Japan: Eine Kaiserin? Auf keinen Fall!
25. Juni 2026
Der Kaiserfamilie in Japan gehen die männlichen Thronerben aus, zugleich wird sie durch das Ausscheiden von Prinzessinnen bei einer Heirat immer kleiner. Diese Bedrohung für eine uralte Institution, die Japan zusammenhält, beschäftigt Politiker seit über zwanzig Jahren. Nun haben sich sieben Parteien von Regierung und Opposition auf einen Minimalkonsens geeinigt und einen Entwurf zur Änderung des Kaiserhausgesetzes vorgelegt, um genügend Familienmitglieder zu sichern. Die Regierung von Sanae Takaichi will die Novelle bald im Parlament einbringen, damit sie noch in der laufenden Sitzungsperiode verabschiedet wird.
Der Entwurf sieht vor, männliche Mitglieder ab 15 Jahren aus der väterlichen Linie ehemaliger Adelsfamilien durch Adoption in die Kaiserfamilie aufzunehmen. Adoptionen sichern in Japan traditionell die männliche Erbfolge. Diese Lösung wäre ein Sieg für die Konservativen, die eine Frau auf dem Chrysanthementhron unbedingt verhindern wollen.
Auch die zweite Gesetzesänderung zielt in diese Richtung. Sie erlaubt weiblichen Familienmitgliedern, nach der Heirat in der Kaiserfamilie zu bleiben, wenn sie es selbst wünschen. Bislang werden Prinzessinnen durch eine Heirat automatisch zu Bürgerlichen. So könnte die Kaiserfamilie ihre repräsentativen Pflichten leichter erfüllen, etwa die vielen Schirmherrschaften für wohltätige und andere Organisationen. Doch die Parteien konnten sich nicht darauf einigen, dass die bürgerlichen Ehepartner und deren Nachkommen ins Kaiserhaus aufgenommen werden. Dann könnte es nämlich zu einer Thronfolge über eine weibliche Linie kommen.
Ideale Kaiserin-Kandidatin Aiko
Die Kaiserfamilie ist seit dem Tod des Showa-Kaisers 1989 von 21 auf 16 Mitglieder geschrumpft. Die Thronfolge in der direkten männlichen Linie besteht nur aus dem 60-jährigen Kronprinzen Fumihito und seinem 19-jährigen Sohn Hisahito. Ersterer ist der Bruder des 66-jährigen Kaisers Naruhito, letzterer dessen Neffe. Diese aktuelle Thronfolge soll beibehalten werden. Zu den fünf unverheirateten Frauen zählt Aiko, die 24-jährige Tochter des jetzigen Kaiserpaars. Die äußerst beliebte Aiko gilt als ideale Kandidatin für eine Kaiserin.
Eine im Mai durchgeführte Umfrage der Asahi Shimbun ergab, dass 72 Prozent der Japaner einen weiblichen Thronfolger befürworten. Doch Japans Konservative blockierten diese Lösung bisher und erhielten dafür nun überparteiliche Unterstützung. Ihre Wortführerin ist Takaichi, ironischerweise die erste Premierministerin. Ihre Vorgänger waren alle Männer. "Die historische Tatsache, dass die kaiserliche Linie seit 126 Generationen über die männliche Linie weitergegeben wurde, ist weltweit einzigartig und stellt die Quelle der Autorität und Legitimität des Kaisers dar", sagte sie im April auf einem Parteitag der Regierungspartei LDP.
Isao Tokoro, Experte für die Geschichte des Kaiserhaussystems, ordnete in der Zeitung Asahi die geplanten Gesetzesänderungen in diesen Kontext ein. "Man versucht zwar bewusst, die wahren Absichten zu verschleiern, doch die Hintergedanken, das Ziel von Änderungen, die auf männlichen Nachkommen in männlicher Linie bestehen, zu erreichen, sind deutlich zu erkennen."
Rückkehr nach 80 Jahren
Die elf Zweige der Kaiserfamilie mit damals 51 Mitgliedern verloren 1947 nach dem Zweiten Weltkrieg auf Anordnung der damaligen US-Besatzungsmacht ihren adeligen Status. Derzeit gibt es zehn Männer in der männlichen Linie dieser Zweige, die noch unverheiratet sind und als Kandidaten für eine Adoption in Frage kämen. Es wäre eine Rückkehr nach fast 80 Jahren, in denen diese Familien bürgerliche Leben führten.
Der jetzt vorgelegte Gesetzesentwurf schließt zwar aus, dass solche adoptierten Ex-Adeligen selbst Kaiser werden können, aber lässt offen, ob ihre männlichen Nachkommen anspruchsberechtigt sind. Doch Unterhaussprecher Eisuke Mori von der LDP erklärte bereits, worauf die Neuregelung hinausläuft. "Wird ein Junge geboren, so hat dieses Kind das Recht auf die Thronfolge", sagte Mori. Kurz darauf ruderte er auf Druck von Oppositionsparteien wieder zurück, weil er mit seiner Aussage den "Konsens der Legislative" verlassen hatte.
Akzeptanz der Monarchie in Gefahr
Allerdings könnte das komplizierte Vorhaben die Akzeptanz der Monarchie in Japan untergraben, wenn unbekannte junge Bürgerliche plötzlich zu Prinzen befördert werden und das Kaiserhaus repräsentieren. Darin scheint Kaiser Naruhito, der eigentlich keine politischen Aussagen machen darf, eine Gefahr für seine Institution zu sehen. Er hoffe auf ein "Ergebnis der Diskussionen, das auf das Verständnis der Öffentlichkeit stößt", mahnte der amtierende Tenno vor zwei Wochen ungewöhnlich deutlich an.
Doch von Verständnis kann keine Rede sein. Selbst konservative Zeitungen meldeten Zweifel an der Reform an. "Premierministerin Takaichi sagt, sie werde politische Maßnahmen, die die öffentliche Meinung spalten, mutig infrage stellen, doch dies ist kein Thema, das durch eine Spaltung der öffentlichen Meinung entschieden werden sollte", schrieb Shinichi Kitaoka, Ex-Berater von Takaichis Mentor und Ex-Premier Shinzo Abe, in der Zeitung Yomiuri. Der "natürliche Weg" zu einer stabilen Thronfolge sei der Verzicht auf eine Festlegung des Geschlechts.
Doch Japans Konservative, die das Parlament dominieren, sehen im Kaiserhaus das stärkste Symbol für die traditionelle patriarchalische Familienstruktur, die sie gegen geänderte soziale Normen wie mehr Gleichberechtigung der Frauen verteidigen wollen. Daher lehnen sie auch die gleichgeschlechtliche Ehe und unterschiedliche Nachnamen von Ehepaaren ab. In der Familie der konservativen Premierministerin Takaichi hatte ihr Mann ihren Nachnamen angenommen. "Es gibt Traditionen, die geändert werden können, aber auch solche, die sich nicht ändern dürfen, und die ausschließlich männliche, patrilineare Thronfolge ist eine davon", erklärte Akira Momochi, emeritierter Professor der Nihon-Universität, in einer Fernsehdiskussion.