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PolitikTürkei

"IS Provinz Khorasan" in der Türkei: Gefahr für die Welt?

15. Januar 2026

Drei tote Polizisten und hunderte Festnahmen: Für den Ableger der Extremistengruppe "Islamischer Staat" ist die Türkei längst nicht mehr nur Transitland. Welche Gefahr geht vom "IS Provinz Khorasan" aus?

Bewaffnete Sicherheitskräfte und ein Polizeiwagen stehen an einer Reihe von Leitkegeln
Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte vor dem Tatort in Yalova am Marmarameer. Bei der Razzia gegen die ISPK-Zelle kamen drei Polizisten ums LebenBild: Umit Bektas/REUTERS

Es war eine Eilmeldung am Morgen des 29. Dezember, die landesweit für Entsetzen sorgte: Bei einer Razzia gegen eine Zelle des IS-Ablegers "Islamischer Staat Provinz Khorasan" (ISPK) in der Stadt Yalova kam es zu einem heftigen, achtstündigen Schusswechsel. Drei Polizisten kamen im Kugelhagel ums Leben, während acht weitere Beamte und ein Wachmann zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden. Nach offiziellen Angaben des Innenministeriums gingen die Beamten konkreten Hinweisen nach, wonach die radikal-islamistische Gruppe blutige Attentate auf große Silvesterveranstaltungen in den türkischen Metropolen plante. Angesichts der akuten Bedrohungslage hatte auch das Auswärtige Amt in Berlin seine Reisehinweise für die Türkei verschärft und zur besonderen Vorsicht gemahnt.

Dass die sechs bei dem Einsatz getöteten mutmaßlichen Terroristen keine Ausländer waren, sondern einheimische türkische Staatsbürger, überraschte die Öffentlichkeit. Lange Zeit dominierte das Narrativ, dschihadistische Gruppierungen nutzten die Türkei primär als Transitland für Kämpfer aus Zentralasien oder dem Nahen Osten. Doch in Yalova zeigte sich ein anderes Bild: Der Kopf der Zelle sowie sämtliche Mitglieder waren Türken, die über ein großes Arsenal an Waffen verfügten und willens waren, bis zum Tod gegen den eigenen Staat zu kämpfen.

Das von Einschüssen gezeichnete Haus in Yalova nach dem GefechtBild: Umit Bektas/REUTERS

Wie Medien später berichteten, saßen zwei der getöteten Männer bereits zuvor wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und versuchten Mordes in Haft. Trotz ihrer den Behörden bekannten Radikalisierung wurden sie nach nur sieben Monaten unter Auflagen freigelassen.

Aus den Akten geht hervor, wie tief verwurzelt der Hass dieser Männer war: Sie betrachteten ihre eigenen Familienmitglieder als "Sünder und Feinde", da diese ihrer Ideologie nicht folgen wollten. Ein mutmaßlicher Terrorist soll laut Behörden sogar versucht haben, seine eigene Mutter gewaltsam in IS-Gebiete nach Afghanistan und Pakistan zu entführen, um sie nach seinen Vorstellungen auf den "einzig richtigen Weg" zu bringen. Dass die Gruppe Polizisten zu legitimen Zielen erklärt hatte, war den Behörden ebenfalls bekannt.

Diese Erkenntnisse lösten eine heftige Debatte darüber aus, ob die Regierung die Gefahr durch radikale Islamisten über Jahre hinweg unterschätzt hat.

IS-Strukturen sind seit langem bekannt

Die Präsenz von IS-Strukturen auf türkischem Boden ist kein neues Phänomen. Bereits seit 2013 schlossen sich laut Schätzungen etwa 5000 bis 8000 türkische Staatsbürger den Islamisten in Syrien und dem Irak an. Viele dieser Kämpfer kehrten nach ihrer Terror-Ausbildung zurück und verübten zwischen 2015 und 2017 verheerende Anschläge, die fast 300 Menschen  töteten - vor allem Menschenrechtler, Liberale und Kurden.

Teilnehmer einer Veranstaltung zur Erinnerung an das Attentat in Ankara im Oktober 2015. Bei diesem schwersten Anschlag des IS in der Türkei kamen 103 Zivilisten während einer Friedensdemonstration ums LebenBild: ANKA

Der 2015 gegründete Ableger IS Provinz Khorasan hat in den vergangenen Jahren in der Türkei Fuß gefasst und seine Netzwerke professionalisiert. Wie der Sicherheitsexperte Burak Yildirim erklärt, dient das Land der Gruppe längst nicht mehr nur als Transitland, sondern als fester Rückzugsort sowie als zentraler Hub für Rekrutierung und Finanzierung. Der ISPK suche dabei gezielt nach Unterstützern unter Arbeitern in den prekären Randgebieten der großen türkischen Metropolen. "Vor allem jene, die die offizielle Linie der Religionsbehörde als zu liberal empfinden, geraten schnell in den Fokus der radikalen Rekrutierer", fuhr Yildirim fort.

Wie hat sich IS Khorasan in der Türkei etabliert?

Nach dem Sieg der internationalen Koalition gegen den IS 2019 in Syrien und der Machtübernahme der Taliban 2021 in Afghanistan flüchteten zahlreiche IS-Mitglieder auch in die Türkei. Das Netzwerk nutzte diese Umbrüche, um sich neu zu formieren. Mithilfe der Unterstützung durch IS-Strukturen in Zentralasien, so die türkischen Nachrichtendienste, professionalisierte sich der türkische Zweig des ISPK zusehends. In der organisationseigenen Zeitschrift "Voice of Khorasan" bezeichnet die Terrorgruppe die Türkei mittlerweile als das Land, das nach Afghanistan die meisten logistischen Aktivitäten und Anschläge vorzuweisen habe.

Harter Kurs gegen den IS

Lange schien es, als würde Ankara dschihadistische Gruppen dulden, solange diese gegen syrische Kurden und das Assad-Regime kämpften. Ankara habe solche Gruppen aus rein geopolitischem Kalkül zeitweise gewähren lassen, sagt etwa Hüseyin Cicek, Politikwissenschaftler an der Universität Wien. Doch da in Damaskus nun ein Partner an der Macht sei, den Ankara stützen wolle, habe sich der Fokus gewandelt. Zudem sei die unmittelbare Terrorgefahr im Inland seit 2024 massiv gewachsen. "Für Ankara steht nun die Sicherung des eigenen Territoriums an erster Stelle", so Cicek.

Binnen weniger Tage wurden Ende 2025 landesweit mehr als 500 IS-Verdächtige festgenommenBild: DHA

Präsident Recep Tayyip Erdogan gab bekannt, dass die Sicherheitsbehörden allein im Jahr 2024 fast 1400 Razzien gegen IS-Strukturen durchgeführt haben. Dies wurde auch 2025 fortgesetzt. Binnen weniger Tage wurden Ende vergangenen Jahres mehr als 500 mutmaßliche Mitglieder festgenommen. Dem türkischen Geheimdienst gelang es zudem, führende Köpfe direkt in der afghanisch-pakistanischen Region zu fassen und in die Türkei zu überführen. Die Experten Cicek und Yildirim bewerten dieses Vorgehen als notwendiges Bemühen zur Sicherung des eigenen Territoriums.

"Der ISPK hat aus den Fehlern und territorialen Niederlagen im Nahen Osten gelernt", fügt Yildirim hinzu. Die Gruppe habe in den letzten Jahren auch strategische Kontakte zu bewaffneten Milizen in Afrika geknüpft, um Zugang zu neuen Waffenquellen und Kampfstrategien zu erhalten. "Durch diesen Austausch wurde er noch gefährlicher", so Yildirim weiter. Das strategische Fernziel bleibe jedoch unverändert: Die konsequente Ausnutzung von Machtvakua, um erneut ein eigenes territoriales Staatsgebilde zu erobern.

Laut Informationen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden im Jahr 2024 weltweit insgesamt 23 Provinzen des IS gezählt, wobei der Ableger ISPK als der derzeit gefährlichste eingestuft wird. Die Gruppe verübte seit 2024 blutige Anschläge im Iran, in Russland und Australien. Zwar konnten viele geplante Attentate in der Türkei, Europa und den USA vereitelt werden, doch Experten wie Cicek warnen: Weitere Anschläge seien jederzeit möglich. "Mit dieser latenten Bedrohung leben die Türkei und Europa nun schon seit Jahren", so Cicek weiter. Doch die Professionalität und die lokale Verwurzelung der Täter haben eine neue Qualität erreicht, die die Weltgemeinschaft vor große Herausforderungen stellt.

Elmas Topcu Reporterin und Redakteurin mit Blick auf die Türkei und deutsch-türkische Beziehungen@topcuelmas
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