Iran‑Krieg trifft Flüchtlinge und die Ärmsten zuerst
12. März 2026
Seit dem Ausbruch des Krieges versuchen Tausende afghanische Familien, das Land zu verlassen und in ihre alte Heimat zurückzukehren. Zuverlässige Statistiken über die Zahl der Rückkehrer gibt es bislang nicht.
An Grenzübergängen wie Islam Qala kommen dennoch täglich zahlreiche verzweifelte Familien an. Journalisten vor Ort berichten von erschöpften Menschen, die nach einer oft beschwerlichen Reise aus verschiedenen Teilen des Iran eintreffen.
Der 48-jährige Mohammad Kabir Nazari arbeitete in den letzten elf Monaten als Wachmann in Teheran. Er beschrieb im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP die jüngsten Angriffe auf die Hauptstadt als "50-mal schlimmer" als alles, was er während des zwölf Tage dauernden Krieges im Juni erlebt hatte. "Jeden Tag kamen Raketen von allen Seiten", sagte er. "Für Afghanen gab es keinen Schutz. Die Lage war sehr schlimm."
Vor allem Kinder leiden unter diesen Umständen, warnte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen am 10. März. Für Familien, die nun gezwungen sind, mit sehr begrenzten Mitteln zurückzukehren, können Vertreibung und Unsicherheit das Risiko von Mangelernährung und Krankheiten schnell erhöhen, insbesondere für Kleinkinder sowie für schwangere und stillende Frauen.
UNICEF warnt zudem, dass die geopolitische Lage erhebliche Störungen der Lieferketten verursacht. Dies führt zu Verzögerungen bei der Grundversorgung. Unterernährte Kinder erhalten lebensrettende therapeutische Nahrung oft nicht rechtzeitig.
Leben in Unsicherheit
Nicht jeder kann oder möchte nach Afghanistan zurückkehren. Zahra Sepehr, Leiterin der in den Niederlanden ansässigen Organisation AWA Legal and Social Foundation, berichtet im Gespräch mit der DW von Geflüchteten, die in Teheran festsitzen und die Stadt aufgrund fehlender Aufenthaltsdokumente nicht verlassen können.
Wer Teheran verlässt, muss damit rechnen, mehrfach auf der Straße kontrolliert zu werden. Überall sind freiwillige Basij-Milizen stationiert.
"Besonders betroffen sind Frauenrechtsaktivistinnen, Menschenrechtsaktivistinnen sowie alleinlebende Frauen und Mädchen", sagt Sepehr. Viele von ihnen hätten sich an ihre Organisation gewandt und benötigten dringend Unterstützung. Aufgrund von Bedrohungen ihrer Sicherheit könnten sie nicht in das von den Taliban beherrschte Afghanistan zurückkehren und lebten deshalb unter äußerst schwierigen Bedingungen im Iran.
Viele versuchen, in den großen Städten anonym zu bleiben. Sie arbeiten weiterhin illegal und unter prekären Bedingungen, oft in schlecht bezahlten Jobs – etwa als Reinigungskräfte, in kleinen Werkstätten oder in der Textilproduktion.
Die iranische Regierung hat offiziell den Kriegszustand ausgerufen. Nach Angaben der Behörden gelten nun für Angestellte staatlicher Einrichtungen besondere arbeitsrechtliche Regelungen, etwa die Möglichkeit von Telearbeit oder verkürzten Arbeitszeiten.
Von solchen Schutzmaßnahmen können andere nicht profitieren - wie Menschen, die ihren Lebensunterhalt auf Tagesbasis verdienen müssen, etwa Reinigungskräfte, Wachleute oder Gemüsehändler. Für sie bedeutet der Krieg nicht nur eine wachsende Gefahr durch Angriffe und das Einatmen von Chemikalien in der Luft, sondern auch den Verlust ihrer ohnehin unsicheren Einkommensquellen sowie die Zerstörung ziviler Infrastruktur.
Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists in Iran (HRANA) mit Sitz in den USA wurden seit Kriegsbeginn bis zum 12. März insgesamt 1276 Zivilisten im Iran getötet, darunter mindestens 205 Kinder. Die Zahl der militärischen Todesopfer liegt laut HRANA bei 197. Hinzu kommen 352 Todesopfer, bei denen die Einordnung in zivil oder militärisch nicht klar ist.
Flucht vor Zerstörung und Umweltverschmutzung
Die Vorsitzende der Iran-Delegation des Europäischen Parlaments, Hannah Neumann, warnt im Gespräch mit der DW vor einer weiteren Eskalation des Konflikts. "Die EU sollte sich dafür einsetzen, dass militärische Angriffe nicht die zivile Infrastruktur treffen", sagt sie und verweist auf die Zerstörung einer Meerwasserentsalzungsanlage im Süden des Iran, die zuvor das Trinkwasser für rund 20 Dörfer geliefert hatte.
Der Verlust solcher Anlagen könne weitreichende Folgen haben, betont Neumann. Wasser sei eine existenzielle Ressource in der Region. Wenn lebenswichtige Infrastruktur zerstört werde, verschärfe dies die humanitäre Lage weiter, besonders für die ohnehin verletzlichsten Bevölkerungsgruppen.
Laut dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen leben im Iran rund 1,65 Millionen Flüchtlinge und andere Menschen, die internationalen Schutz benötigen. Die Zahl der nicht registrierten Geflüchteten sei jedoch deutlich höher, sagen iranische Behörden. Ende 2024 schätzte Irans Botschafter und ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen, Amir Saeed Iravani, die Zahl allein der Afghanen im Iran auf über sechs Millionen.
Viele Geflüchtete lassen sich aus Angst vor einer Abschiebung nach Afghanistan nicht registrieren oder hoffen auf eine Weiterreise in ein sicheres Land. Sie halten sich deshalb weiterhin an unsicheren Orten wie der Hauptstadt Teheran auf.
Die Fluchtmöglichkeiten bleiben begrenzt. Länder wie die Türkei haben ihre Grenzen weitgehend geschlossen. Die rund 560 Kilometer lange Grenze zwischen Iran und der Türkei ist auf etwa 380 Kilometern durch eine drei Meter hohe Betonmauer, Stacheldrahtzäune und tiefe Gräben gesichert. Eine lückenlose Kontrolle ist jedoch kaum möglich.