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PolitikIran

Irans Opposition: Warum ist sie gespalten?

20. Januar 2026

Trotz zunehmender Proteste gegen die Islamische Republik ist die iranische Opposition weiterhin tief gespalten. Eine glaubwürdige politische Alternative hat sich bislang nicht herausgebildet.

Deutschland Berlin 2026 | Demonstration zur Unterstützung der Proteste im Iran
Demonstration in Berlin zur Unterstützung der Protestierenden im IranBild: Nikos Kanistras/ZUMA/picture alliance

Es sei an der Zeit, für eine neue Führung im Iran zu sorgen, sagte US-Präsident Donald Trump am 17. Januar der Nachrichten-Website Politico. Trump warf dem iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei vor, für die Zerstörung des Landes und für Gewalt in einem bislang beispiellosen Ausmaß verantwortlich zu sein.

Die jüngste Protestwelle im Iran wurde brutal niedergeschlagen, Tausende von Demonstranten wurden nach Augenzeugenberichten getötet. Bekannte Gesichter der Opposition wie die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi sitzen hinter Gittern. Jede Form organisierter Opposition - von der Studentenbewegung über Arbeiter bis hin zu Frauenbewegungen - wurde in den vergangenen Jahren systematisch zerschlagen

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"Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen und das Land durch eine Phase des politischen Übergangs begleiten", sagt der 65-jährige Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, in Interviews. Nach 47 Jahren im Exil sei er bereit, in den Iran zurückzukehren.

"Das iranische Regime steht mit dem Rücken zur Wand", sagte Pahlavi auf seiner jüngsten Pressekonferenz am 16. Januar in Washington und betonte: "Das Regime steht kurz vor dem Zusammenbruch. Ich denke, die Welt,  insbesondere die demokratische freie Welt, die Freiheit, Menschenrechte und Gleichheit der Bürger angesichts der brutalen Repression dieses Regimes verteidigt, sollte jetzt handeln."

Seit 2019 rufen Protestierende bei landesweiten Demonstrationen vermehrt Pahlavis Namen. Sie wünschen sich die Monarchie zurück. Wie groß Pahlavis tatsächliche Unterstützung innerhalb des Landes ist, bleibt jedoch unklar.

Auf unabhängige finanzielle Machtzentren im Iran, insbesondere auf einflussreiche Geschäftsleute aus dem Teheraner Basar, die vor der Revolution von 1979 eine entscheidende Rolle spielten, kann er sich kaum stützen. "Geschäftsleute auf dem Basar profitieren heute vom Staat", sagt der in den USA lebende iranische Soziologe Hossein Ghazian im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Unter den Sanktionen hat die iranische Regierung ein System staatlich subventionierter Fremdwährungen für Geschäftsleute etabliert. US-Dollar-Einnahmen aus Ölexporten werden an Händler und Unternehmen, die wichtige Waren importieren, zu einem deutlich niedrigeren Kurs als dem auf dem freien Markt im Iran verteilt.

Davon profitieren vor allem politisch gut vernetzte Akteure, die die importierten Waren mit erheblichem Gewinn weiter verkaufen. Diese Akteure stehen häufig in enger Verbindung mit den Revolutionsgarden, die im Schatten der Sanktionen und unter Umgehung regulärer Finanzkanäle Öl exportieren und Importe organisieren. Damit fehlt der Opposition eine finanzielle und organisatorische Basis, wie sie frühere politische Umbrüche getragen hatte.

"Oppositionsarbeit braucht finanzielle Unterstützung"

Die iranische Führung wirft Reza Pahlavi vor, ein Agent Israels zu sein. Als Belege werden unter anderem seine Reise nach Israel im Jahr 2023, sein Treffen mit dem isrealisischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sowie Berichte in israelischen Medien angeführt.
So berichtete etwa die Zeitung Haaretz aus Tel Aviv im Oktober 2025, Israel habe systematisch digitale Desinformation und Einflusskampagnen im persischsprachigen Raum betrieben, um das iranische Regime zu schwächen und Reza Pahlavi gezielt als politische Figur aufzuwerten.

Desinformationen im persischsprachigen Raum werden aber auch von der Cyber-Einheit der iranischen Revolutionsgarden verbreitet und schüren Misstrauen gegenüber der Exilopposition.

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"Ich glaube nicht, dass Israel Reza Pahlavi finanziell unterstützt", sagt Arash Azizi, Historiker und Dozent für Politikwissenschaft und Geschichte an der Clemson University in den USA. "Wer in der Opposition ernsthaft Politik betreibt, muss in der Lage sein, finanzielle Unterstützung zu mobilisieren. Herr Pahlavi wird vielmehr von wohlhabenden Kreisen in den USA unterstützt, darunter iranstämmige Geschäftsleute sowie rechtskonservative, pro-israelische amerikanische Milliardäre, die Pahlavi wohlgesonnen sind." Pahlavi wohnt derzeit in der Nähe der US-Hauptstad Washington. 

