Trauer um Ajatollah wird zur Machtdemonstration
3. Juli 2026
Die Trauerfeiern für Ali Chamenei sollen "die größte Versammlung in der Geschichte der Hauptstadt" werden. Das erklärte der amtierende Teheraner Bürgermeister Alireza Zakani gegenüber iranischen Medien.
Für die Beisetzung des getöteten ehemaligen Obersten Führers der Islamischen Republik Iran, der 37 Jahre lang in allen zentralen Angelegenheiten des Landes das letzte Wort hatte, ist eine sechstägige Zeremonie vorgesehen.
Der 86-jährige Ajatollah wurde zusammen mit mehreren Mitgliedern seiner Familie bei Raketenangriffen auf seinen Wohn- und Arbeitskomplex im Zentrum Teherans getötet. Am ersten Tag des Iran-Krieges, der mit den Angriffen der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar begann, waren mehrere Raketen auf den Gebäudekomplex abgefeuert worden.
Satellitenaufnahmen zeigen erhebliche Zerstörungen der Anlage. Ob die Leichname geborgen werden konnten und in welchem Zustand sie sich befanden, ist bislang unklar.
Die Trauerzeremonien, die ursprünglich für Anfang März geplant waren, mussten wegen des Krieges verschoben werden. Erst nachdem zwischen Washington und Teheran eine fragile Waffenruhe vereinbart worden war, kündigten die iranischen Behörden die Trauerfeierlichkeiten an.
Nach Angaben des Organisationsleiters Ali-Akbar Purdschamschidian sollen die Feierlichkeiten "den nationalen Zusammenhalt stärken". Ob das gelingt, ist fraglich.
Wachsende gesellschaftliche Spannungen
"Im Gegensatz zu Ajatollah Ruhollah Khomeini, der die ersten zehn Jahre nach der Revolution von 1979 an der Macht war, stand Ajatollah Chamenei 37 Jahre an der Spitze des Staates und führte das Land mit ausgeprägtem Mikromanagement, wobei er in nahezu alle politischen und staatlichen Bereiche eingriff", sagt Mehrzad Boroujerdi, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft an der Missouri University of Science and Technology.
Während der Amtszeit Chameneis verschärfte sich die Lage im Iran. Das Land geriet infolge von Korruption, Missmanagement und verschärften Sanktionen im Zusammenhang mit dem Streit um das iranische Atomprogramm zunehmend unter Druck.
Die allgemeine Unzufriedenheit wuchs und erfasste immer größere Teile der Gesellschaft. Es kam mitunter zu schweren Unruhen, darunter die Grüne Bewegung von 2009, die Mahsa-Bewegung mit dem Slogan "Frau, Leben, Freiheit" im Jahr 2022 sowie landesweite Proteste im Dezember und Januar 2025/2026. Sie wurden von den Sicherheitskräften mit großer Härte niedergeschlagen.
"Die Haltung von Ali Chamenei als Staatsoberhaupt war stets, gegenüber seinen Gegnern keinerlei Zugeständnisse zu machen - nicht nur gegenüber Regimekritikern, sondern auch bei reformorientierten Kräften innerhalb des Machtapparats", sagt der Politikwissenschaftler Boroujerdi im Gespräch mit der DW.
Die zunehmende Entfremdung zwischen Gesellschaft und politischem System sei daher auch eine Folge von Chameneis Politik. "Viele Menschen sind des bestehenden Systems überdrüssig geworden."
"Es ist für viele Protestierende, die die Unterdrückung im Dezember und Januar miterlebt haben, schwer zu verkraften, dass die Islamische Republik am Ende gewonnen hat", sagt eine Frauenrechtlerin aus Teheran im Gespräch mit der DW, die anonym bleiben möchte. "Die Anhänger der Islamischen Republik haben neuen Auftrieb erhalten."
Der Krieg habe zugleich vielen Menschen vor Augen geführt, dass sie nicht auf Hilfe aus dem Ausland hoffen können und letztlich auf sich allein gestellt sind. Die massiven Bombardierungen dicht besiedelter Städte sowie die Zerstörung wichtiger Industrieanlagen - darunter petrochemische Betriebe und Stahlwerke - hätten Tausende Arbeitsplätze vernichtet und insbesondere viele junge Menschen zusätzlich desillusioniert.
Im 93-Millionen-Einwohner-Land mobilisiert der Staat nun seine Anhänger für die Trauerfeierlichkeiten. Ab Samstag sind in der iranischen Hauptstadt drei Tage des Gedenkens vorgesehen. In dieser Zeit werde die Hauptstadt "vollständig geschlossen und arbeitsfrei sein", haben die Behörden angeordnet. Für die Unterbringung der Besuchenden aus anderen Landesteilen wurden umfangreiche Vorbereitungen getroffen.
Außenpolitische Signale und regionale Machtdemonstration
Beigesetzt wird Ali Chamenei schließlich am 9. Juli in seinem Heimatort, der für Schiiten heiligen Stadt Maschhad im Nordosten des Iran. Trauerzeremonien werden am Vortag auch in den für Schiiten heiligen Städten Nadschaf und Kerbela im Nachbarstaat Irak stattfinden. Die Trauerfeiern sollen zugleich dazu dienen, den Einfluss Irans in der Region zu demonstrieren.
Dass der Iran in den Verhandlungen mit den USA die sogenannte "Libanon-Front" bereits im ersten der insgesamt 14 Punkte des Memorandums verankert hat, soll ebenfalls zeigen, dass die außenpolitische Linie Ali Chameneis fortgesetzt wird.
Die Hisbollah sei nun enger an den Iran, insbesondere an die Quds-Brigade (= Auslandseinheit der Revolutionsgarden, Anm. d. Red.), herangerückt und verlasse sich in politischen wie militärischen Fragen stärker auf Teheran, sagt Hamidreza Azizi, Nahostexperte und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.
Der Autor des kürzlich erschienenen Buches "The Axis of Resistance: Iran, Israel and the Struggle for the Middle East" ergänzt jedoch, dass innerhalb der Machtstrukturen der Islamischen Republik, insbesondere in den Reihen der Revolutionsgarde, kein vollständiger Konsens über Verhandlungen und ein mögliches Abkommen des Irans mit den USA bestehe. Der Ausgang der Verhandlungen bleibt ungewiss.
Viele Anhänger der Islamischen Republik werden nicht nur aus emotionaler Verbundenheit mit dem getöteten Ajatollah an der Trauerzeremonie teilnehmen, analysiert der Historiker und Politikwissenschaftler Mehrzad Boroujerdi. "Zwei militärische Großmächte haben den Iran angegriffen, und die Islamische Republik steht dennoch weiterhin." Für viele Anhänger des Systems sei dies ein Beleg dafür, dass sie trotz erheblicher Verluste überlebt habe.
"Sollte auch nur die Hälfte der 14 Punkte des vereinbarten Verständigungsrahmens zwischen dem Iran und den USA tatsächlich umgesetzt werden, wäre dies ein erheblicher Erfolg für den Iran," sagt Boroujerdi. "Weder nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs noch im Rahmen des Atomabkommens (JCPOA) konnte das Land vergleichbare Zugeständnisse erreichen."
Zu den iranischen Forderungen gehörte zudem, dass sich die USA nicht in die inneren Angelegenheiten Irans einmischen. Eine solche Zusage haben die Vereinigten Staaten zuvor nie gemacht. Sie ist nun im vereinbarten Memorandum festgehalten.