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Jagd auf Fußball-Talente - hat der DFB ein Nachwuchsproblem?

1. Juni 2026

Viele junge Spieler entscheiden sich gegen das DFB-Team und für eine andere Fußball-Nation. DFB-Chef Andreas Rettig will das ändern und fordert eine Ausbildungsentschädigung - es ist ein Plan für den gesamten Fußball.

Die Nationalspieler Jamie Leweling (r.) und Nathaniel Brown (M.) bejubeln ein Tor im DFB- Trikot
Die Nationalspieler Jamie Leweling (r.) und Nathaniel Brown (2.v.r.) werden Deutschland bei der WM 2026 vertretenBild: Revierfoto/IMAGO

Diesen Spielern gehört die Zukunft im Fußball: Ibrahim Maza und Malik Tillman von Bayer Leverkusen, Offensivtalent Can Uzun von Eintracht Frankfurt oder auch Josip Stanisic, der gerade erst mit dem FC Bayern DFB-Pokal-Sieger und Deutscher Meister in der Bundesliga geworden ist.

Hinzu kommen Fußballer wie Kenan Yıldız, der bei Juventus Turin in Italien sein Geld verdient, Salih Özcan von Borussia Dortmund oder auch Paul Wanner von der PSV Eindhoven - alle fahren in diesem Sommer zur Weltmeisterschaft nach Kanada, Mexiko und den USA. Allerdings werden sie nicht im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auflaufen.

Salih Özcan hat 60 Spiele für die Nachwuchsteams des DFB absolviert, sich aber für die Türkei entschiedenBild: Mutsu Kawamori/AFLOSPORT/IMAGO

Diese und noch mehr Spieler sind im Besitz einer doppelten Staatsbürgerschaft und haben sich gegen das DFB-Team rund um Bundestrainer Julian Nagelsmann entschieden. Sie werden stattdessen für die Türkei, Algerien, die USA oder Kroatien auflaufen. Und dass, obwohl sie teilweise ihre gesamte fußballerische Ausbildung in Deutschland absolviert haben.

Trotzdem haben sie sich bewusst gegen Deutschland entschieden. Aus sportlichen, emotionalen oder familiären Gründen - oder weil sie sich darin einen Schub für die eigene Karriere erhoffen. Ein Zustand, der DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig wachgerüttelt und zum Nachdenken gebracht hat.

Laufen dem DFB zu viele Talente weg?

Denn viele der genannten Fußballer zählen zum Stammpersonal in ihren Vereinen, bei denen sie auch ausgebildet wurden. Sie gehören zu den besten Spielern auf ihren Positionen. Alle hätten auch im DFB-Team eine wichtige Rolle spielen können und haben große Teile der Nachwuchs-Teams durchlaufen. Junioren-Nationalspieler seien pro Jahr zwischen 50 und 70 Tagen in der Obhut des DFB, weiß Rettig.

DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig (r.) macht sich Sorgen um den deutschen Fußball-NachwuchsBild: Bernd Feil/MIS/IMAGO

"Mehr als 40 Prozent der Kinder in Deutschland, die unter fünf Jahre alt sind, haben einen Migrationshintergrund. Das bedeutet, sie haben später die Möglichkeit für dieses oder jenes Land zu spielen", sagt Rettig im Interview mit der Deutschen Welle (DW).

Der DFB-Chef sorgt sich um die steigende Zahl der abwanderungswilligen potenziellen Nationalspieler und erklärt: "Man muss sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen, damit am Ende nicht eine Situation eintritt, in der viele der hier Ausgebildeten am Ende ihr Glück woanders suchen." Er wolle nicht von einem "Ausbluten" der Nationalmannschaft sprechen, aber die erkennbare Tendenz, so Rettig, bereite ihm durchaus Sorgen.

Rettig: "Es geht in die falsche Richtung"

Schon im vergangenen Jahr hatte der DFB-Geschäftsführer einen Plan zur "Ausbildungsentschädigung", welche die Situation verändern soll, vorgelegt. "Ausbildung muss sich lohnen. Und zwar für den, der ausgebildet wird und für den Ausbilder", fordert der 63-Jährige.

"Ich würde mir wünschen, dass wir ein System entwickeln, bei dem Ausbildung belohnt wird, und bei dem wir die Ausbildungsentschädigung dann wieder in die Basisarbeit reinvestieren können."

