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Irans Revolutionsgarden: Schattenmacht unter Druck

17. Januar 2026

Während Tausende aus Wut über Misswirtschaft und Korruption in landesweiten Protesten auf die Straße gehen, halten die Eliten im Iran eisern an der Macht fest. Aber wie lang kann sich das Mullah-Regime halten?

Revolutionsgardisten in Uniform bei Zeremonie zum 40. Jahrestag der Islamischen Revolution
2019 feierten die Revolutionsgarden 40 Jahre Islamische RevolutionBild: Vahid Salemi/AP Photo/dpa/picture alliance

Als 1979 die islamische Revolution die Herrschaft des Schahs zu Fall brachte, bekam man für 70 Iranische Rial einen US-Dollar. Anfang 2026 mussten astronomische 1,4 Millionen Rial bezahlt werden, um einen einzigen US-Dollar zu erhalten. Klar, dass immer mehr Menschen im Iran unter diesem dramatischen Abstieg ihrer Landeswährung leiden. Immerhin war sie zu Zeiten des Schah im Vergleich zum amerikanischen Dollar fast 20.000 mal mehr wert als heute.

Selbst Gruppen, die das schiitische Regime nach der Revolution 1979 unterstützt haben, gingen in den vergangenen Wochen auf die Straße. Die einflussreichen Bazaar-Händler in Teheran hatten im Dezember 2025 als erste öffentlich gegen die Wirtschaftsmisere, die galoppierende Inflation von fast 50 Prozent und den dramatischen Wertverfall des Rial protestiert.

"Wir leiden. Wir können keine Waren importieren, weil die USA Sanktionen verhängt haben und weil nur die Revolutionsgarden oder mit ihnen verbundene Kreise die Wirtschaft kontrollieren. Und die denken nur an ihren eigenen Vorteil", wird ein Bazaari, der anonym bleiben wollte, im jahrhundertealten Großen Basar von Teheran von Reuters zitiert.

Frust vor der Wechselstube in Teheran: Der Rial verliert zusehends an Wert gegenüber dem US-DollarBild: Sha Dati/Xinhua News Agency/picture alliance

"Die gesamte Energie-Infrastruktur des Landes ist in schlechtem Zustand. Der Iran hat daher Schwierigkeiten, seinen Sozialvertrag einzuhalten. Trotz seines Energiereichtums sind Stromausfälle an der Tagesordnung. Da Energiesubventionen einen immer größeren Teil des Staatshaushalts ausmachen, wurden die Benzinpreise erhöht, was Familien und Gewerbe trifft", beschreibt Andreas Goldthau von der Universität Erfurt im Interview mit der DW die Wirtschaftsmisere.

Revolutionsgarden, Bonyads und das Elitennetzwerk des Iran

Die wirtschaftliche Struktur des Iran ist untrennbar mit der politischen Elite der Islamischen Republik verflochten, besonders mit den Revolutionsgarden (Englisch: "Islamic Revolutionary Guard Corps" oder IRGC), die weite Teile der Wirtschaft kontrollieren. Dazu kommt ein Netzwerk religiöser Stiftungen, der sogenannten Bonyads. Sie geben bei Infrastrukturprojekten, Schulen und der Pharmaindustrie den Ton an. Auch das "Siegel des Propheten" hat nichts mit dem im Topkapi-Palast in Istanbul ausgestellten Exponat zu tun: Unter diesem Namen firmiert der größte Bau- und Industriekonzern im Iran - ebenfalls kontrolliert von den Revolutionsgarden.

Die Gardisten verdienen an jedem Flugpassagier, jedem Schiffscontainer, jedem nur denkbaren Export- oder Import-Geschäft. Ganz gleich, ob es um Erdöl, die Rüstungsindustrie oder medizinische Spezialkliniken geht - ohne die IRCG geht im Iran so gut wie gar nichts. Sie gelten als größte Schmuggel-Organisation des Landes, die sanktioniertes Öl nach China verschifft oder im Iran verbotenen Alkohol ins Land bringt.

Sie besitzen vom Westen sanktionierte Fluglinien wie Mahan Air oder den Löwenanteil am größten Telekom-Konzern TCI. An der Nummer Zwei der Branche, MTN Irancell, ist neben dem Militär auch das Umfeld des Obersten Religionsführers Ali Chamenei beteiligt.

Gohar Eshghi, Mutter des 2012 im Gefängnis zu Tode gefolterten Bloggers Sattar Beheshti, wird ein Satz zugeschrieben, der die Verlogenheit der iranischen Eliten auf den Punkt bringt. "Ihre Kinder leben im Westen, unsere Kinder liegen auf dem Friedhof oder sitzen im Gefängnis", so die Kritik an den Eliten, deren anti-westliche Rhetorik offenbar nicht für den eigenen Nachwuchs gilt.

