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Politik

"Irgendwie wird dieses Flugzeug auftauchen"

Nina Niebergall
17. Januar 2017

Nach dem verschollenen Flug MH370 wird offiziell nicht mehr gesucht. Im DW-Interview erklärt Pilot Thomas Friesacher das Versagen der Ermittlungsbehörden - und wieso er trotzdem an eine Lösung des Rätsels glaubt.

Malaysia Airlines Boeing 777
Bild: picture-alliance/dpa

Am 8. März 2014 verschwand die Boeing 777 der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH370 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos von den Radarschirmen. An Bord waren 239 Menschen. Die folgende Suchaktion im Indischen Ozean beförderte bislang nur wenige Wrackteile an die Oberfläche. Drei Jahre später ist das Schicksal von Flug MH370 noch immer ein Mysterium - das womöglich nie aufgeklärt wird. Denn die Regierungen von Australien, China und Malaysia haben die Suche nun offiziell eingestellt. Luftfahrtexperte Thomas Friesacher zu den Hintergründen. 

Deutsche Welle: Herr Friesacher, woran ist die Suche nach dem verschollenen Flugzeug gescheitert?

Thomas Friesacher: An den sehr langsamen ersten Stunden und Tagen. Da ist viel wertvolle Zeit vergangen, in der jedes Land sein eigenes Süppchen gekocht und versucht hat, die Aufklärung auf nationaler Ebene zu bewältigen. Dadurch konnten andere Staaten, die viel mehr Erfahrung in dem Auffinden von Flugzeugen haben, ihre Expertise anfangs nicht zur Verfügung stellen. 

Thomas Friesacher ist auf Flugunfalluntersuchungen spezialisiertBild: privat

Ich habe darüber hinaus immer mal wieder von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gesprochen. Eigentlich ist es aber ein Staubkorn, das wir im Heuhaufen suchen. Es gibt einfach eine Fläche, die wir nicht beherrschen können. Über weite Teile Afrikas oder über Wasserflächen gibt es noch immer keine Radarüberwachung.

So kann es also passieren, dass ein Flugzeug mit 239 Menschen an Bord vom Radar verschwindet, einfach weil es sich mitten über dem Indischen Ozean befindet?

Genau, da reicht der Radar nicht hin. Diese Radaranlagen haben eine Reichweite von etwa 50 bis 110 Kilometer. Bei einem Hügel oder Berg erkennt man darauf schon kein Flugzeug mehr. Man könnte natürlich so viele Radaranlagen aufstellen, dass ihr Radius überlappend ineinandergreift. Hier stellt sich aber die Frage nach dem Mehrwert. Es gibt auch Möglichkeiten der GPS-Überwachung, die allerdings noch nicht überall eingeführt sind. In einer so kostenintensiven Branche wie der Luftfahrt wird an solchen Dingen gespart.

Die Ermittler sind unterschiedlichen Theorien nachgegangen, um das Verschwinden der Boeing aufzuklären. Eine davon: Der Pilot könnte absichtlich eine große Schleife geflogen und die Maschine solange über den Ozean gesteuert haben, bis ihm der Treibstoff ausging. Es gibt Hinweise, dass der Flugkapitän genau diese Route zu Hause simuliert hat. Das könnte auf Selbstmord hindeuten. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Ich kann diese Theorie nicht ausschließen, aber andere auch nicht. Es ist sicherlich befremdlich, wenn er das so simuliert hat. Das ist allerdings noch zu bewerten. Aber es gibt noch viele andere Besatzungsmitglieder, die Zugang zum Cockpit haben. Dass die alle nur passiv zugeschaut haben, halte ich für unwahrscheinlich.

Was ist also am 8. März 2014 an Bord der MH370 passiert?

Da sich der Transponder und bordseitige Systeme abgeschaltet haben, war mein erster Gedanke, dass eine Sicherung ausgefallen ist. Das würde sicherlich bedeuten, dass etwas mit der Bordelektronik nicht in Ordnung war. Die Sicherung auf "Reset" zu setzen, also neu zu starten, ist an Bord gefährlich, weil Rauch oder Feuer entstehen könnte. Dann gilt es, das Flugzeug schnellstmöglich zum Boden zu bringen. Wenn der Pilot von Flug MH370 den nächsten Flughafen ansteuern wollte, könnte das auch die Umkehrkurve, die er geflogen ist, erklären.

Kann man einem solchen Ausfall künftig technisch entgegenwirken?

Für Hinterbliebene ist das zwar wenig befriedigend, aber diese Flugzeugsysteme sind schon sehr ausgereift und verlässlich. Die Ausfallwahrscheinlichkeit liegt bei etwa 0,00000001 Prozent.

Welche Schlüsse lassen sich stattdessen aus den Ermittlungen ziehen?

Es hat kurz nach dem Ereignis in Montreal eine Sicherheitskonferenz der internationalen Luftfahrtbehörde gegeben, wo die zwischenstaatliche Zusammenarbeit besprochen wurde. Es gibt auch durchaus Diskussionen, wie man Flugzeuge besser überwachen und orten kann. Aber das ist eine globale Entwicklung, die sehr schleppend vor sich geht. Bis ein neuer Standard geschaffen ist, dauert es sicher noch einige Zeit.

Ziel solcher Flugunfalluntersuchungen ist es, Empfehlungen für die Zukunft herauszugeben. Aber da man das Flugzeug noch nicht als Beweismittel untersuchen kann, kann man noch keine eindeutige Aussage über die Ursache des Verschwindens treffen.

Für die Angehörigen schwer zu begreifen: Noch immer fehlt von dem Flugzeug und seinen 239 Passagieren jede SpurBild: AFP/Getty Images

Wie lässt es sich dann rechtfertigen, die Suche einzustellen? Schließlich gilt nicht nur das Flugzeug, sondern gelten auch seine 239 Passagiere weiterhin als vermisst.

Es ist für mich sowieso sehr verwunderlich, weil die Rechtsgrundlage, auf der die Suchaktion bislang stattgefunden hat, einen Abbruch nicht vorsieht. Allerdings ist immer die Frage, wer die Kosten trägt, was der Zeithorizont ist und worin der Mehrwert besteht. Persönlich verstehe ich das Bedürfnis der Angehörigen, den Grund des Absturzes zu erfahren, um Klarheit und innere Ruhe zu finden. Das ist eine Abwägungssache. Ich würde diese Entscheidung nicht treffen wollen.

Wird es irgendwann eine Aufklärung des Mysteriums MH370 geben?

Davon gehe ich aus. Irgendwie wird dieses Flugzeug auftauchen. Es kann immer einen Zufallsfund aufgrund wissenschaftlicher Meeresforschungen geben oder weil Flugzeugteile angeschwemmt werden. Wenn zum Beispiel mehrere Wrackteile auf engerem Gebiet auftauchen, gehe ich davon aus, dass die Suche noch einmal aufgenommen wird.

Der Pilot und Luftfahrtexperte Thomas Friesacher ist Gründer und Geschäftsführer von AeroXpert, einem Unternehmen, das auf die Vorbeugung und Aufklärung von Unfällen spezialisiert ist.

Das Interview führte Nina Niebergall.

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