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Irans Eigentor mit Bitcoin-Strategie

26. Januar 2021

Ungewohnte Stromausfälle im Iran lassen Spekulationen wuchern: Sind Bitcoin-Farmen schuld? Teheran wollte die Krypto-Währung gegen US-Sanktionen einsetzen.

Bitcoin Illustration I Dollar USD Banknoten
Bild: Nicolas Economou/NurPhoto/picture-alliance

Vieles ist knapp im Iran, Strom gehört normalerweise nicht dazu. Derzeit aber beschweren sich die Einwohner verschiedener Großstädte über ungewöhnlich dunkle Straßen. Seit über einer Woche wird in den Millionenstädten, darunter Teheran,  zeitweise die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet. Mit der Maßnahme sollen Stromausfälle in den Haushalten reduziert werden, teilte die Behörde für die Stromverteilung in der Drei-Millionen-Stadt Karaj mit. Karaj liegt 40 Kilometer westlich von Teheran. Das Stromnetz sei landesweit stark belastet, heißt es weiter.

Ungewohntes nächtliches Bild auf Teherans StraßenBild: Borna

In der Stadt Ghom, 130 Kilometer südlich von Karaj, wurden die Einwohner kürzlich per SMS über geplante Stromunterbrechungen in den Wohnungen informiert. Dass landesweit der Strom knapp wird, soll auch mit der Herstellung von Bitcoins zu tun haben, so wird spekuliert. Sind doch Kryptowährungen wie Bitcoins im Iran seit langem beliebt.

Bitcoins für die Zentralbank

"Man braucht nicht viel Erfahrung, um Bitcoins herstellen zu können," stellt der der Teheraner Experte für Kryptowährungen Ziya Sadr auf die Anfrage der Deutsche Welle fest. "Jeder, der ein bisschen Erfahrung mit Computern hat und Zugang zu einer Industrieanlage - wo hoher Stromverbrauch nicht auffällt - kann einsteigen. Das sehen nicht wenige im Iran als großartige Gelegenheit, um Geld zu verdienen."

Bitcoins als Spekulationsobjekt

Für das "Schürfen" eines einzigen Bitcoins benötigt man nach offiziellen iranischen Angaben so viel Strom, wie 24 Haushalte in Teheran in einem Jahr verbrauchen. Im rohstoffreichen Iran ist der Strompreis allerdings subventioniert und dementsprechend niedrig. Unter dem Druck der US-Sanktionen hatte der Iran Kryptodevisen als mögliche Alternative zum US-Dollar entdeckt. Im August 2019 führte die Regierung in Teheran eine Lizenz für die Schaffung von Kryptogeld ein. Ihr Plan: Die Kryptowährungen einzukaufen und zur Finanzierung von Importen zu verwenden. Konkret sollte die iranische Zentralbank als eine Art Zwischenhändler fungieren, um frisch geschürfte Bitcoins Importeuren zur Verfügung zu stellen.

China als Partner beim Schürfen

Unternehmen aus China, eines der wenigen Länder, das trotzt Sanktionen ihre Handelbeziehungen mit dem Iran nicht abgebrochen haben, stiegen in das Geschäft ein. "In der Herstellung von digitalen Währungen sind die Chinesen viel weiter als wir. Sie stellen auch Mining-Hardware her und haben mehr Erfahrung," sagt der Experte Ziya Sadr. Im November 2019 eröffneten iranisch-chinesische Investoren eine Bitcoin-Mine in der Stadt Rafsandschan, ungefähr 900 Kilometer südlich von Teheran. Allein diese Firma soll so viel Strom verbrauchen wie 50.000 Haushalte. Der massiv gestiegene Stromverbrauch durch die Schaffung von Kryptowährung belastet das nationale Stromnetz, das sich in einem schlechten Zustand befindet.

Hardware-Komponenten einer illegalen Bitcoin-Fabrik im IranBild: FARS

Neben den lizensierten Bitcoin-Minen werden auch illegale betrieben. Seit Mitte Januar häufen sich Berichte über die Entdeckung illegaler Bitcoin-Schürfzentren. Allein in Schahre-Rey, einer Industriestadt etwa 15 Kilometer südlich der iranischen Hauptstadt Teheran wurden 500 illegale Bitcoin-Mining-Rechner sichergestellt. Bei landesweiten Razzien sollen Zehntausende Maschinen entdeckt worden sein. Um den hohen Stromverbrauch in der kalten Jahreszeiten zu reduzieren, mussten seit 14. Januar sogar die lizensierten Bitcoin-Hersteller ihre Aktivitäten einstellen.

Missmanagement

Umweltaktivisten und Experten bezweifeln unterdessen, dass die Herstellung von Bitcoins hauptverantwortlich für die Stromausfälle sei. Fehlende Investitionen in das Stromnetz und Missmanagement spielten eine viel größere Rolle, schreibt der Umweltexperte Kaveh Madani. Madani war 2017 bis 2018 Vizepräsident des iranischen Umweltamtes.

Hier war die Ursache des Stromausfalls schnell beseitigt: Staub Bild: MEHR

Missmanagement war allerdings auch bei der Lizensierung des Bitcoin-Mining am Werk. "In der Praxis wurde der Plan mit der Zentralbank nie umgesetzt. Soweit ich weiß hat sie bis jetzt keine digitalen Devisen gekauft, um sie für Importe einzusetzen", sagt Bitcoin-Experte Ziya Sadr gegenüber der DW. "Und als die Lizenzen fürs Krypto-Mining erteilt wurden, hat man keine Regeln für die Strompreise festgelegt. Jetzt will die Regierung die Preise nach oben korrigieren. Das aber wird den chinesischen Investoren nicht gefallen."