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GlaubeTürkei

Muslimas bekämpfen das Patriarchat mit dem Koran

5. Juni 2026

Muslima und gleichzeitig Feministin? Für muslimische Feministinnen in der Türkei ist das kein Widerspruch. Sie kämpfen mit religiösen Argumenten gegen Gewalt und Diskriminierung - und für gleiche Rechte.

Frauenhände halten ein kleines, reich ornamentiertes Buch
Eine Frau beim Lesen des Korans, des heiligen Buches des IslamBild: Pascal Deloche/Godong/Imago Images

Kann eine Frau Muslima sein - und gleichzeitig Feministin? In den Augen vieler schließen sich diese beiden Identitäten aus. In der Türkei beanspruchten lange säkulare Feministinnen die Definitionshoheit darüber, wie eine Feministin auszusehen und mit welchen Themen sie sich zu beschäftigen habe. Und auf der anderen Seite definierten größtenteils männliche Muslime, was in ihren Augen eine muslimische Frau sei.

Hatice Kübra sieht das anders: Für sie sind Islam und Feminismus kein Widerspruch, sondern in ihrer Zusammenführung eine notwendige Ergänzung sowohl für den islamischen als auch für den feministischen Diskurs. Damit gehört die 36-jährige Akademikerin und Englischlehrerin zu einer wachsenden Gruppe von Frauen in der Türkei, die sich als muslimische Feministinnen verstehen.

"Ich habe mich gefragt, was würde ich einmal meinen Kindern sagen, wenn sie mich fragen: Was hast du eigentlich gemacht, als die Situation in unserem Land immer schlechter wurde?", beschreibt Kübra den Moment, der sie dazu brachte, sich mit gleichgesinnten Frauen zusammenzutun. Die zunehmend repressive Politik unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan - besonders nach den Gezi-Protesten 2013 und dem Verfassungsreferendum von 2017 - prägten ihre Entscheidung, sich den Initiativen "Muslimische Frauen gegen Gewalt" und "Frauen in den Moscheen" anzuschließen.

Gegen die patriarchalische Auslegung des Islam

2018 gründete Kübra mit anderen Aktivistinnen "Havle", eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich als erster muslimisch-feministischer Frauenverein der Türkei bezeichnet. "Havle" bedeutet auf Arabisch "Stärke" und bezieht sich auf die 58. Sure im Koran, "Die Streitende", in der sich eine Frau an Gott wendet, als sie von ihrem Mann schlecht behandelt wird - und deren Gebete erhört werden.

Hatice Kübra ist Aktivistin bei der NGO "Havle", dem ersten muslimisch-feministischen Frauenverein der Türkei Bild: Hatice Kübra

Der Istanbuler Verein versteht sich zum einen als Solidaritätsnetzwerk, in dem sich vor allem muslimische Frauen über ihre Lebensrealitäten austauschen können. Zum anderen geht er gegen die patriarchalische Auslegung des Islam vor, indem er vermeintlich religiösen Argumente zur Durchsetzung gesellschaftlicher Normen und Praktiken dekonstruiert.

Probleme angehen

Hatice Kübra gibt ein konkretes Beispiel: "Die Verheiratung von jungen Mädchen ist ein großes Problem. Das begründen bestimmte politische Kreise häufig mit religiösen Argumenten. Wir haben eine Untersuchung durchgeführt, bei der herauskam, dass nur zwei Prozent der Menschen, die ihre Kinder unter 15 Jahren verheiratet haben, das aus religiösen Gründen taten."

Vor allem spielten finanzielle Gründe eine Rolle oder die Angst vor außerehelichem Sex. "Auf unsere Untersuchung wird immer wieder zurückgegriffen", sagt Hatice Kübra. Religionssensible Workshops für Mütter zur sexuellen Aufklärung von Töchtern gehörten auch zur Arbeit von "Havle". "Alles Bereiche, die von säkularen Feministinnen außen vor gelassen werden", betont die muslimische Feministin.

Förderung von lokalem Feminismus

Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Förderung des sogenannten lokalen Feminismus. "In religiösen oder konservativen Kreisen wird Feminismus häufig als eine Erfindung des Westens betrachtet, der unserer Kultur und unseren Werten fremd ist. Wir denken, dass dieses Verständnis falsch ist. Feminismus kann verschiedene Erscheinungsformen haben."

