Irans Fußball-Frauen: Salut zur Hymne nach stillem Protest
5. März 2026
Als die ersten Töne von "Mehr-e Khavaran", der iranischen Nationalhymne, im Gold Coast Stadium erklangen, fast 13.000 Kilometer von Teheran entfernt an der Ostküste Australiens, erhob die iranische Frauenfußballnationalmannschaft ihre Hände zum Gruß an die Schläfen. Die meisten schienen außerdem ihre Nationalhymne mitzusingen, bevor das Asien-Cup-Spiel gegen Australien begann.
Drei Tage zuvor hatten dieselben Spielerinnen weltweit Schlagzeilen gemacht, weil sie während des Abspielens ihrer Hymne vor ihrem Auftaktspiel gegen Südkorea geschwiegen hatten. Zwar kann nicht vollkommen sicher sein, doch scheint es wahrscheinlich, dass die Spielerinnen in der Zwischenzeit von den Behörden des Regimes in Teheran unter Druck gesetzt wurden, sich an die Vorgaben zu halten.
"Ob sie nun ihre Gebete sprachen oder die Hymne lautlos mitbewegten, für jeden, der zusah, war klar, dass die Spielerinnen die Botschaft aus der Heimat erhalten hatten, dass sie symbolische Solidarität mit ihrem derzeit belagerten Heimatland zeigen mussten", glaubt Catherine Ordway gegenüber DW.
Die Australierin ist Juristin, Wissenschaftlerin und Beraterin für Sportintegrität. Sie hat mit zahlreichen internationalen Sportorganisationen zusammengearbeitet.
Ordway: "Absolut schockierend"
Aussage eines Kommentators im die staatlich kontrollierten Sender Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) beseitigte jeden möglichen Zweifel an dieser "Botschaft", indem er sie als "Verräter in Kriegszeiten" bezeichnete. Er forderte außerdem, dass mit ihnen "ordnungsgemäß umgegangen" werde.
Ordway sagte, es wäre ein Fehler, diese Drohung als "bloßes Bluffen" abzutun. "Ihr Versagen, Begeisterung für das repressive Regime zu zeigen, reichte aus, um sie als Kriegsverräterinnen zu bezeichnen, die faktisch das Verbrechen des Hochverrats innerhalb des Landes Iran begangen haben - was im schlimmsten Fall für die Spieler und ihr Umfeld zur Todesstrafe führen kann", sagte sie.
"Es ist absolut schockierend und hat natürlich in der gesamten australischen Öffentlichkeit nachgehallt."
"Mutige Dissidenz" - und wachsende Belastung
Ordway hatte zuvor von einem "tief mutigen Ausdruck körperlicher Dissidenz" gesprochen, als die iranischen Spielerinnen im ersten Spiel schwiegen und ihre Kopftücher lockerten. Der politische Kontext mache ihre Gesten besonders riskant.
Entsprechend zurückhaltend trat das Team auch gegenüber Medien auf: Nur die obligatorischen Pressekonferenzen fanden statt, journalistische Fragen mussten sich strikt auf Sportliches beschränken.
Doch bereits vor der Australien-Partie wurde sichtbar, wie groß die Belastung ist. "Wir sind alle besorgt und traurig über das, was in Iran passiert", sagte Stürmerin Sara Didar unter Tränen. Sie hoffe auf "gute Nachrichten" für ihr Land.
Vor dem Stadion versammelten sich Protestierende, im Innenraum waren wiederholt Löwen-und-Sonnen-Flaggen sowie Transparente für Menschenrechte zu sehen - ebenso wie Gruppen, die gegen Australiens Unterstützung für die US-israelische Offensive demonstrierten.
Repressionen gegen Athletinnen und Athleten weit verbreitet
Sport zählt zu den wenigen Bereichen, in denen Iranerinnen und Iraner noch eine internationale Bühne haben. Doch Dissens bleibt gefährlich. Fälle wie das "Blue Girl" Sahar Khodayari, die sich nach ihrer Festnahme wegen eines Stadionbesuchs selbst anzündete, oder die Hinrichtung des Wrestlers Navid Afkari prägen die Erinnerung. Viele Spitzensportlerinnen flohen ins Ausland, darunter die Taekwondo-Olympiamedaillengewinnerin Kimia Alizadeh.
"Die Behörden nutzen Sport, um moralische Normen durchzusetzen und abweichendes Verhalten zu bestrafen", so Ordway. Frauen seien dabei besonders gefährdet, da ihre Körper "politisiert, kontrolliert und streng überwacht" würden.
Symbolik statt offener Proteste
Sportlich sind Irans Chancen beim Asien-Cup nach klaren Niederlagen gegen Australien (0:4) und Südkorea (0:3) gering. Doch die Signale, die das Team sendet - sei es durch Schweigen oder Salutieren - bleiben bedeutsam.
Ob weitere iranische Athletinnen und Athleten ähnliche Zeichen setzen werden, könnte sich bald zeigen. Bei den Paralympics wäre mit Aboulfazl Khatibii Mianaei nur ein iranischer Starter dabei gewesen, er verzichtete aber auf den Start, da die Kampfhandlungen im Nahen Osten seine sichere Anreise unmöglich machten. Irans Männerteam muss in diesem Jahr bei der Fußball-WM 2026 in den USA drei Gruppenspiele bestreiten - sofern Regime oder Verband die Teilnahme nicht wegen des Iran-Krieges noch absagt.
"Ich erwarte eher subtile, bestreitbare Gesten als offene Proteste", sagt Ordway dazu. Die Überwachung sei zu stark, das Risiko zu hoch. Sichtbare Solidarität sei dagegen vor allem aus der Diaspora und von internationalen Sportlern zu erwarten.
Der Text wurde aus dem englischen Original "Salute replaces silence for Iran after 'message from home'" adaptiert und am 6. März aktualisiert.