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PolitikIran

Iran: Kritische Wissenschaftler sind unerwünscht

Veröffentlicht 13. November 2025Zuletzt aktualisiert 15. November 2025

Inmitten der vielschichtigen Krisen im Iran ist der Druck auf kritische Ökonomen und Soziologen weiter gestiegen. Unabhängige Analysen über strukturelle Fehlentwicklungen werden abgelehnt.

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Die Führung der Islamischen Republik Iran erträgt keinerlei KritikBild: Fatemeh Bahrami/Anadolu/picture alliance

Eine Reihe renommierter Ökonomen und kritischer Soziologen im Iran ist in den vergangenen Wochen ins Visier der Sicherheitsapparate geraten. Am 8. November teilte Mohammad Maljoo, einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler des Landes, in einem kurzen Beitrag in den sozialen Netzwerken mit, dass er Anfang November drei Stunden lang in seiner Wohnung von Sicherheitsbehörden verhört und schikaniert worden sei. Dabei wurden all seine digitalen Geräte sowie einige seiner Bücher beschlagnahmt.

Der Wirtschaftsexperte, der an verschiedenen iranischen Universitäten unterrichtet und auch als Gastforscher an europäischen Instituten in Amsterdam und London tätig war, ist bekannt für seine kritischen Untersuchungen zur Wirtschaftsgeschichte des Iran, insbesondere zur Zeit nach der Revolution von 1979.

Die Bevölkerung spürt die Auswirkungen der Wirtschaftskrise schon seit langer ZeitBild: Faradeed

"Die verhörten Ökonomen vertreten mehrheitlich eine linke Perspektive", sagte der Soziologe Mehrdad Darvishpour, Professor an der Universität Mälardalen in Schweden, der zu politischen Veränderungen im Iran forscht.

"Diese linksorientierten Wissenschaftler argumentieren, dass - entgegen den Behauptungen der Machthaber - die gegenwärtig desolate Wirtschaftslage und die vielfältigen Krisen nicht nur das Ergebnis von Sanktionen und äußerem Druck seien, sondern auch Folge oligarchischer Netzwerke, die in enger Verbindung mit dem Machtapparat stehen und die Ressourcen des Landes ausplündern."

Ungelöste vielschichtige Krisen

Der Iran steckt in einer multidimensionalen Krise. Der ungelöste Konflikt um sein Atomprogramm nach dem zwölftägigen Krieg mit Israel und den USA, die Rückkehr sämtlicher UN-Sanktionen gegen das Land, die sich verschärfende Wirtschaftskrise, eine beispiellose Dürre, die bereits das sechste Jahr anhält, sowie die anhaltende Konfrontation staatlicher Behörden und Institutionen mit den Frauen, die religiöse Normen und die Zwänge des Machtapparats nicht akzeptieren wollen, verschärfen die Lage dramatisch.

"Die kompromisslosen, totalitären Machthaber fürchten, dass wieder eine Protestwelle entstehen könnte - selbst wenn diese friedlich bleibt", sagt Darvishpour. Der Soziologe fügt hinzu: "Nach dem Aufstand der Frauen mit dem Slogan Frau, Leben, Freiheit und dem jüngsten Zwölf-Tage-Krieg versucht die Islamische Republik, ihre Autorität wiederherzustellen, und hat begonnen, Kritiker und Intellektuelle zu unterdrücken."

Iranische Wirtschaft spürt Kriegsfolgen

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Denn im Iran gibt es viel Kritik: Die Verhöre und Verhaftungen kritischer Ökonomen und Soziologen, darunter zwei Frauen, Shirin Karimi und Mahsa Asadollahnejad, "beunruhigen die akademische Gemeinschaft und die iranische Gesellschaft zutiefst", sagt Ali Mohammad Hazeri, Mitglied des Verbandes der Universitätsdozenten, gegenüber der Nachrichtenagentur ILNA.

Der Vorstand der Iranischen Soziologischen Gesellschaft hatte bereits zuvor seine Besorgnis über die Vorladungen und Verhaftungen mehrerer Sozialwissenschaftler geäußert.

Die Islamische Studentenvereinigung der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Teheran verurteilte in einer Erklärung ebenfalls die "Verhaftung und Vorladung unabhängiger Forscher" und schrieb: "In einer Zeit, in der das Land von aufeinanderfolgenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Krisen erschüttert wird und die Machtinstitutionen entweder machtlos sind oder ihre Machtlosigkeit nicht eingestehen wollen, greift die Regierung zu alten Repressionsmethoden, anstatt zu reagieren."

Die Unfähigkeit der Ideologen

"Die Institutionen der Islamischen Republik und ihre offiziellen wie inoffiziellen Funktionäre sind so tief in auch selbst selbstverschuldete Krisen verstrickt, dass sie offenbar nicht in der Lage sind, die Probleme selbst zu lösen, oder die Lösungsansätze unabhängiger Experten anzunehmen", schrieb der Theologe Hassan Yussefi Eshkevari auf Anfrage der DW. 

Der Gesellschaft lässt sich schon lange nicht mehr vorschreiben, nach welchen Regeln sie leben sollBild: Fatemeh Bahrami/AA/picture alliance

Der schiitische Geistliche mit dem hochrangigen religiösen Titel Hodschatoleslam wurde aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem Klerus im Iran im Jahr 2000 in einem geheimen Prozess vom "Sondergericht für Geistliche" zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde ein Jahr später vom Berufungsgericht aufgehoben. 2005 wurde er aus dem Gefängnis entlassen; er verließ daraufhin das Land und lebt seitdem im Exil in Deutschland.

Fehler einzugestehen und Rat von qualifizierten Experten einzuholen, erfordere einen grundlegenden Wandel der Regierungsform der Islamischen Republik Iran, schreibt er und fügt hinzu: "Eine solche Transformation käme einer Zerstörung der bestehenden Strukturen gleich und erfordert Mut, Tapferkeit und ein gewisses Maß an Bürgernähe."

Doch ein Kurswechsel sei bisher ausgeblieben: "Das gesamte Handeln der Regierungsbeamten deutet vielmehr darauf hin, dass die restriktive und repressive Politik fortgesetzt wird. Die in den letzten Tagen erfolgten relativ weit verbreiteten Verhaftungen von Intellektuellen und Denkern der Linken bestätigen diese Entwicklung." 

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