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Gesellschaft

Israels Ultraorthodoxe ignorieren Corona

12. Oktober 2020

Israel hat eine hohe Zahl von Corona-Infektionen, besonders in ultraorthodox geprägten Städten und Vierteln. Dort halten viele Bürger sich nicht an die Beschränkungen - und bringen die Öffentlichkeit gegen sich auf.

Israel Corona | Ultra-Orthodox-Gemeinden
Bild: Oren Rosenfeld

Journalisten in Israel sind dieser Tage sehr beschäftigt. Die Schlagzeilen bestimmen die oft harten Polizeieinsätze gegen regierungskritische Demonstranten oder israelische Offizielle, die die von ihnen selbst verhängten Corona-Beschränkungen missachten. Die Medien haben außerdem die ultraorthodoxen Haredim und ihre Massenversammlungen im Blick, genau wie während des ersten Lockdowns im Frühjahr. Sie spielen eine maßgebliche Rolle bei den hohen Infektionszahlen im Land.

Einer, der das aus nächster Nähe bestätigen kann, ist Moshe Morgenstern. Schon als die ersten Corona-Beschränkungen im März und April in Kraft traten, meldete sich der Anwalt freiwillig als Gesundheitskoordinator in der Gemeinde Bnei Brak, einer weitgehend von Ultraorthodoxen geprägten Stadt nahe Tel Aviv.

Bnei Brak - dicht besiedelt, wenig Abstand

Jeden Morgen bekommt Morgenstern die Gesamtzahl der Infektionen. "Heute haben wir - warte, wow, das sieht nicht gut aus - wir haben 883 neue Fälle. Jeden Tag steigt die Zahl. Nein, das ist überhaupt nicht gut", sagt er am Telefon. 

Israel im Kampf gegen das Coronavirus

02:58

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Wie andere ultraorthodoxe Städte und Viertel steht Bnei Brak seit Beginn der Pandemie im Rampenlicht - als einer von Israels Coronavirus-Hotspots. Immer wieder gibt es Berichte darüber, dass sich die Bewohner der Stadt nicht an die Corona-Regeln halten. 

Hohe Feiertage im Lockdown

Schon im Frühjahr warnten die Gesundheitsbehörden, dass überfüllte Räume wie in den Jeschiwas, den Talmudschulen, ein Grund für die hohen Infektionszahlen in den Religionsgemeinschaften seien. Auch dicht besiedelte Stadtteile oder Massenversammlungen während der Feiertage trügen zu den hohen Fallzahlen von COVID-19 bei. 

Der zweite Lockdown begann in Israel am 18. September. Zuvor waren die Infektionszahlen stetig gestiegen. Große Versammlungen und gemeinsame Gebete in Innenräumen wurden verboten. Viele Menschen hielten sich an die Regeln, andere allerdings nicht.

Bnei Brak - eine ultraorthodox geprägte Stadt mit hohen Corona-InfektionszahlenBild: Oren Rosenfeld

Kurz nach Bekanntgabe des zweiten Lockdowns standen in Israel hohe Feiertage wie Rosch Haschana und Jom Kippur an, zu denen sich viele Menschen in Gottesdiensten versammelten. Auch zu der Beerdigung eines Rabbiners strömten viele Trauernde. Die israelische Öffentlichkeit war empört. Die Entrüstung war umso größer, als die Polizei - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - die Beschränkungen nicht immer mit der sonst üblichen Konsequenz durchsetzte. Es hieß, dass die Beamten auf einem Auge blind seien, wenn es um ultraorthodoxe Regelbrecher ginge. 

Nach Angaben der Polizei wurden allerdings in den vergangenen Wochen in Bnei Brak und anderen Städten mehrere Versammlungen aufgelöst, Bußgelder verhängt und Synagogen geschlossen. 

Ultraorthodoxe Communities sind von den in Israel registrierten Coronavirus-Infektionen überproportional häufig betroffen. Bis zu 40 Prozent der in der vergangenen Woche entdeckten Neuinfektionen traten bei Haredim auf.

