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Iranischer Flüchtling darf zu Olympia

Benjamin Bathke
8. Juni 2021

Zweimal hat Kanute Saeid Fazloula die Olympischen Spiele verpasst, jetzt wird er in Tokio mitpaddeln. Nicht für die alte Heimat Iran, nicht für die neue in Deutschland, sondern für das internationale Flüchtlingsteam.

Deutschland Saeid Fazloula
Bild: Helge Prang/GES-Sportfoto/picture-alliance

An einem regnerischen Tag sehen die Karlsruher Rheinhäfen mit ihren alten Silos und Kränen nicht gerade ansprechend aus. Doch in einem der 120 Jahre alten künstlichen Becken werden Sportlerkarrieren geschmiedet: Containerschiffe teilen sich den 700 Meter langen Kai mit Kanuten des Kanuclubs Rheinbrüder, einem Bundesleistungszentrum.

Saeid Fazloula hat gerade seine zweite Trainingseinheit des Tages absolviert. Er hebt sein Carbon-Kanu aus dem Wasser, schultert es und trägt es zurück in die Garage, wo er es abwischt. Das Kanu trägt einen schwarz-goldenen Adler am Bug und die Farben der deutschen Flagge.

Man könnte glauben, dass Fazloula hart trainiert, um Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio zu vertreten. Tatsächlich wird der Iraner einer von 29 Flüchtlingssportlern sein, die bei den Olympischen und Paralympischen Spielen in Tokio antreten werden. Das hat das Internationale Olympische Komitee IOC an diesem Dienstag (8.6.2021) bekanntgegeben.

Aus Angst vor den Repressionen des Regimes floh Fazloula 2015 aus dem Iran und landete in Deutschland, wo er den Flüchtlingsstatus erhielt. Doch das war nicht die einzige Hürde, die er zu überwinden hatte.

Eine große Familie

Fazoulas Trainingsalltag besteht aus einem Mix aus Krafttraining, Laufen, Paddeln und Schwimmen - in einer Gruppe von elf  Kanuten, mit denen er an sechs Tagen in der Woche mehrmals täglich trainiert. "Wir kommen sehr gut miteinander aus, sie stehen zu 100 Prozent hinter mir", sagt er. "Selbst wenn einige von uns keine Wettkämpfe bestreiten, unterstützen sie die, die es tun, indem sie mit ihnen trainieren. Wir treffen uns auch regelmäßig, um Eis zu essen oder spazieren zu gehen. Wir sind eine große Familie."

Saeid Fazloula im deutschen Nationaltrikot - bei Olympia darf er nicht für seine neue Heimat startenBild: Imago/A. Djorovic

Trotzdem räumt Detlef Hofmann, Fazloulas Mentor und Trainer, ein, dass die beiden größten Herausforderungen - neben der Sprachbarriere - das völlig andere Trainingssystem im Iran und Fazloulas "persische" Mentalität waren. 

"Während wir in Deutschland auf den Grundlagen aufbauen, ist es im Iran eher ein Survival of the Fittest, getreu dem Motto, viel hilft viel'", so der siebenfache Weltmeister gegenüber der DW. "Noch herausfordernder war der Unterschied in der Mentalität, zum Beispiel im Umgang mit Niederlagen. Im Iran ist die Herangehensweise mit viel Emotionen und Druck verbunden. Aber Misserfolge sind eigentlich Chancen, um zu lernen."

Vom Regime fallen gelassen

Aufgewachsen am Kaspischen Meer, war Fazloula ein gefeierter Kanufahrer, bevor er floh. "Ich hatte im Iran alles, was ich wollte - Geld, ein Auto und eine Wohnung", sagt er. Bei den Asienspielen 2014 gewann Fazloula mit der Nationalmannschaft seines Heimatlandes Silber. Ein Jahr später verstieß er gegen die Vorschriften des Regimes, als er nach der Weltmeisterschaft ein Selfie vor dem berühmten Mailänder Dom machte. Wegen dieses Bildes beschuldigte ihn das Regime, zum Christentum konvertiert zu sein; bei seiner Ankunft in Teheran wurde er zwei Tage lang festgehalten und mit der Todesstrafe bedroht.

Das Flüchtlingsteam von Rio

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Fazloula verließ den Iran zunächst zu Fuß über die Grenze in die Türkei, dann auf die griechische Insel Lesbos und weiter über die Balkanroute nach Serbien bis nach Karlsruhe. Nachdem er schnell Deutsch gelernt und sich an die neuen Trainingsmethoden gewöhnt hatte, überraschte Fazloulas Arbeitsmoral und Hartnäckigkeit bald das ganze Team, sagt Hofmann.

"Ich hätte nie gedacht, dass er es in die deutsche Nationalmannschaft schafft, aber dann haben wir gesehen, wie er bis zum Umfallen trainiert hat. Das hat wiederum die Mannschaft motiviert, die es ihm mit der Integration zurückgegeben hat."

Letzte Hoffnung Flüchtlingsteam

2015 kündigte das Internationale Olympische Komitee (IOC) an, eine Flüchtlingsmannschaft für die Olympischen Spiele in Rio aufzustellen. In diesem Jahr kamen mehr als eine Million Flüchtlinge nach Europa, nachdem sie vor Kriegen im Nahen Osten, Afrika und Zentralasien geflohen waren. Die Mannschaft, die in den Disziplinen Leichtathletik, Schwimmen und Judo antrat, war eine der Erfolgsgeschichten der Spiele. Fast fünf Jahre später hat Saeid sich einen der begehrten Plätze im Refugee Olympic Team (ROT)erkämpft. 

Die Mitglieder des ROT wurden "in erster Linie nach den sportlichen Leistungen der Athleten und ihrem vom UNHCR bestätigten Flüchtlingsstatus ausgewählt", sagte IOC-Sprecherin Anne-Sophie Thilo der DW. "Der persönliche Hintergrund sowie eine ausgewogene Repräsentativität in Bezug auf Sport, Geschlecht und Regionen werden ebenfalls berücksichtigt", fügte sie hinzu. "Wir haben ein gemeinsames Ziel und wollen zeigen, dass wir gemeinsam sehr stark sind", sagt Fazloula mit aufgeregtem Gesichtsausdruck. 

Denke es, glaube es, werde es

Nachdem er sich mit der iranischen Nationalmannschaft nicht für die Olympischen Spiele 2012 in London qualifizieren konnte, hatte es Fazloula zwar vier Jahre später auf die Kandidatenliste des neu gebildeten Flüchtlingsteams für Rio geschafft - nur um kurz vor den Spielen von der Liste gestrichen zu werden. Diesmal hat es nun geklappt.

Asienspiele 2014: Silber für Fazloula (l.) im Zweier mit Ali AghamirzaeijenaghradBild: Getty Images/AFP/I. Mukherjee

Auf die Frage, was ihn angesichts all der Rückschläge motivierte, verweist er auf ein Motto, das auf einem Zitat von Muhammad Ali basiert: "Think it, believe it, become it". "Wenn es eine Sache gibt, die ich mir immer sage, dann ist es das", sagt Fazloula mit einer trotzigen Geste. "Ich muss einfach daran glauben, dass ich es schaffen werde, egal, was es ist."

Adaption: Tobias Oelmaier

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