Japan richtet Indopazifik-Strategie auf Südostasien aus
6. Mai 2026
Japans Premierministerin Sanae Takaichi stellte am vergangenen Wochenende in Vietnam eine aktualisierte Fassung der japanischen regionalen Strategie vor und unterstrich damit die wachsende Wichtigkeit der Beziehungen Tokios zu Südostasien in einer Zeit sich verschärfender Rivalitäten zwischen den Großmächten.
Takaichi traf am Samstag (2.5.) in Hanoi ihren vietnamesischen Amtskollegen Le Minh Hung und unterschrieb sechs Kooperationsabkommen, darunter zur ländlichen Entwicklung, die gegen Kathastrophen abgesichert werden soll, klimaresistenter Infrastruktur und Austausch von Satellitendaten. Der Besuch fand vor dem Hintergrund statt, dass Japan und Vietnam ihre "umfassende strategische Partnerschaft" vertiefen wollen, die für beide Länder zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Tokio und Hanoi vereinbarten laut dem vietnamesischen Außenministerium, darauf hinzuarbeiten, die japanischen Investitionen in Vietnam bis 2030 jährlich um fünf Milliarden US-Dollar und den bilateralen Handel auf 60 Milliarden US-Dollar auszubauen. Letztere liegt derzeit bei circa 50 Milliarden.
Neuer Schwung in Indopazifik
Japans langfristige Bemühungen, seine Versorgung mit kritischen Mineralien zu diversifizieren und sich von der chinesischen Dominanz unabhängig zu machen, sind ein zentraler Bestandteil der Beziehungen des rohstoffarmen Inselstaats mit anderen Ländern im indopazifischen Raum.
In Hanoi vereinbarten beide Politiker eine verstärkte Zusammenarbeit bei Seltenen Erden und anderen kritischen Mineralien sowie in den Bereichen künstliche Intelligenz, Halbleiter und Weltraumtechnologie. Takaichi sagte zudem zehn Milliarden US-Dollar zu, um asiatischen Partnern dabei zu helfen, sich Energieressourcen zu sichern und die Lieferketten angesichts der durch die Konflikte im Nahen Osten verursachten Störungen zu stärken. Tokio erklärte, das erste Projekt werde die Unterstützung bei der Beschaffung von Rohöl für den vietnamesischen Raffinerie- und Petrochemiekomplex Nghi Son umfassen.
Takaichis Vietnam-Besuch war Teil einer umfassenderen diplomatischen Offensive. Sie selbst war am Sonntag und Montag in Australien zu Besuch, während ihr Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi vom 3. bis 7. Mai Indonesien und die Philippinen besucht. Dabei unterzeichnete Koizumi ein neues Verteidigungsabkommen mit Indonesien.
Die wichtigste Ankündigung erfolgte am vergangenen Samstag, als Takaichi Japans aktualisierte Strategie für einen freien und offenen Indopazifik (FOIP) vorstellte. Sie fußt auf einer seit einem Jahrzehnt bestehenden Politik, mit der sich Tokio zu seiner wirtschafts- und sicherheitspolitischen Rolle im gesamten Indopazifik verpflichtet.
Takaichis verstorbener Mentor, der ehemalige Premierminister Shinzo Abe, hatte das FOIP-Konzept 2016 in Kenia vorgestellt. Der ehemalige Premierminister Fumio Kishida kündigte im Jahr 2023 in Indien eine Aktualisierung an.
"In dieser Region, die den Schlüssel zum künftigen Frieden und zur Stabilität der internationalen Gemeinschaft in der Hand hält, bekräftige ich meine Entschlossenheit, Japans Rolle zu erfüllen, wie wir es schon immer getan haben, und zwar proaktiver denn je, um eine internationale Ordnung aufzubauen, die auf Freiheit, Offenheit, Vielfalt, Inklusivität und Rechtsstaatlichkeit basiert", sagt sie in einer Rede an der Vietnam National University.
Im Rahmen der aktualisierten FOIP werde sich Japan auf drei Schwerpunktbereiche konzentrieren: Aufbau einer wirtschaftlichen Infrastruktur für das Zeitalter von Künstlichen Intelligenz und Daten, Ausbau der Zusammenarbeit im öffentlichen und Privatsektor zur Förderung des Wachstums und Stärkung der Sicherheitszusammenarbeit, so Takaichi.
