Iran: Zivilisten gefangen zwischen Bomben und Regime
9. März 2026
Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs infolge amerikanischer und israelischer Angriffe auf verschiedene Ziele im Iran am 28. Februar sind viele Kontakte im Land nicht erreichbar, weder per Telefon noch über das Internet. Statistiken der Internetüberwachungsorganisation NetBlocks zeigen, dass die Internetkonnektivität seit Ende vergangenen Monats nur noch bei etwa einem Prozent des normalen Niveaus liegt.
Einige wenige Kontakte kann man noch über Kommunikations-Apps wie Imo, Telegram oder WhatsApp, seltener auch über Instagram erreichen. "Ich habe die Stadt verlassen, nachdem ein Gebäude in unserer Straße bombardiert wurde", erzählt eine alleinerziehende Mutter, die anonym bleibt. Wer in dem Mehrfamilienhaus in ihrer Nachbarschaft in der Megacity Teheran wohnte, wusste sie nicht.
Als der Krieg ausbrach, war die 42-jährige Fotografin sich sicher, dass sie zu Hause bleiben würde, bis gezielte Angriffe auf Funktionäre der Islamischen Republik die Menschen befreien würden. In der Nacht des dritten Tages des Krieges musste sie mit ihrem Kind die Stadt verlassen und zu ihren Verwandten in einem Vorort fahren. "Wir haben mehrere Raketen herunterkommen sehen." Sie sei froh, jetzt nicht in Teheran zu sein.
Angst vor giftigem Regen
In der Stadt wächst nun die Angst vor saurem Regen. Nach israelischen Angriffen auf mehrere Öldepots rund um die Hauptstadt verdunkelte dichter, schwarzer, toxischer Rauch die Metropole. Die iranische Umweltbehörde hat die Bevölkerung aufgefordert, in den Häusern zu bleiben. Der Rote Halbmond warnte, dass die im Nieselregen enthaltenen Chemikalien Haut und Lunge schädigen könnten.
Nicht nur Öldepots, sondern auch viele andere Ziele der Angriffe befinden sich im dicht besiedelten Teheran. Bei jedem Angriff sterben auch Zivilisten, die nicht wissen, wie sie sich schützen können. Es gibt weder Sirenen noch Schutzbunker.
Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists in Iran (HRANA) mit Sitz in den USA wurden seit Kriegsbeginn bis zum 8. März insgesamt 1205 Zivilisten im Iran getötet, darunter mindestens 194 Kinder. Die Zahl der militärischen Todesopfer liegt laut HRANA bei 187, hinzu kommen 316 ungeklärte Todesopfer (zivil oder militärisch).
Unter den zivilen Opfern sind mindestens 110 Schulkinder zwischen sieben und zwölf Jahren, die am ersten Tag des Krieges bei einem Angriff auf eine Mädchenschule in Minab im Süden des Landes getötet wurden. Recherchen von Teams der New York Times und der Plattform Bellingcat haben unabhängig voneinander ergeben, dass die Schule höchstwahrscheinlich vom US-Militär angegriffen wurde. Das wäre ein Kriegsverbrechen.
Appell an internationale Organisationen
"Keiner der Kriegsparteien hält sich an die Regeln", sagt Moin Khazaeli, ein iranischer Human-Rights-Forscher. Khazaeli, Politikwissenschaftler und Kriminologe, lebt seit 2009 in Schweden.
Er fügt hinzu: "Infrastrukturen wie Ölanlagen im Iran sind nicht per se militärische Ziele, genauso wenig wie zivile Infrastrukturen und Wohngebiete, die die Islamische Republik in den Nachbarländern angreift. Die Islamische Republik schützt ihre eigene Bevölkerung nicht. Es gibt weder Schutzbunker noch Alarmanlagen, und Informationen darüber, wie sich die Menschen verhalten sollen, fehlen, zumal das Internet ausgeschaltet ist."
Internationale Organisationen sollten dafür sorgen, dass der Iran seiner Bevölkerung humanitäre Hilfe zugänglich macht. "Noch wichtiger: Die Islamische Republik ist verantwortlich für das, was gerade geschieht. Internationale Organisationen müssen sich dafür einsetzen, dass die Islamische Republik einen friedlichen Machtübergang ermöglicht und die Menschen selbst entscheiden können, wie sie leben wollen."
Vor dem Ausbruch des Krieges hörte man in fast jedem Gespräch mit Menschen im Iran, die die brutale Unterdrückung der landesweiten Proteste im Januar erlebt hatten, einen Wunsch: einen Regime-Wechsel durch gezielte Tötung von Verantwortlichen der Islamischen Republik. Mit jedem weiteren Tag, an den der Iran-Krieg weitergeht, schwindet die Hoffnung auf einen schnellen Regime-Wechsel im Land.
Viele Menschen sind noch in Teheran, weil sie arbeiten und ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Viele sind besorgt, dass sich die Lage nach der Ernennung des neuen iranischen Anführers Modschtaba Chamenei weiter verschärft.