Jehona Kicaj: "ë" - Eine leise Einladung zum Zuhören
13. Oktober 2025
Den Buchstaben "ë" gibt es im Deutschen nicht. Im Albanischen dagegen ist er der häufigste. Am Wortende fällt er oft weg - kaum hörbar, aber unverzichtbar. So wie die Stimme der Hauptfigur in Jehona Kicajs Roman "ë". Ihre Sprache ist still, aber kraftvoll. Das, was sie ausdrückt, geschieht mit dem Körper: ein nächtliches Knirschen mit den Zähnen. Die Krankheit heißt Bruxismus und ist so stark, dass sie den härtesten Stoff des menschlichen Körpers zerstören kann - den Zahnschmelz. Meist entsteht sie, wenn man gelernt hat, den Schmerz zu unterdrücken. "Sprachlosigkeit mit Mitteln der Literatur darzustellen - das ist die größte Herausforderung überhaupt", sagt Jehona Kicaj im DW-Interview. "Genau das habe ich in diesem Roman versucht."
Das Schweigen eines Mädchens
Die Hauptfigur ist ein Mädchen, das 1998 mit seiner Familie aus Kosovo flieht, um sich dem Vater anzuschließen, der bereits als Gastarbeiter in Deutschland lebt. Während in Kosovo die serbische Armee und Paramilitärs Massaker an der albanischen Bevölkerung verüben, debattiert Deutschland, ob es sich an der NATO-Intervention gegen den Diktator Slobodan Milosevic beteiligen soll.
In Deutschland versucht das Mädchen, Anschluss zu finden - doch es scheint, als sei seine Zunge gebunden. Es ist nicht nur die fremde Sprache, die es von den anderen trennt, es sind auch die Erinnerungen, die die Familie mitgebracht hat. Erinnerungen, die alle lieber vergessen möchten. "Ich erinnere mich nicht mehr", sagt die Mutter oft.
Jahre später, als Erwachsene, versucht die Erzählerin, dieses Schweigen zu verstehen. Sie kehrt nach Kosovo zurück, öffnet alte Fotoalben, spricht mit Shpresa, ihrer Cousine, die den Krieg vor Ort erlebt hat, besucht in Deutschland einen Kurs über die Identifizierung von Leichen aus Massengräbern und unterhält sich mit Elias, einem deutschen Studienfreund, der den Krieg nur aus den Medien kennt. Aus diesen Begegnungen entsteht ein vielstimmiges Erinnerungsgeflecht - von jenen, die erlebt, debattiert und geschwiegen haben.
Verbrechen jenseits der Vorstellungskraft
Jehona Kicaj wurde 1991 im kosovarischen Suhareka geboren und kam mit eineinhalb Jahren nach Deutschland. Sie sagt, sie stamme aus einer Arbeiterfamilie; ihre Liebe zur Literatur habe sie im Deutschunterricht entdeckt. "In der Schule habe ich gemerkt, wie sehr Literatur einen verändern kann", erinnert sie sich. Ihr wichtigster Einfluss: Heinrich von Kleist. "Von ihm lernte ich, dass Menschen auch ohne Worte sprechen können - mit Gesten, mit Körpern, mit Schweigen", sagt Kicaj.
In "ë" sprechen auch die Gebeine der Exhumierten aus den Massengräbern des Kosovo-Kriegs. Die Recherche sei emotional äußerst belastend gewesen. "Manche der Verbrechen, über die ich gelesen habe, waren jenseits menschlicher Vorstellungskraft", erinnert sie sich. Dass das Buch für den wichtigsten deutschen Literaturpreis, den Deutschen Buchpreis, nominiert wurde, freue sie besonders, weil damit endlich auch dieses schmerzhafte Kapitel europäischer Geschichte Aufmerksamkeit erhalte. "Über diesen Krieg wird sehr wenig gesprochen - weder in Kosovo noch in den Ländern, in denen viele der damals Geflüchteten heute leben, in der Schweiz, in Österreich, aber auch in Deutschland. Aber die Erfahrungen, die die Menschen damals gemacht haben, leben in ihnen und in ihren Kindern weiter."
Perspektive eines Diasporakindes
Kicaj erzählt minimalistisch und ohne Pathos aus der Perspektive eines Kindes von Migranten. Eine Zwischenebene, die Distanz und Betroffenheit zugleich vermittelt. In "ë" lässt sie viele Sätze auf Albanisch stehen, teils im kosovarischen Dialekt. Wer die Sprache nicht kennt, stolpert - und genau das ist beabsichtigt. Auch wenn die Sätze übersetzt werden, entsteht zunächst eine Schwelle, die jedoch auch als Einladung verstanden werden kann.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Vater der Protagonistin kein Kriegsflüchtling, sondern Gastarbeiter ist. Er gehört jener Generation von Menschen an, die der deutsche Staat und die deutsche Wirtschaft jahrzehntelang nur als reine Arbeitskräfte sahen und um deren Integration man sich nicht bemühte. Doch sie blieben, gründeten Familien, bauten neue Leben auf. Später korrigierte die deutsche Politik diesen Fehler: Den Migranten bot sie Integrationskurse an, damit sie Deutschland verstehen. Doch selten fragte man nach den Geschichten, die sie mitbrachten. Kicajs Roman kehrt diese Richtung um und lädt ein, in den ungeöffneten Koffer der Migration zu blicken - dorthin, wo Erinnerungen liegen, über die selten gesprochen wird.