden Reisen und Übernachtungen storniert, meldet der Sektor besorgt. Normalerweise war es bisher üblich, dass in der dritten Märzwoche viele Touristen aus dem Iran kamen, um die Feiertage des Neujahrs- und Frühlingsfests Newrouz in den beliebten Hotels nah an der Grenze zu verbringen, einzukaufen und ihre im türkischen Exil lebenden Verwandten zu treffen. In diesem Jahr blieb dieser Strom aus.

Hundertprozentige Stornierungen in den Grenzprovinzen

Laut dem türkischen Statistikamt TÜİK kamen in den vergangenen Jahren durchschnittlich 3,3 Millionen Besucher jährlich aus dem Iran. Damit belegte das Nachbarland nach Russland, Deutschland, Großbritannien und Bulgarien den fünften Platz unter den wichtigsten Herkunftsländern.

"Seit Beginn des Iran-Krieges sind Reisen aus den östlichen und südöstlichen Nachbarländern komplett eingebrochen. Auch in umgekehrte Richtung kam es zum kompletten Stillstand", berichtet Onur Tuncdemir, Leiter von Verkauf und Marketing bei Ayanis Tour. Das Unternehmen bietet seit 1997 Reisen in den Iran und Irak an, vor allem in die benachbarten kurdischen Gebiete. "In den letzten Wochen sind wir nur noch mit Stornierungen und Rückerstattungen bereits angenommener Anzahlungen beschäftigt", so Tuncdemir. Der Krieg habe unmittelbare Folgen auch für die heimische Wirtschaft in den Grenzregionen. Die Branche leidet ihm zufolge bereits seit den regimekritischen Protesten Ende 2025 und Anfang 2026 unter massiven Verlusten. Seit dem 28. Februar sei es jedoch zu einem absoluten Stillstand gekommen - ausgerechnet jetzt, wo das Fest des Fastenbrechens und das Neujahrsfest Newrouz zusammenfielen.

Tauchen im Van-See: Auch die großen Seen im Osten des Landes sind beliebte Ziele für Unterwassersportler. Seit Beginn des Iran-Krieges wurden in den Grenzprovinzen jedoch nahezu alle Reisen und Buchungen storniertBild: DHA

Folgen für den europäischen Markt?

"Konflikte wie die aktuelle Eskalation im Nahen Osten haben unmittelbare Auswirkungen auf die Reisewirtschaft", so der Deutsche Reiseverband (DRV) auf Anfrage der DW. DRV-Präsident Albin Loidl konkretisiert sie: "Höhere Kerosinpreise, längere Flugrouten durch Luftraumsperrungen und mögliche Kapazitätsengpässe können sich mittelfristig in steigenden Flugpreisen niederschlagen." Gleichzeitig verschöben sich Urlaubswünsche in Richtung anderer Zielgebiete, aktuell in Richtung Westen wie etwa nach Spanien. Auch das könnte sich in steigenden Reisepreisen niederschlagen, weil sich Angebot und Nachfrage  verändern. Unabhängig vom Zielgebiet hat der Verband direkt nach Ausbruch des Krieges eine eher zurückhaltende Stimmung bei Neubuchungen beobachtet.

Dennoch erinnert der Verband daran, dass ein Großteil der Reisen für den Sommer und teilweise auch schon für den Herbst bereits gebucht ist. "Viele Deutsche haben ihren Urlaub so früh wie selten zuvor festgemacht. Das beliebteste Sommerreiseziel zwischen Mai und Oktober 2026 war Stand Ende Januar die Türkei - sowohl was den Umsatz als auch die Anzahl der Buchungen betrifft", so der DRV weiter, dicht gefolgt von Spanien und Griechenland.

Keine Gefahr für beliebte Reiseziele

Kaan Kavaloglu, Vorsitzender des Verbands der Hoteliers und Betreiber von Tourismusbetrieben im Mittelmeer (AKTOB), betont, dass an beliebten Orten wie Istanbul, Bodrum und Antalya keine Gefahr für Urlauber bestehe und es daher dort bisher keine massiven Stornierungen gebe. Dennoch stellt auch der AKTOB eine gewisse Zurückhaltung fest, insbesondere bei Buchungen aus Großbritannien. Die Reservierungen aus Russland und Deutschland blieben Kaan Kavaloglu zufolge auf dem gewünschten Niveau stabil.

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Die internationale Beratungsfirma Oxford Economics prognostiziert in einer aktuellen Analyse, dass der Tourismus im Nahen Osten 2026 zwischen 11 und 27 Prozent weniger Besucher verzeichnen könnte. Da die Flughäfen in den Golfstaaten auch wichtige Drehkreuze des weltweiten Reiseverkehrs seien und 14 Prozent der Flüge ausmachten, könnte dies Schätzungen zufolge eventuell einen Dominoeffekt auslösen.

Mit Schätzungen sind die Analysten derzeit allerdings sehr vorsichtig, denn die negativen Folgen hängen von vielen Faktoren ab - von der Dauer des Krieges bis hin zur Lage danach. Mehmet Isler, Vorsitzender des Verbandes der Tourismus- und Beherbergungsbetriebe in der Ägäis (ETIK), gibt sich hingegen zuversichtlich: "Die türkische Reisebranche ist sehr resilient. Wir haben Krisen wie die Pandemie, den Ukraine-Krieg und den Armenien-Aserbaidschan-Konflikt überlebt. Wir sind mittlerweile sehr erfahren im Umgang damit." Er bestätigt die massiven Stornierungen aus dem Iran und dem arabischen Raum, geht aber davon aus, dass sich Tourismusströme aus Krisenregionen in das sicherere Mittelmeer verlagern könnten und hofft damit auch auf die Türkei. Dennoch fügt er hinzu: "Die nächsten vier bis sechs Wochen werden entscheidend sein. Kurzfristige Verluste ziehen wir natürlich in Betracht."

Bisher hat der Iran das Nachbarland, das ein NATO-Mitglied und EU-Beitrittskandidat ist, nicht angegriffen. Drei Raketen, die vom Kurs abgekommen waren, wurden durch NATO-Luftabwehrsysteme in der Luft vernichtet.

In Europa beschäftigt die Urlauber kurz vor den Osterferien die Frage, welche Regionen sicher und nicht von den Kriegsfolgen betroffen sind. Am 11. März hat das deutsche Auswärtige Amt seine Türkei-Hinweise verschärft. Von nicht notwendigen Reisen in das Grenzgebiet der Türkei zu Iran, Irak und Syrien, in den Provinzen Agri, Igdir, Van, Sanliurfa, Mardin, Sirnak und Hakkari wird abgeraten.

Elmas Topcu Reporterin und Redakteurin mit Blick auf die Türkei und deutsch-türkische Beziehungen@topcuelmas
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