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Iris Wolff: Meine Hoffnung liegt in der Sprache

30. Mai 2025

Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin Iris Wolff bleibt ihrem Geburtsland verbunden. Ihre Romane spielen in Rumänien, mit großer Sorge verfolgt sie die dortige Politik. Die DW hat sie zum Interview getroffen.

Eine junge Frau mit schulterlangem welligem Haar schaut lächelnd in die Kamera. Sie steht vor einem blauen Hintergrund mit weißer Aufschrift
Die Schriftstellerin Iris Wolff bei den Ruhrfestspielen 2025 in RecklinghausenBild: Medana Weident/DW

DW: Wir führen dieses Gespräch kurz nach dem Wahlsieg des Pro-Europäers Nicusor Dan bei den Präsidentschaftswahlen in Rumänien. Er hat es letztendlich geschafft, sich in der Stichwahl gegen den rechtsradikalen, prorussischen George Simion durchzusetzen. Wie blicken Sie auf das Ergebnis?    

Iris Wolff: Ich habe mich wirklich gefreut, dass Rumänien weiter mit Europa mitsegelt. So, wie ich es immer empfinde, wenn ich in diesem Land bin, so wie ich es auch kenne, auf vielfältige Art und Weise mit Europa verwoben, hätte ich mir ein anderes Ergebnis gar nicht vorstellen können. Ich bin sehr, sehr froh, dass es gemeinsam weitergeht.

Der neue Präsident Rumäniens, Nicusor Dan, bei seiner Vereidigung am 26.05.2025 im Parlament in BukarestBild: DANIEL MIHAILESCU/AFP

Europa ist zurzeit vielen Gefahren ausgesetzt. An der Grenze Rumäniens, dem Land, in dem Ihre Romane spielen, herrscht ein erbitterter Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist.    

Wir leben in einer Zeit der Gefahr und Gefährdung. Die Welt ist so chaotisch geworden, so unübersichtlich, dass Menschen Zuflucht suchen in einfachen Antworten. Ich glaube, dass es genau in die andere Richtung gehen müsste. In eine Offenheit und in ein anderes Miteinander. Neulich bei einer Lesung fragte der Moderator: "Frau Wolff, beschreiben Sie die Welt, wie sie wirklich ist oder wie Sie sie sich wünschen?" Ich finde, Kunst ist immer auch ein Beitrag zur Verwirklichung einer Utopie. Das heißt, welche Werte möchte man gestärkt sehen, welches Miteinander. Ich gehe ganz bewusst in meinen Büchern in diesen Kulturraum, auch um zu zeigen, wie Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammenlebten - in der Abgrenzung voneinander aber doch in einem Miteinander. Ich habe das in meiner Biografie als etwas unglaublich Kostbares und Bereicherndes empfunden und es schmerzt mich, dass wir in Zeiten leben, in denen Grenzen wieder so wichtig sind.    

Mehrsprachigkeit, Multikulturalität, Mit- und Füreinander sind in der Tat wiederkehrende Themen Ihrer Romane.   

Ich hatte und habe rumänische Freundinnen und Freunde. Es gibt einen ungarischen Zweig in unserer Familie, und diese Mehrsprachigkeit war ganz selbstverständlich Teil des eigenen Lebens. Nach der Auswanderung nach Deutschland war es spannend zu sehen, was von einer anderen Sprache bleibt, welche Dinge nicht übersetzt werden können. Das Rumänische hat eine andere Bildhaftigkeit als das Deutsche oder Ungarische. Es gibt andere Sprichwörter. Herta Müller hat es so treffend gesagt: "In jeder Sprache sitzen andere Augen." Durch Mehrsprachigkeit lernt man, die Welt durch andere Augen zu sehen, und genau das erlaubt ja auch Literatur.    

In Ihren Büchern kehren Sie immer wieder nach Rumänien zurück - ein Land, das Sie mit acht Jahren verlassen haben. Was zieht Sie an, was hat Sie bis heute geprägt?   

Zum einen sind da Kindheitserinnerungen, die über die Sinne funktionieren. Ein Gefühl der Zugehörigkeit, mit dem ich mich verbinden kann: das Licht, die Gerüche, die Natur, der Vielklang der Sprachen, das Essen. Natürlich war man als Kind weitestgehend behütet vor den Schikanen, den Repressalien und der wirtschaftlichen Not, die besonders in den 1980er Jahren in Rumänien bestanden. Obwohl es nur ein kurzer Teil meines Lebens war, war es ein prägender. Aber was mitwandert, wenn man auswandert, sind die Geschichten der Familie - die weiterhin am Küchentisch, am Esstisch erzählt werden. Sie bleiben lange lebendig.

Iris Wolff signiert ihr Buch "Lichtungen", das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024 schaffteBild: Medana Weident/DW

Was mich heute besonders interessiert, ist die wechselvolle Geschichte dieser Region. Meine Urgroßeltern waren Österreicher, dann Ungarn, meine Großeltern waren königlich-rumänisch, anschließend, wie meine Eltern, sozialistisch-rumänisch. Mich interessieren die Überlagerungen dieser Epochen - was macht das mit einem Menschenleben, wenn sich Zugehörigkeiten verschieben? Gibt es etwas im Menschen, was unberührt bleibt von all diesen politischen Bedrängnissen und gesellschaftlichen Anforderungen, die Teil eines Lebens sind?  

Ich kenne aber auch Menschen, die nach der Auswanderung nie wieder nach Rumänien gefahren sind, weil sie schlimme Dinge erlebt haben und weil der Verlust so groß war, dass das Zurückschauen zu viel Kraft kosten würde.  

