Iran nach Chamenei: Inszenierung und Eskalation
1. März 2026
Das staatliche Fernsehen im Iran bestätigte den Tod des Revolutionsführers Ali Chamenei in einer Breaking-News-Meldung, rund zwölf Stunden nachdem sein Wohn- und Arbeitsgelände durch Dutzende Bomben weitgehend zerstört worden war. Der Komplex, als "Beit-e Rahbari" (Haus der Führung) bezeichnet und im Zentrum der Hauptstadt Teheran gelegen, gehörte zu den ersten Zielen der Militärschläge der USA und Israels gegen Iran am 28. Februar. Der 86-jährige Ajatollah, der sich in seinen öffentlichen Reden wiederholt einen Märtyrertod gewünscht hatte, befand sich trotz der hohen Wahrscheinlichkeit eines Angriffs offenbar weiterhin gemeinsam mit seiner Familie in seinem Wohn- und Arbeitskomplex.
Im Internet kursieren zahlreiche Videos, die zeigen, wie Menschen den Tod Chameneis nach 36 Jahren Herrschaft feiern. Die Videos sind verifiziert, ob und in welchem Umfang Menschen im Iran die Videos zu Gesicht bekommen, ist allerdings unklar. Denn das Internet im Land ist seit den Angriffen am Samstag weitgehend abgeschaltet und nur sporadisch erreichbar. Im Gegensatz zu diesen Videos überträgt das staatliche Fernsehen Versammlungen zahlreicher Anhänger der Islamischen Republik im ganzen Land, die den Tod Chameneis betrauern. Offiziell wurde eine 40-tägige Trauerzeit sowie eine einwöchige Arbeitsruhe (offizielle Feiertage) angeordnet.
Fortsetzung des Kampfes
Neben dem Revolutionsführer Chamenei wurden laut dem Staatsfernsehen bei einer Sitzung des Verteidigungsrats Schlüsselfiguren des Iran getötet, darunter Mohammed Pakpur, der Chef der Revolutionsgarden, Verteidigungsminister Asis Nasirsadeh und Abdolrahim Mussawi, der Generalstabschef der iranischen Streitkräfte.
Ungeachtet dessen erklärte Ali Laridschani, Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats Irans, in Kürze werde ein provisorischer Führungsrat eingerichtet, der den politischen Machtübergang überwachen soll. Dies erklärte er in einem Interview mit dem iranischen Staatsfernsehen. Laridschani erklärte ferner, dass man keinen Krieg mit den Nachbarn wolle, aber weiterhin US-Militärstützpunkte in Ländern des Nahen Ostens angreifen werde.
Die Revolutionsgarde schwört Rache
Die Revolutionsgarde teilte am Sonntag in einer offiziellen Stellungnahme mit, dass der Weg des Revolutionsführers fortgesetzt werde und schwor zugleich Vergeltung. "In Kürze werden die größten militärischen Operationen in der Geschichte der iranischen Streitkräfte gegen Israel und US-Stützpunkte in der Region beginnen", heißt es in einer Presseerklärung der Elitestreitmacht der Islamischen Republik.
Die Ausschaltung des religiösen und politischen Führers wird den Verlauf des Krieges kurzfristig nicht verändern. "Meiner Einschätzung nach führt die Tötung einzelner Führungspersonen nicht unmittelbar zu einem schnellen Zusammenbruch des Systems", sagte Farzan Sabet im Gespräch mit der DW.
Sabet ist Politikexperte mit Schwerpunkt auf Wirtschaftssanktionen und Sicherheitsfragen im Nahen Osten am Global Governance Centre des Geneva Graduate Institute. "Aus militärischer und sicherheitspolitischer Sicht scheint Iran bereits seit etwa eineinhalb Monaten auf eine mögliche Eskalation vorbereitet zu sein und verfügt zudem über Erfahrungen aus dem zwölftägigen Konflikt im vergangenen Sommer. Daher sind kleinere militärische Einheiten im gesamten Land in der Lage, Operationen auch ohne direkte Befehle aus der Zentrale auf Grundlage zuvor ausgearbeiteter Einsatzpläne fortzuführen." Die Dezentralisierung erhält die Handlungsfähigkeit des Iran.
Regionale Eskalation droht
Die Islamische Republik setzt derzeit jene Strategie um, die bereits vor Ausbruch des Krieges angekündigt worden war: die Ausweitung des Konflikts zu einem umfassenden regionalen Krieg. Bislang hat Iran nicht nur US-Militärstützpunkte in der Region, etwa in Katar und Bahrain, angegriffen, sondern auch die Ölinfrastruktur im Osten Saudi-Arabiens sowie dicht besiedelte urbane Zentren wie Dubai ins Visier genommen.
"Es gibt kein realistisches Szenario, in dem Teheran militärische Überlegenheit gegenüber den amerikanischen oder israelischen Streitkräften demonstrieren könnte", sagte der Iran-Experte Arman Mahmoudian, Dozent für Nahoststudien an der University of South Florida im Gespräch mit der DW. Aber der Iran könnte den Krieg so weit eskalieren, bis die militärisch überlegene Seite ihn beendet. "Ziel ist es, die Kosten des Krieges durch eine Destabilisierung der gesamten Region maximal zu erhöhen." Die Lage könne sich daher noch deutlich weiter verschärfen, so Mahmoudian.
Eine mögliche Störung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus, wie von den Revolutionsgarden am Samstag angedroht, oder die Aktivierung verbündeter Milizen wie der Hashd al-Shaabi im Irak oder der Huthi-Bewegung im Jemen könnten weitere Elemente dieser Strategie darstellen, vermutet auch Sara Kermanian, Forscherin für Internationale Beziehungen an der Universität Sussex, auf Nachfrage der Deutschen Welle.
Widerstandsfähigkeit trotz hoher Kriegskosten
Obwohl die Kosten dieses Krieges für Iran aufgrund der militärischen Asymmetrie zwischen den beiden Seiten sehr hoch sein können, verfüge das Land über eine größere strategische Belastbarkeit. "Die Islamische Republik kämpft um ihr politisches Überleben und unterliegt als nicht-demokratisches System einem geringeren innenpolitischen Druck hinsichtlich menschlicher oder finanzieller Verluste", sagte Kermanian und fügte hinzu: "Wenn der Iran den Konflikt ohne inneren Machtzerfall übersteht, könnte dies bereits als strategischer Erfolg gewertet werden. Die USA dagegen könnten stärker unter Druck geraten, wenn der Krieg weiter eskaliert."
Unter diesen Voraussetzungen geht es letztlich um die Frage, wer dem Druck länger standhält. Ohne Zweifel sind Israel und die USA militärisch überlegen, aber das spielt nur eine untergeordnete Rolle bei der Frage, welche Kosten beide Seiten für den Krieg hinnehmen können. Das iranische Regime kämpft um seine Existenz und hat bei der Niederschlagung der Proteste um die Jahreswende bewiesen, dass es bereit ist, die Bevölkerung jeden Preis bezahlen zu lassen.
Trump warnt den Iran vor weiteren Eskalationen. "Der Iran hat gerade erklärt, dass er heute sehr hart zuschlagen wird - härter als jemals zuvor“, schrieb er auf der Plattform "Truth Social". "Sie sollten das aber besser nicht tun, denn wenn sie es tun, werden wir mit einer noch nie dagewesenen Gewalt reagieren."
Ob es nach einer Phase weiterer Eskalation zu Verhandlungen zwischen den USA und einflussreichen Akteuren innerhalb des politischen Systems kommt, bleibt abzuwarten.