Die Idee dahinter ist einfach: Die Ausbildungskosten pro Spieler und Tag sollen exakt berechnet werden. Daraus wird ein Entschädigungsanspruch bestimmt - und zwar für alle Parteien nachvollziehbar und transparent. Die Hürde, dass Spieler von anderen Nationen abgeworben werden, soll so höher werden als sie momentan ist.

Rettig betont im Gespräch mit der DW, dass es ihm nicht rein um eine finanzielle Entschädigung für den DFB gehe, sondern das sein Konzept dem ganzen Fußball zugutekommen würde. "Wir müssen bewusst machen, dass jeder Verband aufgerufen ist, auch in Ausbildung zu investieren."

Denn eine Entwicklung ärgert den DFB-Funktionär besonders: Rettig beobachtet seit einigen Jahren, dass bestimmte Nationalverbände "mehr Geld, Zeit und Engagement in Spieler-Scouting investieren, als selber auszubilden."

Und das gehe natürlich in die völlig falsche Richtung. Eine nachvollziehbare Ausbildungsentschädigung würde dieses Verhalten eindämmen und wieder zu mehr Investitionen in den eigenen Nachwuchs führen, hofft Rettig.

Rettig: "Adler auf der Brust nicht wichtiger als der Halbmond"

Gerade prominente Fälle wie Maza (13 Spiele für die Nachwuchsteams des DFB), der sich für Algerien entschieden hat, US-Nationalspieler Tillman (21 Spiele) oder auch Özcan (61 Spiele), der für die Türkei zur WM fahren wird, haben für Diskussionen beim DFB gesorgt. Trotzdem, betont Rettig, respektiere er jede Entscheidung, solange sie nicht überhastet getroffen wurde.

Das Rennen um Fußball-Talent Can Uzun hat der DFB verloren - Uzun wird für die Türkei spielenBild: Jan Huebner/IMAGO

"Wir sagen nicht, der Adler auf der Brust ist wichtiger als der Halbmond oder eine andere Nationalität", erklärt Rettig. "Ich möchte nur dringend appellieren, dass eine solche Entscheidung [Nationenwechsel, Anm.d.Red.] nicht nur eine reine 'Wo-komme-ich-schneller-ans-Spielen-Entscheidung' sein darf."

Es sei wichtig den Spielern eine glaubwürdige Perspektive aufzuzeigen, sagt der 63-Jährige. "Ich denke nicht, dass wir gut beraten sind, jungen Spielern frühzeitig Luftschlösser zu bauen."

Denn eine Ausbildung sei nicht immer geradlinig und nicht jeder Spieler müsse mit 17 Jahren bereits in einem Champions-League- oder WM-Finale stehen. Deswegen fordert Rettig manchmal mehr Geduld von den Spielern, die den Verband wechseln wollen.

Die FIFA ist nun gefordert

"Für sein Land zu spielen, ist das größte, was man als Spieler erreichen kann. Und so sollte man auch an die Entscheidung herangehen. Es darf keine Entscheidung für eine kurzfristige Turnier-Teilnahme sein", sagt Rettig. "Es sollte eine Entscheidung des Herzens sein und eine für das Land, mit dem man sich am meisten verbunden fühlt."

Nationalspieler Nathaniel Brown hat sich für den DFB entschieden, hätte aber auch für die USA spielen könnenBild: Frank Hoermann/Sven Simon/IMAGO

Diese Verbundenheit und Identifikation mit Deutschland möchte der DFB in Zusammenarbeit mit den Vereinen in Zukunft mehr fördern und so das "Nationen-Hopping" minimieren. Das Ziel müsse sein, dass die Jugendspieler gar nicht erst auf die Idee kommen den Verband zu wechseln. "Wir sind aufgerufen, diese emotionale Bindung zu verfestigen, uns noch mehr Mühe zu geben in allen Altersbereichen", sagte Rettig dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Der Plan des DFB zur "Ausbildungsentschädigung" muss nun beim Weltverband vorgelegt und diskutiert werden. "Es sollte Teil einer Gesamtstrategie sein", sagt Rettig. "Auch die FIFA dürfte kein Interesse daran haben, dass durch vermehrte Wechsel der Nationalität, die Identifikation mit Ihren Wettbewerben leidet und abgewertet wird."

Wie weit die Diskussionen bereits vorangeschritten sind, wollte Rettig nicht kommentieren. Trotzdem wurde deutlich, dass der DFB die berechtigte Hoffnung hat, dass sich in naher Zukunft die "Jagd auf Talente" verändern wird.

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