1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Iran: Umweltkrisen und Proteste

28. Januar 2026

Jahrelange Dürre, Wasserknappheit und Luftverschmutzung belasten Bevölkerung und Landwirtschaft im Iran. Politik und Korruption haben die Krise verschärft. Dabei hätte das Land viel Potential, auch für Erneuerbare.

Smog liegt über Skyline von Teheran
Die Luftverschmutzung in Irans Hauptstadt Teheran gilt als eine der schlimmsten weltweitBild: Sobhan Farajvan/Pacific Press/picture alliance

Den Menschen im Iran geht zunehmend das Wasser aus. Zudem leiden sie unter einer dramatischen Luftverschmutzung. Diese Umweltkrisen sind laut Experten ein klares Versagen der iranischen Machthaber - und sie schüren die Wut der Menschen auf das Regime.

"Wenn ich es mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es Misswirtschaft", sagt Hamid Pouran im Gespräch mit der DW. Der Umweltforscher hat im Iran studiert und lebt heute in Großbritannien.

Das drängendste Umweltproblem des Landes ist die extreme Trockenheit, die nun schon im sechsten Jahr anhält und zu den schlimmsten Dürren der vergangenen Jahrzehnte zählt. Die Lage hat sich so zugespitzt, dass Präsident Masoud Pezeshkian im November erklärte, es gäbe keine andere Wahl, als die Hauptstadt umzusiedeln - weg von Teheran in den Süden des Landes, näher an den Persischen Golf. Kritikerinnen und Kritiker bezweifeln jedoch, dass dieser Schritt die zugrundeliegende Krise lösen wird.

Die Dürre im Iran verringert die Erntemengen - und steigert die LebensmittelpreiseBild: Fatemeh Bahrami/AA/picture alliance

Zwar ist der Iran durch ein trockenes Klima, geringe Niederschläge und gebirgiges Gelände gekennzeichnet. Doch Umweltforschende führen seine ökologischen Probleme größtenteils auf Korruption und schlecht durchdachte, auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Politik zurück. All dies wird durch die steigenden globalen Temperaturen verschärft, die das Dürrerisiko im Iran um ein Vielfaches erhöhen. "Der Klimawandel hat die Probleme verschlimmert", so Pouran. "Das bestreitet niemand. Doch das Problem ist Missmanagement, selbst unter unsicheren wirtschaftlichen Bedingungen."

Dem Iran fehlt Wasser für die Landwirtschaft

Fast das gesamte Wasser des Landes wird für die Landwirtschaft benötigt. Da der Iran vom Großteil des Welthandels ausgeschlossen ist, konzentriert sich das Land auf die Selbstversorgung mit Lebensmitteln und hat im Laufe der Jahre Landwirtinnen und Landwirten erlaubt, Brunnen in die tiefen Grundwasserleiter zu bohren.

Infolgedessen gibt es heute im Iran fast doppelt so viele Brunnen wie vor zwei Jahrzehnten. Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich mehr als 300 der 609 Grundwasserleiter in einem kritischen Zustand befinden. Rund 70 Prozent des gesamten Wasserbedarfs des Landes entfallen auf Gebiete, in denen das Grundwasser übernutzt ist.

"Vor etwa zehn Jahren versiegten die Brunnen, weil alle Grundwasserleiter erschöpft waren. Hektar über Hektar Pistazienplantagen sind im Grunde zu schwarzer Kohle geworden. Die Sonne hat die Bäume verbrannt", erzählt Houchang Chehabi, Historiker an der Boston University mit Schwerpunkt auf iranischer Politik.

Für den Reisanbau im Iran ist Wasser extrem wichtigBild: Fatemeh Bahrami/Anadolu Agency/picture alliance

Und nicht nur die Pistazien leiden darunter. Der Iran verfügt nicht mehr über die notwendigen Wasserressourcen, um den Anbau seiner wichtigsten Anbauprodukte wie Weizen, Gerste, Reis und Mais zu gewährleisten. Wenn Grundwasserleiter übermäßig genutzt werden, also so viel Wasser entnommen wird, so dass sie sich nicht auf natürliche Weise regenerieren und wiederaufüllen können, sinkt der Boden langsam ab. Etwa 3,5 Prozent des iranischen Staatsgebiets sind von solchen Bodensenkungen betroffen, die zu Schäden an Straßen, Gebäuden und Rohrleitungen führen können.

In den letzten Jahrzehnten wurden im Iran zudem Hunderte Staudämme gebaut, obwohl in den vergangenen 20 Jahren mehr als die Hälfte ihrer Gesamtkapazität ungenutzt blieb. Diese Großprojekte beeinträchtigen den Lauf der Flüsse und beschleunigen die Verdunstung des aufgestauten Wassers.

Auch der Bau von Staudämmen hat die Wasserkrise im Iran laut Experten verschlimmertBild: Majid Asgaripour/WANA/REUTERS

"Oft wurden diese Staudämme an Orten errichtet, an denen sie nicht hätten gebaut werden sollen", erklärt Alex Vatanka, Gründer des Iran-Programms beim Middle East Institute, einer US-Denkfabrik. "Machbarkeitsstudien wurden nicht durchgeführt. Und die entstandenen ökologischen Schäden sind von einem Ausmaß, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben." Der Staat habe den Bau von Staudämmen stark unterstützt, so Vatanka. "Staudämme wurden gebaut, weil damit Geld zu verdienen war".