Unter Pahlavis Vater hatte der Iran bis zur Revolution von 1979 enge Beziehungen zu Israel unterhalten. Nach der Revolution und der Etablierung der Islamischen Republik unter Ayatollah Chomeini begann die neue Führung, sich als Kraft des Widerstands gegen Imperialismus zu definieren und Israel offen mit Vernichtung zu bedrohen.

Kein gemeinsames Verständnis für politische Arbeit

Reza Pahlavi genießt zwar internationale Aufmerksamkeit und gilt für manche als Symbol einer Alternative zur Islamischen Republik. Zugleich steht er in den Augen Anderer für eine autoritäre Vergangenheit, die überwunden werden soll. Er und andere bekannte Gesichter der iranischen Opposition im Ausland versuchten nach den landesweiten Protesten von 2022 infolge des Todes von Jina Mahsa Amini, diese Defizite zu überwinden und eine gemeinsame Koalition zu bilden.

Vergeblich. Das schnelle Auseinanderbrechen dieser Koalition wurde für viele Beobachter zum Symbol der strukturellen Schwäche der Exilopposition. "Das zentrale Problem der iranischen Opposition im Ausland besteht darin, dass sie keinen klaren Unterschied zwischen politischer Arbeit und reiner Menschenrechtsarbeit macht", sagt Azizi. Dadurch fehle es an Organisation, strategischer Ausrichtung und der Fähigkeit, strukturiert und langfristig politisch zu agieren.

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"Herr Pahlavi hat sich ein Beraterteam ausgesucht, das die Opposition spaltet und regelmäßig alle Persönlichkeiten angreift, die seine Führungsrolle nicht akzeptieren", analysiert Azizi. "Seine Frau warf zum Beispiel Narges Mohammadi, der iranischen Friedensnobelpreisträgerin, vor, eine Agentin der Islamischen Republik zu sein, weil sie aus dem Gefängnis CNN ein Interview gegeben hat. Oder sie verbreitete Parolen wie 'Tod den Mullahs, den Linken -  Menschen wie mir - und den Mudschahedin'."

Historische Brüche

Die Mudschahedin-e Chalk (MEK) sind eine weitere organisierte Oppositionsgruppe im Iran, die neben den Monarchisten auftritt. Die Organisation wurde 1965 im Iran gegründet und vertrat ursprünglich eine Mischung aus islamischer Ideologie und linker Politik. Nach der Islamischen Revolution von 1979 geriet sie in einen offenen Konflikt mit der neuen Machtstruktur.

Ihre Anhänger wurden massenhaft verhaftet. Ihre Führung floh in den benachbarten Irak und kooperierte während des Iran-Irak-Krieges mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein. In den letzten Monaten dieses Krieges wurden im Iran Tausende inhaftierte Anhänger der Gruppe sowie andere politische Gefangene ohne Gerichtsverfahren hingerichtet.

Ihre belastete Vergangenheit macht sie bis heute zu einem der umstrittensten Akteure der Opposition. Die MEK lehnt selbst eine Zusammenarbeit mit Reza Pahlavi kategorisch ab. Die Organisation ist heute in Albanien stationiert und lädt regelmäßig ehemalige westliche Spitzenpolitiker als Redner ein, darunter den früheren CIA-Direktor und US-Außenminister Mike Pompeo.

Dieser schrieb am 2. Januar auf der Plattform X: "Ein frohes neues Jahr an alle Iraner auf den Straßen. Und auch an alle Mossad-Agenten, die neben ihnen gehen …"

Solche Aussagen, die die Proteste delegitimieren, werden von der iranischen Führung als propagandistischer Beleg für eine ausländische Steuerung der Protestbewegung genutzt.

"Die Reaktion des Staates hat sich rasch von Abschreckung zu offener Unterdrückung gewandelt", sagt der Politikwissenschaftler Andreas Krieg vom King’s College London. "Während im Iran kollektives Handeln weitgehend führerlos und dezentral bleibt, spielt die Diaspora außerhalb des Landes eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung und der Stärkung der Moral. Zugleich ist sie organisatorisch tief gespalten und wird von vielen Menschen im Land mit Misstrauen betrachtet. Viele fürchten sowohl politische Manipulation als auch ein Machtvakuum nach einem möglichen Zusammenbruch des Systems im Iran."

Mitarbeit: Elona Elezi

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