Japan: Lebenslange Haft für Attentat auf Ex-Premier Abe
21. Januar 2026
Dreieinhalb Jahre nach der Ermordung des japanischen Ex-Regierungschefs Shinzo Abe ist der Täter Tetsuya Yamagami für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Richter Shinichi sagte bei der Urteilsverkündigung in einem Gericht im westjapanischen Nara, der 45-Jährige sei "entschlossen" gewesen, Abe zu töten. Die Tatsache, dass er "ihn von hinten erschossen hat, als (Abe) damit am wenigsten gerechnet hat", zeige die "verabscheuungswürdige und äußerst böswillige" Natur seiner Tat. Yamagami hatte den Mord bereits im Oktober gestanden.
Die Ermordung Abes während einer Wahlkampfveranstaltung im Juli 2022 hatte für Entsetzen in Japan gesorgt. Waffengewalt ist im ostasiatischen Inselstaat Japan, in dem strikte Waffengesetze gelten, äußerst selten.
Abe war am 8. Juli 2022 bei einem Wahlkampfauftritt in Nara niedergeschossen worden. Wenige Stunden später wurde der 67-Jährige im Krankenhaus für tot erklärt.
Täter sah Abe in Verbindungen mit Mun-Sekte
Yamagami soll Abe laut japanischen Medien ins Visier genommen haben, weil er den konservativen Politiker mit der als Mun-Sekte bekannten Vereinigungskirche in Verbindung brachte. Diese sei auch für die finanziellen Schwierigkeiten seiner Familie verantwortlich. Seine Mutter hatte Medienberichten zufolge als Beweis ihres Glaubens etwa 100 Millionen Yen (umgerechnet rund 540.000 Euro) an die Kirche gespendet.
Yamagamis Anwälte hatten argumentiert, aufgrund "religiösen Missbrauchs" lägen mildernde Umstände vor. Der Vereinigungskirche wird vorgeworfen, unter ihren Mitgliedern die Vernachlässigung von Kindern zu fördern und sie finanziell auszubeuten. Die Kirche bestreitet die Vorwürfe. Yamagami selbst hatte im Laufe des Prozesses ausgesagt, Abe sei für ihn zum Ziel geworden, weil er in dem erzkonservativen früheren Ministerpräsidenten die zentrale Figur in der Verbindung zwischen der Sekte und Japans Politik sah. Er habe aus Hass auf die umstrittene Vereinigungskirche gehandelt.
"Leben von der Kirche ruiniert"
Yamagamis Anwälte hatten betont, dass dessen Leben aufgrund der Sekte zusammengebrochen sei. Seine Mutter sei nach dem Suizid ihres Mannes und der Erkrankung einer ihrer Söhne überzeugt gewesen, dass sie ihre Familie retten könne, indem sie "ihr gesamtes Geld und Vermögen in die Kirche stecke". Während seine Mutter Insolvenz angemeldet habe, habe Yamagami seine höhere Bildung aufgegeben und sei der Armee beigetreten, erklärten seine Anwälte. 2005 habe er versucht, Suizid zu begehen. Yamagami habe angefangen zu denken, dass "sein ganzes Leben von der Kirche ruiniert wurde".
Die Verteidigung hatte beantragt, die Haftstrafe für Yamagami auf höchstens 20 Jahre zu begrenzen. Er sei Opfer einer religiösen Gruppe geworden. Die "tragischen" Umstände seines Heranwachsens hätten ihn zu der Tat getrieben. Er verdiene eine Chance auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft, hieß es.
Politische Sekten-Verbindungen im Rampenlicht
In der Folge des Attentats auf Abe waren die jahrzehntelangen Verbindungen zwischen der als Mun-Sekte bekannten Vereinigungskirche und Mitgliedern der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), deren Chef Abe war, ins Rampenlicht geraten. Vier Minister traten zurück. Abes Großvater, Ex-Premier Nobusuke Kishi, hatte laut Medienberichten die 1954 in Südkorea von dem überzeugten Anti-Kommunisten San Myung Mun gegründete Organisation in Japan eingeführt.
Japans Rolle auf internationaler Bühne in Abes Amtszeit gestärkt
Abes gewaltsamer Tod in einem der sichersten Länder der Welt hatte im In- und Ausland Fassungslosigkeit ausgelöst. Der zur Tatzeit 67-Jährige war einer der mächtigsten und international profiliertesten Politiker seines Landes. Abe regierte von Dezember 2012 bis September 2020, stärkte Japans Rolle auf der internationalen Bühne und trat für Multilateralismus ein. Innenpolitisch sorgte er mit seiner nationalistischen Agenda aber auch für Kontroversen und Skandale. Unter ihm rückte Japan nach Ansicht von Kritikern deutlich nach rechts.
pgr/as (dpa, afp, rtr, ap)