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Politik

Israel und die iranische Bedrohung

30. April 2018

Teheran kämpft mit Stellvertretertruppen in Syrien. Nach Auffassung Israels bedroht das Mullah-Regime aber auch den jüdischen Staat. Dieses Engagement lässt sich Teheran einiges kosten. Israel spricht von "Roten Linien".

Explosionen erschüttern Damaskus
Wer steckt hinter dem Angriff auf Hajar al-Aswad im Süden von Damaskus?Bild: picture-alliance/dpa/XinHua/A. Safarjalani

Unsicherheit und Spekulationen allerorten. Wer steckt hinter den Angriffen der  vergangenen Nacht auf mehrere syrische Militärbasen, ausgeführt mit Raketen, deren Sprengkraft die Erde geradezu erzittern ließ? In den Spekulationen tags drauf wurden eine ganze Reihe möglicher Verantwortlicher genannt. Die Amerikaner könnten es gewesen sein. Aber auch die Israelis. Vielleicht, vermuteten syrische Rebellen einem Bericht der Jerusalem Post zufolge, waren es aber auch die Russen. Weil sich das Assad-Regime und Iran den Vorstellungen Moskaus zuletzt doch nicht hätten anschließen wollen, habe Russland ihnen eine Demonstration seiner Stärke geliefert.

Auffällig, berichtet die Jerusalem Post weiter, sei die zurückhaltende Berichterstattung durch die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA. Dafür könnte es Gründe geben, vermutet das Blatt: "Es könnte dem Regime Gelegenheit bieten, zu behaupten, dass Israel hinter den Angriffen stehe. Denn dann müsste es einräumen, dass die russische Luftverteidigung nicht aktiviert war - ungeachtet vorhergehender Zusicherungen, weitere Schläge würden nicht ohne Antwort bleiben."

Ausweitung der Kriegszone

Die Spekulationen um die jüngsten Angriffe, bei denen nach Angaben der den Assad-Gegnern verbundenen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 276 Kämpfer, die meisten von ihnen Iraner, ums Leben kamen, zeigen vor allem eines: Der Krieg in Syrien nimmt immer größere Dimensionen an. Immer weniger beschränkt er sich auf das syrische Staatsgebiet, immer weiter greift er auf andere Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft über.

Mehr und mehr greift nun offenbar auch Israel ein. Dort sieht man mit Sorge, wie der Iran seine Präsenz in Syrien ausbaut. "Iran macht aus Syrien eine neue Front gegen Israel, ein Sprungbrett, um von dort aus Israel zu erobern", so die israelische Justizministerin Ayelet Shaked. "Israel wir nicht tatenlos am Rande stehen und zuschauen, wie Iran Syrien übernimmt", sagte Shaked in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das israelische Militär hat sich inzwischen zu rund hundert Angriffen auf Ziele in Syrien bekannt.

Von Iran massiv unterstützt: Hamas-Anhänger bei einer Kundgebung in Gaza-Stadt. Dezember 2017Bild: Reuters/S.Salem

Iran und seine Milizen

Iran ist mit mehreren Milizengruppen in Syrien präsent. Teheran nutze den Krieg in Syrien zunehmend, um sich in Richtung Israel vorzuarbeiten, so der am Jerusalem Center für Public Affairs forschende Politologe Pinnhas Inbari im Gespräch mit der DW. Die dortige Regierung habe einen intelligenten Ansatz gewählt, um ihr Ziel - die Konfrontation mit Israel - zu erreichen. Die treibe sie vor allem über die ihr verbundenen Milizen voran. "Warum sollte Teheran in einen offenen Krieg mit Israel treten, wenn dies ebenso über seine arabischen Verbündeten in der Region möglich ist?"

Iran investiert massiv in die Hisbollah - derzeit sind es, einem Bericht des Wirtschaftsmagazins Forbes zufolge, rund 800 Millionen US-Dollar jährlich. Seit Jahren hat die Hisbollah ihr Waffenarsenal kontinuierlich ausgebaut. Laut Justizministerin Ayelet Shaked verfügt die Organisation über 120 000 Raketen, ausgerichtet in Richtung Israel.