Israel bleibt im Lockdown

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"Wir haben ein Problem", bestätigt Moshe Morgenstern. "Einige Gruppen halten die Regeln einfach nicht ein. Ich kann meine Augen nicht vor den Fakten verschließen." In seiner Eigenschaft als Gesundheitskoordinator versucht er, die Probleme im Dialog zu lösen. "Wir versuchen mit den Haredim-Führern zu sprechen, mit den Rabbinern, und ihnen zu sagen, dass das nicht gut ist. Wir versuchen, mit ihnen zu arbeiten." 

Einen einzigen Hoffnungsschimmer sieht Morgenstern: Die ultraorthodoxe Bevölkerung sei jung. "Die Infizierten sind jung, viele sind Jeschiwa-Studenten. Das ist gleichzeitig gut und schlecht", sagt Morgenstern. Die Sterblichkeit unter ihnen sei nicht höher als im restlichen Land während der zweiten Welle. Israelische Medien berichten darüber hinaus, dass einige Rabbiner auf eine Herdenimmunität unter ihren Studenten setzen. Allerdings ist nicht klar, wie dieses Konzept andere Menschen schützen soll. 

Jerusalem - Angriffe auf Polizistem

Auch Jerusalem ist von hohen COVID-19-Zahlen betroffen. Im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim gibt es zunehmend Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und der Polizei. Die Beamten versuchen, die Corona-Beschränkungen durchsetzen und nahmen bereits zahlreiche Menschen fest, nachdem diese angeblich mit Steinen und Metallgegenständen geworfen hatten. In Mea Schearim leben auch einige erzkonservative, antizionistische Haredim-Sekten. Sie lehnen die Autorität des Staates ab und haben schon zu früheren Gelegenheiten gegen die Polizei protestiert. 

Mea Schearim in Jerusalem - auch hier gibt es viele COVID-19-InfektionenBild: Oren Rosenfeld

Pnina Pfeuffer ist eine ultraorthodoxe Bloggerin und Aktivistin aus Jerusalem. Der Schlüssel zu einer Lösung sei, "die Haredim-Führer ins Boot zu holen", sagt sie. Allerdings sei die Lage komplex. "Die Haredim sind in Gruppen unterteilt, und jede Gruppe ist unterschiedlich", gibt sie zu bedenken. Der Fokus liege aktuell auf den chassidischen Sekten, die keine Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus treffen und sich den Regeln widersetzten, die für alle Bürger gelten. 

Misstrauen gegen Netanjahus Regierung

"Es ist nicht so, dass sie nicht wüssten, dass es das Coronavirus gibt, oder dass sie glaubten, es würde sie nicht treffen. Aber ihnen scheint der Preis zu hoch, ihr Leben in der Gemeinschaft auf unbestimmte Zeit aufzugeben", erklärt Pfeuffer. Eines der größten Probleme sei gewesen, dass der zweite Lockdown während der Feiertage verhängt wurde. Das habe zu "viel Misstrauen zwischen den Sekten gegen die Regierung" geführt. 

Der Preis für die Corona-Beschränkungen scheint zu hoch - Ultraorthodoxe in Mea SchearimBild: Oren Rosenfeld

Das Misstrauen gegenüber der Regierung ist derzeit wohl der einzige Punkt, der alle Israelis vereint. Schon bevor der zweite Lockdown angekündigt wurde, musste sich die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu viel Kritik über ihren Umgang mit der Krise gefallen lassen. Anfang September schlug der Coronavirus-Koordinator Ronni Gamzu ein Ampelsystem vor. Gebiete mit hohen Infektionsraten würden rot gekennzeichnet und müssten mit Beschränkungen rechnen. Einige ultraorthodoxe Bürgermeister und religiöse Würdenträger lehnten den Vorschlag aber ab. Schlussendlich erließ Netanjahu, der mit den ultraorthodoxen Parteien koaliert, lediglich nächtliche Sperrstunden.

In der vergangenen Woche nahmen die Neuinfektionen außerhalb der ultraorthodoxen Gemeinden etwas langsamer zu. Wahrscheinlich wird der Druck auf die Regierung nun steigen, die Beschränkungen für die breite Öffentlichkeit wieder zu lockern. Aber auch wenn der zweite Lockdown überstanden ist, sagen Beobachter, wird die Diskussion über einen differenzierten Umgang mit hoch infektiösen Gemeinden andauern. Die Haredim werden also weiterhin im Corona-Rampenlicht stehen. 

Adaption: Jennifer Wagner

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