Femen-Aktivistinnen protestieren am 06.05.2026 gegen Russlands Teilnahme an der Biennale in VenedigBild: Marco Bertorello/AFP

Wenn Femen-Aktivistinnen eine Aktion machen, bei der die Teilnehmerinnen nackt seien, gelte das als Feminismus, so Kübra weiter. "Dabei kann die Weigerung einer Frau etwa in Frankreich, ihren Schleier abzulegen, eine ebenso feministische Haltung sein. Wir sind gegen die Idee, dass weiße Feministinnen kommen müssen, um uns People of Color-Frauen vor den People of Color-Männern zu retten. Wir sind auch Feministinnen, niemand braucht uns zu retten. Und wenn doch, machen wir das schon selbst."

Eigene Lösungen finden

Es gehe darum, eigene Lösungen für Geschlechterdiskriminierung, die Ungleichbehandlung von Mädchen oder Femizide zu finden. Dabei steht "Havle" in regem Austausch mit anderen NGO, etwa mit "Spod", wo man sich für LGBTQ+-Rechte einsetzt und Kampagnen wie "HIV ist keine Sünde und keine Strafe" organisiert.

Häufig schlagen den Aktivistinnen Anfeindungen entgegen, besonders über die sozialen Medien, erzählt Kübra: "Es gibt sehr viele Menschen - ich denke, das sind vor allem Männer -, die denken, dass sie die einzige akzeptable Interpretation des Islam haben. Aber als Musliminnen haben wir auch ein Anrecht darauf, eine Haltung zu unserem Glauben einzunehmen", sagt sie.

Von Dienstmüttern zu muslimischen Feministinnen

Diese selbstbewusste Haltung hatten muslimische Frauenrechtlerinnen nicht von Anfang an. Die Anfänge der Bewegung liegen in den 1980er Jahren. Parallel zur säkularen Frauenbewegung und im Zuge des Erstarkens des politischen Islam schlossen sich Muslimas zu ersten Organisationen zusammen. Die Bezeichnung "Feministinnen" lehnten diese Frauen ab - für sie war Feminismus ein westlich geprägtes Konzept. Vielmehr sprachen sie von sich selbst als "Dienstmütter" und diskutierten Themen wie den Begriff der Ehre oder die Ungerechtigkeiten, die sie in ihrer Gemeinschaft erlebten, in einem islamischen Rahmen.

Frauen beten zum Opferfest auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul am 06.06.2025Bild: Murat Kocabas/SOPA Images/Sipa USA/picture alliance

Zudem kämpften die Dienstmütter für mehr Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. Besonders nach dem "Postmodernen Putsch" vom 28. Februar 1997, als das türkische Militär die islamistisch geführte Regierung unter Necmettin Erbakan zwang, weitreichende säkulare Maßnahmen zu unterzeichnen - und Frauen verboten wurde, in öffentlichen Gebäuden das Kopftuch zu tragen. Unterstützung von den säkularen Frauen bekamen die Muslima-Aktivistinnen kaum.

Das Patriarchat mit religiösen Argumenten schlagen

Die Generation von muslimischen Frauen, die heute aktiv ist, ist in ihrer Kritik am Patriarchat lauter und direkter. Sie fechten die patriarchalische Auslegung ihrer Religion an und führen religiöse Argumente gegen Ungleichbehandlung, Gewalt gegen Frauen oder Kinderehen an, um Missstände innerhalb des islamischen Diskurses argumentativ zu bekämpfen.

Heute gibt es im ganzen Land etliche Organisationen, Vereine und Initiativen, die dieselben Ziele verfolgen wie "Havle". Ihre Zahl wächst stetig. Trotz der zunehmenden Einschränkung zivilgesellschaftlicher Freiheiten unter der immer autoritärer werdenden Politik in der Türkei blickt Hatice Kübra optimistisch in die Zukunft.

"Seit gut zehn Jahren erhöht die Staatsgewalt den Druck kontinuierlich", so die muslimische Feministin. "NGO haben immer weniger Handlungsspielraum und Gelder wurden gekürzt. Gleichzeitig nimmt die Zahl unserer Mitglieder und Ehrenamtler, die Zahl der Organisationen, die mit uns zusammenarbeiten wollen, und die Qualität unserer Arbeit von Jahr zu Jahr zu. Ich denke, je mehr der Druck zunimmt, desto stärker wird auch die gesellschaftliche Selbstorganisation."

Junge Muslimas in Deutschland

12:34

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