Mehr als 30 Staudämme wurden im Nordwesten Irans an Flüssen errichtet, die in den Urmia-See mündeten. Er war früher der größte Salzwassersee des Nahen Ostens. Heute ist der See fast vollständig ausgetrocknet. Etwa ein Drittel der iranischen Bevölkerung lebt in Gebieten, in denen das Wasser knapp ist. Geringere Ernteerträge haben die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben, und Bauern verlassen massenhaft ihr Land und ziehen in die Städte, was dort die Wasserressourcen weiter verknappt.

In Städten wird schon seit längerem regelmäßig das Wasser abgestellt. Diese Entwicklung dürfte die politische Mobilisierung erleichtern. Wer materiell nichts mehr zu verlieren hat, ist eher bereit, das Risiko staatlicher Gewalt einzugehen. Schon in der Vergangenheit hat der Mangel an Wasser die Menschen im Iran auf die Straße getrieben. Im Jahr 2021 wurden im Zuge des "Aufstands der Durstigen" mehrere Menschen getötet und Hunderte verhaftet. "Wasser, Strom, Leben - unsere absoluten Rechte" ist seit dem letzten Jahr zu einem Schlachtruf bei den Protesten geworden.

Die jüngsten Massenproteste wurden von Irans Machthabern brutal niedergeschlagen. Das Regime spricht von 3117 Toten. Die in Norwegen ansässige Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights geht in einem Bericht vom 22. Januar allerdings von mehr als 25.000 Todesopfern aus. 

"Starlink" und der Kampf um den Internetzugang im Iran

03:35

This browser does not support the video element.

Verschmutzte Luft in iranischen Städten

Ein weiteres großes Umweltproblem ist die Luftverschmutzung. "Die iranische Luft ist an sich nicht verschmutzt", meint Vatanka. "Es ist eine Frage schlechter Politik, mangelnder Aufmerksamkeit und Isolation." Als Beispiel führt er die Autoproduktion an: "Die iranischen Autohersteller könnten umweltfreundlichere Autos produzieren, aber weil der Markt abgeschottet ist und es keine ausländische Konkurrenz gibt, können sie verkaufen, was sie wollen."

Neben den Autos trägt auch Masut, ein extrem umweltschädliches Nebenprodukt der Erdölproduktion, zur Luftverschmutzung bei. Mit diesem dunklen, schweren Heizöl werden iranische Kraftwerke in den Wintermonaten betrieben.

Und auch die Wasserkrise trägt zur Luftverschmutzung bei. Wenn Seen und Flüsse austrocknen, wirbelt der Wind gefährliche Staub- und Sandpartikel aus den freigelegten Flussbetten auf und verteilt sie über das ganze Land. Teheran ist von Bergen umgeben, die wie eine Glocke die Luftverschmutzung einschließen. Doch den Hauptgrund für die schlechte Luft in der Stadt sehen Umweltforschende in der schlechten Regierungsführung.

Nur kurzfristige Lösungen für Irans Umweltprobleme

Obwohl es Lösungen gäbe, die Irans Umweltprobleme verbessern könnten, fehle es laut Vatanka am politischen Willen, diese umzusetzen. Kritikerinnen und Kritiker bemängeln zudem, dass mit Notlösungen gearbeitet wird, statt die eigentlichen Ursachen der Probleme anzugehen.

Ein Beispiel dafür sind demnach die Pläne des Regimes für eine Pipeline, die entsalztes Wasser vom Persischen Golf in das 800 Kilometer entfernte Landesinnere transportieren soll. Umweltexperten fordern den Iran auf, sich stattdessen auf langfristige Lösungen wie die Wiederverwertung von Abwasser zu konzentrieren.

"Man könnte ein Sofortprogramm zur Abwasserbewirtschaftung auflegen, um einen Teil des Teheraner Abwassers aufzufangen und wiederzuverwenden", sagt Chehabi. "Doch unter den gegenwärtigen Umständen würde dies ein Maß an Planung und Koordination voraussetzen, das schlichtweg fehlt."

Umweltorganisationen fordern außerdem eine Agrarreform, um vom Anbau wasserintensiver Nutzpflanzen abzurücken, sowie die Instandsetzung der Qanate, einer alten persischen Tunneltechnik zur Wasserversorgung aus Grundwasserleitern, die durch Übernutzung kaputtgehen.

Wen treffen Sanktionen wirklich?

02:29

This browser does not support the video element.

Der Iran verpasst die Chancen der Energiewende

Obwohl zwei Drittel des Landes 300 Sonnentage im Jahr verzeichnen, erzeugt der Iran laut einem Bericht der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) von 2022 weniger als vier Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien. Und das, obwohl China, der größte Handelspartner des Irans, weltweit führend in der Produktion von Solarmodulen ist.

Zwar verfügt der Iran über die drittgrößten Ölreserven der Welt. Dennoch leidet das Land wegen unzureichender Investitionen in das Stromnetz, veralteter Infrastruktur und eines Systems politischer Vetternwirtschaft häufig unter Stromausfällen und Energieknappheit.

"Die Chancen für den Iran sind immens, aber solange eine Vision und ein ernsthafter Ansatz für die wirtschaftliche Entwicklung fehlen, werden Chancen wie Solar- und Windenergie verpasst", konstatiert Alex Vatanka vom Middle East Institute. "Man braucht einen klaren Fokus, man braucht eine wirtschaftliche Vision - und die hat dieses Regime nicht."

Adaption aus dem Englischen: Jeannette Cwienk

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen