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KonflikteLibanon

Israel und Hisbollah: Spannungen könnten weiter eskalieren

Jennifer Holleis | Sara Hteit
24. November 2025

Ein Jahr nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah gibt es im Libanon erneut Angriffe und Todesopfer. Beide Seiten werfen einander Vertragsbruch vor. Lässt sich ein neuer Krieg verhindern?

Der libanesische Katastrophenschutz löscht einen Brand nach einem israelischen Luftangriff im Süden des Landes, Oktober 2025
Der libanesische Katastrophenschutz löscht einen Brand nach einem israelischen Luftangriff im Süden des Landes, Oktober 2025Bild: Anadolu/picture alliance

Einen "gezielten Schlag" habe es ausgeführt, gab das israelische Militär am Sonntag (23.11.25) bekannt, gerichtet "gegen einen führenden Hisbollah-Terroristen in Beirut". Bald darauf wurde bekannt, um wen es sich handelt, nämlich um Haitham Ali Tabatabai, den Generalstabschef der libanesischen Schiiten-Miliz. Am Abend bestätigte die iranisch finanzierte Gruppe seinen Tod. Zudem seien vier weitere ihrer Mitglieder bei dem Angriff im Vorort Haret Hreik im Süden Beiruts getötet worden. 

Bereits wenige Tage zuvor hatte die israelische Luftwaffe zahlreiche Angriffe auf Ziele im Südlibanon geflogen, die überwiegend zur Infrastruktur der Hisbollah gehören sollen. Aber auch Ziele der palästinensischen Hamas im Libanon wurden getroffen, darunter angeblich ein Waffenlager. Nach Angaben libanesischer Gesundheitsbehörden wurden mindestens ein Dutzend Menschen getötet. 

Beide - Hisbollah wie Hamas - werden von vielen westlichen und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft. Insbesondere die Hisbollah ist dabei ein wichtiger Teil der sogenannten "Achse des Widerstands" unter iranischer Führung - eines Bündnisses von Ländern und Gruppen, die den Untergang der USA und die Vernichtung Israels anstreben. Israel wirft der Hisbollah vor, sich neu zu formieren und ihr Waffenarsenal wieder aufzubauen.

Leid im Libanon: Zwischen der Front von Israel und Hisbollah

05:32

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Nun drohen die Spannungen wieder zu eskalieren - und das wenige Tage vor dem ersten Jahrestag des Waffenstillstands, der am 27. November 2024 den seinerzeitigen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah beendete. Seitdem haben gleichwohl immer wieder beide Seiten den Waffenstillstand gebrochen.

"Waffenruhe liegt praktisch in Trümmern"

"Ein Jahr später liegt die Waffenruhe praktisch in Trümmern", sagte Sami Halabi der DW: "Sie wird nur noch aufrechterhalten, weil alle Konfliktparteien sie für ihre eigenen Zwecke nutzen", so der Leiter der Abteilung für politische Strategien beim 'Alternative Policy Institute' in Beirut. Das kommende Jahr dürfte für die Zukunft des Konflikts entscheidend werden, nimmt der Forscher an. "Entweder der Libanon geht die Kernprobleme an oder die Waffenruhe bricht zusammen und das Land gleitet zurück in einen offenen Konflikt."

Eine Rettungskraft inspiziert ausgebrannte Autos nach einem israelischem Angriff im Süden des LibanonBild: Mohammad Zaatari/AP Photo

Was führte zum Waffenstillstand?

Am 7. Oktober 2023 attackierte die Hisbollah Nordisrael. Damit wollte sie die Hamas unterstützen, die kurz zuvor einen massiven Terroranschlag auf Israel verübt hatte. Dieser löste den zweijährigen Krieg im Gazastreifen aus.

Im September 2024 schließlich eskalierte der Konflikt im Libanon zu einem zweimonatigen Krieg, in dessen Verlauf die Israelis auch mit Bodentruppen in den Libanon vorrückten. Bis zum 9. Januar 2025 - da war der Waffenstillstand bereits in Kraft - wurden dem libanesischen Gesundheitsministerium zufolge mehr als 4200 Menschen getötet. Laut Beiruter Behördenangaben waren darunter viele Zivilisten. Auch der Schaden an Gebäuden und Infrastruktur war gewaltig. Die Weltbank schätzt die Wiederaufbaukosten auf etwa 11 Milliarden US-Dollar (9,5 Milliarden Euro).

Aufgrund des Krieges konnten zehntausende Bürgerinnen und Bürger beider Seiten bis heute nicht in die Gebiete zu beiden Seiten der Grenze zurückkehren.

Im Verlauf des Krieges schwächte Israel die Hisbollah erheblich, indem es die militärischen Kapazitäten der Gruppe stark reduzierte und zahlreiche Anführer tötete - darunter der langjährige Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah.

Das Waffenstillstandsabkommen vom November 2024

Das von Frankreich und den USA am 27. November 2024 vermittelte Friedensabkommen sieht unter anderem den Rückzug Israels aus dem Libanon vor. Dennoch sind israelische Truppen weiterhin an fünf Standorten auf dessen Territorium stationiert.

Diese Woche reichte Beirut beim UN-Sicherheitsrat eine dringliche Beschwerde gegen den Bau einer neuen Mauer ein. Laut den UN-Friedenstruppen (UNIFIL) verläuft die Mauer entlang der Blauen Linie, die die Grenze zwischen Israel und dem Libanon markiert, und schränkt den Zugang der Libanesen zu mehr als 4000 Quadratmetern Land ein. Israel wies die Behauptung zurück, die Mauer reiche in libanesisches Territorium hinein.

Anfang November 2025 attackierte Israel das Dorf Teir Debba im Süden des LibanonBild: Mohammad Zaatari/AP Photo/picture alliance

Darüber hinaus sah der Waffenstillstand allerdings auch die Entwaffnung der Hisbollah vor. Hisbollah-Vertreter argumentierten jedoch, dies gelte nur für Gebiete südlich des Litani-Flusses, nicht für den Rest des Libanon. Israel argumentiert, die Hisbollah halte sich überhaupt nicht an das Abkommen, sondern nutze den Waffenstillstand zur militärischen Wiederaufrüstung. Obwohl andere libanesische Kräfte sie dazu auffordern, lehnt die Miliz ihre Entwaffnung weiterhin grundsätzlich ab, mindestens solange israelische Truppen im Libanon stationiert sind.

Libanon: zentrale Probleme weiter ungelöst 

Am Donnerstag erklärte der libanesische Premierminister Nawaf Salam, die Pläne zur Entmilitarisierung des Südens bis Ende des Monats lägen im Zeitplan: "Wir müssen mehr Soldaten rekrutieren, die Armee besser ausrüsten und uns in die Lage bringen, die Gehälter der Soldaten zu erhöhen", sagte Salam dem Nachrichtensender Bloomberg.

Allerdings seien die zentralen Probleme weiterhin ungelöst, sagt Experte Sami Halabi. "Das Waffenstillstandsabkommen wurde nach demselben Muster entworfen, nach dem die Trump-Regierung ihre 'Friedensabkommen' in verschiedenen Konflikten ausgehandelt hat: nämlich als Liste von Stichpunkten, die als Rahmen dienen soll", sagt er. Das könne zwar hilfreich sein. Dennoch sei der Libanon auch nach einem Jahr kleinteiliger Schritte einer Lösung nicht nähergekommen.

Jahrelang galt die libanesische Armee der Hisbollah als militärisch unterlegenBild: Houssam Shbaro/Anadolu Agency/IMAGO

Dabei könne der Waffenstillstand nur dann zu Stabilität oder dauerhaftem Frieden führen, wenn er Teil eines umfassenderen Prozesses sei. Dafür müsse der libanesische Staat schrittweise die Kontrolle über die nationale Verteidigung übernehmen und in die Lage kommen, Abschreckung aufrechtzuerhalten, meint der libanesische Experte. Allerdings: Die Hisbollah galt der regulären Armee zumindest in der Vergangenheit als deutlich militärisch überlegen. Wie stark sie heute noch ist, darüber gibt es keine klaren verlässlichen Informationen.

Eine Übernahme der nationalen Verteidigung durch die Armee könnte nach Halabis Meinung durch stärkere militärische Kapazitäten oder durch ein umfassenderes politisches Abkommen erfolgen. "Eines von beiden oder beides ist möglich. Aber der derzeitige Stand ist keine Lösung", so Halabi.

Könnten direkte Verhandlungen eine Wende einleiten?

Mit der Wahl von Präsident Joseph Aoun im Januar 2025 endete nicht lange nach dem Waffenstillstands-Abkommen auch ein jahrelanges politisches Vakuum im Libanon. Aoun strebt erkennbar die Entwaffnung der Hisbollah an. Er muss zugleich aber auch den Standpunkt seines Landes gegenüber Israel vertreten.

Schließt direkte Gespräche mit Israel nicht aus: der libanesische Präsident Joseph Aoun, hier bei einer Rede im Juli 2025 Bild: Lebanese Presidency Office apai/APA Images/ZUMA/picture alliance

Anfang des Monats erklärte er, der Libanon habe "keine andere Wahl", als Verhandlungen aufzunehmen. "Die Sprache der Verhandlung ist wichtiger als die Sprache des Krieges", sagte Aoun vor Journalisten. "Wir haben gesehen, was der Krieg mit uns gemacht hat", begründete er seinen Standpunkt. Ähnlich sieht es offenbar Ministerpräsident Salam. Er äußerte die Hoffnung, der Libanon könne die Unterstützung der USA für eine diplomatische Lösung gewinnen. 

Direkte Verhandlungen zwischen Libanon und Israel sind - mit einer Ausnahme im Jahr 1983 - ausgeschlossen, da die Länder keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Formal befinden sie sich seit 1948 im Kriegszustand."Der Libanon steht unter zunehmendem Druck, Kompromisse zu akzeptieren, die er zuvor als inakzeptabel betrachtete", schrieb Lina Khatib, Mitarbeiterin des Londoner Thinktanks Chatham House, Anfang des Monats in einem Meinungsbeitrag. Diese Aussicht bedrohe die Hisbollah, meint die Autorin und wagt hier sogar eine Prognose. "Sie ebnet den Weg für ein künftiges Friedensabkommen mit Israel, das der Hisbollah ihre selbst gegebene Daseinsberechtigung nehmen würde."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Jennifer Holleis Redakteurin und Analystin mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika.
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