Wie groß ist aber der Einfluss der Gardisten genau? Darüber zerbrechen sich selbst Iran-Experten seit vielen Jahren den Kopf. Denn die Firmenbeteiligungen und Unternehmensnetzwerke der Revolutionsgarden sind völlig intransparent, eine Kontrolle oder Aufsicht findet so gut wie nicht statt - auch wenn staatliche Stellen vereinzelt gegen Mitglieder der IRGC wegen Korruption vorgehen.

Welche Rolle spielen die Revolutionsgarden im Iran?

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"Es besteht kein Zweifel daran, dass die IRGC und die Bonyads seit Ende der 2000er Jahre die dominierenden Wirtschaftsakteure im Iran sind. Es ist allerdings schwierig, ihren genauen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu schätzen. Sie betreiben vielschichtige Netzwerke mit Holdinggesellschaften, Scheinfirmen und sogenannten Wohltätigkeitsstiftungen, was es schwierig macht, den gesamten Umfang ihrer Aktivitäten zu erfassen", sagt Kayhan Valadbaygi, Forscher am Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISH) in Amsterdam, im Interview mit der Deutschen Welle.

Valadbaygi hat berechnet, dass das Wirtschaftsnetzwerk von Militärs und religiös-revolutionären Stiftungen bereits Ende der 2010er Jahre etwa 50 Prozent des iranischen BIP ausmachte. "Seitdem haben diese Institutionen ihren Einfluss auf die Wirtschaft weiter gefestigt, sodass ich mit Sicherheit sagen kann, dass sie mittlerweile weit über die Hälfte der Wirtschaftsleistung des Landes kontrollieren."

Ein ausgebrannter Linienbus nach Protesten auf dem Sadeghieh-Platz in TeheranBild: Atta Kenare/AFP/Getty Images

Wie vehement die Revolutionsgarden bei allen möglichen Geschäften ihren Anteil fordern, wurde deutlich als die IRGC den Börsengang des Tech-Startups Divar, Irans führender Plattform für Kleinanzeigen, blockierten. Und das, obwohl sie keine Anteile an dem Unternehmen hielten.

"Im Iran taucht immer, wenn man Geld verdient, plötzlich irgendeine Organisation, irgendeine quasi-staatliche Einrichtung auf, die dazwischen grätscht", klagte ein Unternehmer aus dem Umfeld des Vorstands von Divar gegenüber der Washington Post.

Wie lange kann sich das "Zombie-Regime" noch halten?

Wie lange die Proteste der Bevölkerung noch anhalten, weiß niemand. Aber die Zahl der Unzufriedenen scheint zu wachsen, wie Iran-Experte Karim Sadjadpour vom Carnegie Endowment for International Peace im Interview mit dem US-Sender MS Now betonte. "Die Revolution von 1979 brauchte ein Jahr bis zu ihrem Höhepunkt. Die Proteste gegen den Schah begannen im Januar 1978, es gab also zwölf Monate Proteste. Die aktuellen Proteste haben dagegen erst vor etwa drei Wochen begonnen."

Karim Sadjadpour beschreibt die iranischen Herrscher "als Zombie-Regime mit einer sterbenden Ideologie, sterbenden Legimität, sterbenden Wirtschaft und einem sterbenden, 86-jährigen Diktator." Aber es sei immer noch in der Lage, tödliche Gewalt auszuüben. "Und das hält das Regime an der Macht."

Irans Wirtschaft am Boden

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Diese Gewalt könne aber nur das "Begräbnis des Regimes" hinauszögern, argumentiert Sadjadpour. "Iran ist eine Nation auf dem Scheitelpunkt zu irgendeiner Art der Transformation. Denn was auch immer aus diesen Protesten wird, es gibt einen 86-jährigen Obersten Führer, der bald abtritt und ich glaube, niemand in der Gesellschaft oder selbst innerhalb des Regimes glaubt daran, dass der Status Quo Bestand haben wird."

Für den Iran-Experten Kayhan Valadbaygi liegt der Schlüssel zum Sturz des Systems vor allem bei den USA. Und damit meint er nicht ein militärisches Eingreifen im Iran durch Donald Trump.

Selbst ein weiterer Rückgang der Ölpreise unter 50 US-Dollar pro Barrel würde das Regime nicht gefährden. Der Iran habe bereits früher Phasen niedriger Preise durchlebt und gelernt, mit Schwankungen auf dem globalen Ölmarkt umzugehen. "Während des Ölpreisverfalls von 2014 bis 2016 und dann erneut im Jahr 2020 fielen die Preise deutlich unter dieses Niveau, während der Iran bereits unter schweren internationalen Sanktionen stand", erinnert Valadbaygi.

Was wirklich zähle, sei nicht der Ölpreis an sich, sondern die Frage, ob der Iran sein Öl trotz US-Sanktionen tatsächlich verkaufen kann. "Niedrige Preise sind schmerzhaft, aber verkraftbar; eine fast vollständige Einstellung der Ölexporte wäre für die Staatseinnahmen und die finanzielle Stabilität aber weitaus schädlicher", so der Iran-Experte.

Thomas Kohlmann Redakteur mit Blick auf globale Finanzmärkte, Welthandel und aufstrebende Volkswirtschaften.
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