Veränderte strategische Lage
Sie erklärte zudem, Tokio werde sich für den Ausbau der "Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership" (CPTPP) einsetzen. Dieses Handelsabkommen mit zwölf Mitgliedern soll eine neue Chance erhalten soll, weil sich die USA 2017 während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump von dessen Vorgänger, dem Trans-Pacific Partnership (TPP), zurückgezogen hatten.
Doch das strategische Umfeld hat sich dramatisch verändert. China ist nun mächtiger und selbstbewusster, während das Engagement der Vereinigten Staaten in der Region unter Präsident Donald Trump weniger zuverlässig geworden ist.
Die asiatischen Partner müssten sich "an diese neuen Realitäten anpassen, einschließlich der strukturellen Veränderungen in der internationalen Ordnung, die sich aus dem geopolitischen Wettbewerb, der sich beschleunigenden technologischen Innovation und dem Aufstieg des Globalen Südens ergeben", sagte Takaichi in Hanoi.
Für Japan bedeute dies, dass die FOIP nicht länger nur eine Erklärung diplomatischer Grundsätze sei. "Es ist offensichtlich, dass die FOIP in Schwierigkeiten steckt, und Takaichis Rede in Vietnam hat dies deutlich gemacht", sagt Mark Cogan, Professor für Friedens- und Konfliktforschung an der japanischen Kansai Gaidai University, gegenüber der DW.
"Zwar betonte sie erneut die Wirksamkeit der japanischen Diplomatie in den zehn Jahren seit ihrer Einführung, doch ist der Schutz aufgrund der sich wandelnden Natur der Kriegsführung und fortschrittlicher Technologien stärker gefährdet als je zuvor."
ASEAN im Fokus Japans
Kei Koga, außerordentlicher Professor an der Nanyang Technological University in Singapur, erklärte gegenüber der DW, Takaichis Besuch in Vietnam deute darauf hin, dass "Japans strategischer Fokus auf den Indopazifik unverändert bleibt, wobei der Schwerpunkt nun stärker auf Südostasien liegt".
Seit Takaichis Amtsantritt im Oktober 2025 hat Japan rasch Maßnahmen ergriffen, um die regionalen Beziehungen zu stärken. Innerhalb weniger Wochen nahm sie sowohl am ASEAN-Gipfel in Malaysia als auch am APEC-Gipfel in Südkorea teil.
Im Januar unterzeichneten Japan und die Philippinen ein Abkommen über die Beschaffung von Militärgütern und gegenseitige Dienstleistungen, um die militärische Logistikzusammenarbeit zu stärken. Im April überarbeitete Takaichis Kabinett Japans Rüstungsexportvorschriften und hob damit eine langjährige Beschränkung für den Export von tödlichen Waffen in zugelassene Partnerländer auf.
Japans überarbeitete FOIP scheint weniger stark auf wertorientierte Formulierungen ausgerichtet zu sein als frühere Fassungen, erklärt Koga gegenüber der DW. Obwohl Takaichi Japans Bekenntnis zu "Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft" im indopazifischen Raum erwähnt habe, habe ihr Schwerpunkt darauf gelegen, Ländern dabei zu helfen, "Resilienz" und die Fähigkeit zu erlangen, eigene Entscheidungen in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Sicherheit zu treffen, sagt er. "Dieser Ansatz legt mehr Gewicht auf strategische Autonomie als auf ideologische Angleichung."
Dieser Ansatz könnte Japans beste Chance sein, die FOIP relevant zu halten. Die südostasiatischen Staaten wollen sich nicht zwischen China und den Vereinigten Staaten entscheiden müssen. Aber viele wollen Optionen, Partner und Einflussmöglichkeiten. "Im Wesentlichen will Japan, - damit die FOIP bestehen bleibt - eine stärkere Zusammenarbeit mit der ASEAN, um Resilienz aufzubauen, und es glaubt, dass es der effektivste Partner ist, um diese Ziele zu erreichen", sagt Cogan.
Adaptiert aus dem Englischen von Dang Yuan