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Patienten im Iran leiden unter den Sanktionen

19. November 2025

Die Sanktionen gegen den Iran soll die Führung zum Einlenken bewegen und politisch unter Druck setzen. Allerdings verschärfen sich dadurch Probleme wie Medikamentenknappheit. Das trifft vor allem die Schwächsten.

Männer und Frauen mit Kopftüchern werden an einem Schalter in einer Apotheke beraten
Eine Apotheke in der iranischen Hauptstadt TeheranBild: Kyodo/MAXPPP/dpa/picture alliance

"Viele lebenswichtige Medikamente sind kaum noch verfügbar", sagt eine Apothekerin aus dem Iran, die anonym bleiben möchte. Sie berichtet, dass sich die Versorgungskrise in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt hat.

Zwar produziert der Iran laut der staatlichen Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde über 90 Prozent seiner Medikamente selbst.

Doch der pharmazeutischen Industrie fehlen manche Rohstoffe, die importiert werden müssen, und Spezialmedikamente, insbesondere für Krebspatienten, lassen sich seit der Aktivierung des Snapback-Mechanismus nur noch schwer ins Land holen.

Mohammad Jamalian, Mitglied des Gesundheitsausschusses im Parlament, erklärt Anfang Oktober gegenüber der Nachrichtenagentur ILNA: "Viele Menschen brechen ihre Behandlung aus Kostengründen ab. Das ist ein ernstes Problem, denn ohne Medikamente drohen schwerwiegende Komplikationen."

Wen treffen Sanktionen wirklich?

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Die Aktivierung des Snapback-Mechanismus im Streit um das iranische Atomprogramm und die Wiedereinsetzung aller UN-Sanktionen sollen das autoritäre System in Teheran unter Druck setzen und die Führung zum Umdenken zwingen.

In der Praxis treffen die Maßnahmen jedoch weniger die korrupte politische Elite als vielmehr die Bevölkerung.

Es gehöre zum Konzept von Sanktionen, dass sie die Bevölkerung unter Druck setzen, sagt Jerg Gutmann, Professor für Behavioral Law and Economics an der Universität Hamburg, auf Nachfrage der DW. Er fügt hinzu: "Der Druck soll Entscheidungsträger dazu bewegen, ihre Politik zu ändern. Eine Verarmung der Bevölkerung wird dabei in Kauf genommen."

Ziel sei es jedoch nicht, lebensnotwendige Medikamente unzugänglich zu machen.

"Smart sind die Sanktionen nicht"

"Oft ist von sogenannten "smarten Sanktionen" die Rede", schreibt Reza Majdzadeh, Professor an der School of Health & Social Care der University of Essex, auf Anfrage der DW. Wenn man den Blick auf das Gesundheitswesen richtet, "hält dieses Argument jedoch einer kritischen Prüfung nicht stand."

Majdzadeh forscht seit Jahren zu den Auswirkungen von Sanktionen auf die Gesundheitssysteme in Ländern wie Iran oder Afghanistan.

Er betont: "Trotz erheblicher Lücken in der Datenlage, vor allem in Afghanistan, wo verlässliche Gesundheitsstatistiken aufgrund schwacher wissenschaftlicher Infrastruktur kaum verfügbar sind, zeigt sich ein eindeutiger Trend: Die Armut nimmt zu und die Gesundheitsversorgung bricht zusammen."

Afghanen aus dem Iran kehren heim

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Majdzadeh und Gutmann gehören zu den Mitautoren einer Anfang November veröffentlichten Studie im Fachmagazin The Lancet, die untersucht, wie die wieder eingeführten UN-Sanktionen den Gesundheitsschutz im Iran beeinflussen.

Die Studie zeigt, dass Sanktionen, die der Durchsetzung internationaler Verpflichtungen dienen sollen, erhebliche unbeabsichtigte Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben können - insbesondere durch den eingeschränkten Zugang zu wichtigen Medikamenten und medizinischer Ausstattung. Frühere Erfahrungen zeigen, dass die Preise bei besonders wichtigen Arzneimitteln um bis zu 300 Prozent stiegen.

Schmuggel- und Drogenmafia profitiert

Im Iran sind - verstärkt durch chronisches Missmanagement und hohe Inflation - besonders die finanziell Schwächsten betroffen. Wer es sich leisten kann, bittet Verwandte und Bekannte im Ausland um Unterstützung, während die ärmeren Familien Medikamente verzweifelt auf dem Schwarzmarkt suchen müssen.

Davon profitiert eine organisierte Schmuggel- und Drogenmafia, die mangels Qualitätskontrolle ungeprüfte und teilweise abgelaufene Medikamente verkauft.

"Es gibt zahlreiche Telegram-Kanäle mit jeweils mehreren tausend Mitgliedern, in denen Medikamente angeboten werden", berichtet die Apothekerin. "Viele dieser Präparate sind abgelaufen."

Experten wie Majdzadeh fordern verbindliche internationale Regelungen, die humanitäre Ausnahmen nicht nur vorsehen, sondern auch wirksam umsetzen. Etwa transparente und unabhängige Überwachungsmechanismen, um Versorgungslücken in Sanktionssituationen frühzeitig zu erkennen, zum Beispiel durch eine engere Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie der WHO.

Die durch Finanzsanktionen verursachten Engpässe, die den Zugang zu internationalen Märkten erschweren, seien kurzfristig jedoch kaum zu beseitigen, meint Gutmann.

Dennoch werden Sanktionen aus seiner Sicht vermutlich auch künftig ein Instrument bleiben, mit dem Staaten internationale Regeln und politische Interessen durchsetzen. "Objektiv gesehen ist es ebenso fragwürdig, Sanktionen grundsätzlich abzulehnen, wie Politikern in ihrer Anwendung blind zu vertrauen. Es kommt darauf an, die Öffentlichkeit über Nutzen und Risiken zu informieren, damit politische Entscheidungen verantwortungsvoll getroffen werden."

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