Iris Wolff: "Lichtungen"

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Vor fast genau zwei Jahren waren Sie Teil einer Delegation, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Rumänien begleiten durfte, auch zu den Orten Ihrer Kindheit. Wie war diese Erfahrung?  

Jedes Mal, wenn ich in Rumänien bin, sammle ich Geschichten. Von Menschen, die zurückgekommen sind, Siebenbürger Sachsen oder Rumänen, die jahrzehntelang im Ausland waren oder auch Bundesdeutsche, die keine Wurzeln in Rumänien haben und dort eine alternative Lebensform suchen. Diese Bewegungen, mehrmaligen Grenzüberschreitungen finde ich spannend.

Was die Reise mit dem Bundespräsidenten betrifft: Teil einer solchen Delegation zu sein war überwältigend. Man reist mit dem eigenen Blick und nimmt gleichzeitig den Blick der anderen auf das eigene Heimatland wahr. Das Erstaunen, wenn man in Temeswar die Architektur aus der Habsburgerzeit sieht oder wenn man in Hermannstadt auf dem Großen Ring steht und die Karpaten erblickt. Temeswar und Hermannstadt waren ja beide auch europäische Kulturhauptstädte. Das bedeutet eine wichtige Einladung für die Welt, dahin zu kommen.  

Welchen Blick haben Ihre Leserinnen und Leser auf das Land, über das Sie schreiben? Mit welchen Fragen kommen sie bei Lesungen beispielsweise auf Sie zu?  

Zumeist ist da Neugierde und Interesse. Ich freue mich immer ganz besonders, wenn die Menschen sagen: "Ich bin mit Ihren Büchern hingefahren" oder "Ich will mir die Region anschauen".

Die Kirchenburg Großau in SiebenbürgernBild: Medana Weident/DW

Ich hatte eine Begegnung in Berlin, da ist ein junges Paar nach einer Lesung zu mir gekommen und hat gesagt, dass es mit meinem Buch Die Unschärfe der Welt an alle Orte gereist ist, an denen das Buch spielt. Solche Begegnungen machen mich glücklich. Wenn Literatur so funktioniert, als Einladung, die eigenen Grenzen zu erweitern, lesend oder reisend, dann ist das wunderbar. In Südosteuropa gibt es viel zu entdecken, und man hört bisweilen nur Schreckensnachrichten und reduziert diese Region auf diese Bilder. Ich glaube, dass Kunst fähig zu einer großen Transferleistung ist, weil sie nicht nur über den Verstand funktioniert, sondern auch durch das Gefühl.  

Wir führen dieses Gespräch in Recklinghausen bei den Ruhrfestspielen 2025. Sie haben das inspirierende Motto: "Zweifel und Zusammenhalt". Mit Blick auf den Anfang unseres Gesprächs: Was, glauben Sie, könnte für einen stärkeren Zusammenhalt hilfreich sein? Nicht nur in Rumänien, aber auch an vielen Orten Europas oder gar weltweit driften Gesellschaften immer mehr auseinander.  

Es ist derzeit überall auf der Welt so: Mehrheiten werden nur knapp gebildet, die eine Hälfte der Bevölkerung fühlt sich in der Folge nicht repräsentiert. Meine Hoffnung liegt in der Sprache. Ich glaube, dass wir mehr auf unsere Sprache achten müssen, darauf, wie wir miteinander reden, ob wir nicht immer nur Ängste in anderen Menschen wecken, auch durch die Berichterstattung und die Überfülle an Bildern, die wir sehen. Ich wünsche mir eine Sprache, die den anderen als Mensch tatsächlich sieht, nicht in Schubladen steckt oder auf politische Richtungen reduziert.

Ich weiß nicht, ob diese Hoffnung realistisch ist, aber meine Arbeit als Schriftstellerin ist eine Arbeit an der Sprache. Ich weiß, was es verändert, wenn Sprache liebevoll, verständnisvoll ist, dass es möglich ist, den Anderen in seinen Ängsten, in seiner Verletzlichkeit zu sehen und sich so auf einer anderen Ebene zu begegnen. Wenn man hingegen auf Konfrontation geht, bei Beschuldigungen bleibt, das Trennende hervorhebt, statt das Verbindende, dann rücken die Menschen immer weiter voneinander fort.  

Ich glaube, dass Literatur wie auch Kunst allgemein uns eine Perspektivenübernahme erlaubt. Wir können an Orte reisen, an denen wir noch nie waren, sind anderen Menschen und ihren Schicksalen nah. Viele Leser meiner Bücher waren noch nie in Rumänien, und trotzdem haben sie vielleicht nach der Lektüre das Gefühl, Orte und Menschen ein wenig zu kennen. Bücher machen mich zu einer Zeitreisenden, sie machen mich im besten Fall empathiefähiger und schaffen so einen anderen Zusammenhalt. Denn der andere ist nie so weit weg von mir, wie es zuerst scheint.   

Iris Wolff wurde 1977 in Hermannstadt (rumänisch Sibiu) geboren und lebt heute in Freiburg. In ihren preisgekrönten Romanen kehrt sie immer wieder an Orte ihrer Kindheit zurück und setzt sich auseinander mit Themen wie Heimat, Identität, Sprache, Zugehörigkeit und der Geschichte Siebenbürgens und Europas. Über ihren neuen Roman "Lichtungen" und ihre Weltsicht sprach sie bei den Ruhrfestspielen 2025 in Recklinghausen mit der DW-Autorin Medana Weident.

Medana Weident Autorin, Reporterin, Redakteurin, vor allem für DW Rumänisch
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