Konfessionelle Differenzen fallen bei den iranischen Planspielen offenbar kaum ins Gewicht. So wird auch die den verarmten Gaza-Streifen regierende sunnitische Hamas Forbes zufolge massiv von Iran unterstützt - mit bis zu 70 Millionen US-Dollar jährlich. Die von dort in Richtung Israel abgeschossenen Raketen dürften so nicht nur dem Freiheitswillen der Palästinenser entspringen, wie die Hamas ihn versteht. Sondern auch Direktiven des Mullah-Regimes folgen, das sich mit der Existenz des jüdischen Staates nicht abfinden will.

"Keine Bürger am Strand"

Die wichtigste Vortruppe Irans bleibt allerdings die Hisbollah. Wiederholt hat Israel in den letzten Monaten Punkte in Syrien bombardiert, an denen nach Überzeugungen des israelischen Geheimdienstes iranische Waffenschmieden zugunsten der Hisbollah entstehen sollten. Zwar könne sich die Hisbollah derzeit keinen Krieg mit Israel leisten, sagt Pinnhas Inbari. Die schiitische Organisation sei derzeit vor mit internen Machtkämpfen im Libanon beschäftigt, außerdem binde der Krieg in Syrien viele ihrer Kräfte. Umso mehr setze Iran aber auf seine anderen Verbündeten - außer der Hamas vor allem auf die Gruppe "Islamischer Dschihad".

Libanesische Frauen in einem von Israel während des zweiten Libanonkriegs zerstörten Stadtviertel von Beirut, 2006Bild: AP

Dennoch fehlt es nicht an deutlichen Warnungen in Richtung nicht nur der Hisbollah, sondern des gesamten Libanon. Hisbollah und die libanesische Armee seien faktisch nicht zu unterscheiden, sagte Anfang Februar dieses Jahres der israelische Verteidigungsminister Avigdor Libermann. "Es wird keine Bilder wie beim Zweiten Libanonkrieg (des Jahres 2006, Anm. d. Red.) geben, die zeigen, wie die Bürger Beiruts am Strand sitzen, während die in Tel Aviv in Bombenkratern hocken. Das wird nicht passieren", so Liberman.

Israels "Rote Linien"

Für Israel ist das Vordringen des Iran eine enorme Herausforderung. Ihr sieht sich das Land weitgehend allein gegenüber. Zwar hätten die USA auf die jüngsten Giftgaseinsätze des Assad-Regimes reagiert, heißt es in einem Papier des Institute for National Security Studies in Tel Aviv. Doch der Angriff richte sich ausschließlich gegen den Chemiewaffeneinsatz. Er ziele hingegen weder darauf, Assad zu stürzen, noch wolle er Iran und Russland Einhalt gebieten. "Israel bleibt in der Kampagne gegen Konsolidierung Irans und seiner Stellvertreter im kriegszerrissenen Syrien allein", heißt es in der Studie.

Die Herausforderung ist enorm. Denn Iran hat nicht nur in Syrien, sondern auch in anderen arabischen Ländern enorm an Einfluss gewonnen. "Man spricht mittlerweile auch schon von einem 'amerikanischen Halbmond', der den gesamten Nordosten Syriens umfasst und von dort weiter nach Jordanien geht, um auf diese Weise einen Schutzschirm zu errichten", sagt der Nahostexperte Günter Meyer im Gespräch mit der DW.

Die westlichen Staaten wünschen sich einen Rückzug Irans aus Syrien. Um diesen zu erreichen, haben sie bislang nicht viel getan. Die Bomben in Reaktion auf den Einsatz von Chemiewaffen, von dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama als "Rote Linie" bezeichnet, sind bislang die stärkste Reaktion des westlichen Lagers. Israel hingegen hat andere, direktere Prioritäten. Iran sei insgesamt eine Rote Linie, so der Politikwissenschaftler Pinnhas Inbari. "Denn die Politik wird von dem gesamten Staat verantwortet - und nicht nur von der derzeitigen Regierung."

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika