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PolitikJemen

Jemen: Machtoffensive im Süden ordnet Kräfteverhältnis neu

16. Dezember 2025

Der Südliche Übergangsrat hat weitere Gebiete des südlichen Jemen unter seine Kontrolle gebracht. Nun fordert er eine Teilung des Landes. Die gilt Experten jedoch als unwahrscheinlich.

Huthi-Anhänger demonstrieren mit Waffen am Unabhängigkeitstag in Sanaa, November 2025
Huthi-Anhänger demonstrieren mit Waffen am Unabhängigkeitstag in Sanaa, November 2025Bild: Mohammed Huwais/AFP/Getty Images

Ihre jüngsten Gebietsgewinne wollen sie nicht wieder aufgeben. So hätten es jemenitische Separatisten in Gesprächen mit saudischen und emiratischen Gesandten klargestellt, berichtete eine den Separatisten nahestehende Quelle der Nachrichtenagentur AFP am Samstag.

Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützte Südliche Übergangsrat (STC) hatte Anfang des Monats große Teile der Provinzen Hadramaut und Mahra erobert. Auch lokale Ölförderanlagen sowie die Stadt Aden, der Sitz der international anerkannten Regierung, befinden sich in seiner Hand.

Das "nächste Ziel" müsse Sanaa sein, erklärte Aidarous al-Zubaidi, der oberste Kommandant des STC. Die Stadt müsse unter die Kontrolle des STC kommen, "mit friedlichen Mitteln oder durch Krieg". Ziel sei es, Gerechtigkeit für die Bevölkerung wiederherzustellen und die "Aggression" zu besiegen. Militärische Erfolge seien nötig, um eine neue Stabilität zu garantieren und die Huthi-Rebellen, Terrorgruppen und den Drogenhandel zu bekämpfen, sagte al-Zubaidi zudem. 

Allerdings sei die genaue Entwicklung im Süden und Südosten des Jemen noch unklar, sagt der Nahostexperte Thomas Juneau, Professor an der Universität Ottawa, der DW. "Bis vor einigen Tagen war der STC kaum in der Lage, seine Gebiete im Süden zu regieren. Es handelt sich um eine schwache und umstrittene Regierung." 

Separatisten sichern nach ihrer Machtübernahme den Präsidentenpalast in Aden , 9. Dezember 2025Bild: Fawaz Salman/REUTERS

Der umkämpfte Süden

Zu Beginn des Jemen-Krieges 2014 hatte die vom Iran unterstützten Huthi-Miliz die international anerkannte Regierung des Landes aus der Hauptstadt Sanaa nach Aden im Süden vertrieben. Seitdem ist es der durch den Politischen Legislativrat (PLC) vertretenen jemenitischen Regierung nicht gelungen, den Süden des Landes politisch zu einen.

Seit langem versucht der von Saudi-Arabien unterstützte PLC die Kontrolle über ganz Jemen zurückzugewinnen und den Huthi eine Niederlage beizubringen. Riad ist jedoch zunehmend bereit, die Huthi als jemenitische Machthaber anzuerkennen, um den Konflikt jenseits seiner Grenzen zu beenden.

Die VAE, die den Südlichen Übergangsrat unterstützen, sind dafür, den Südjemen als unabhängigen Staat wiederherzustellen, so wie er zwischen 1967 und 1990 existierte. Abu Dhabi ist interessiert an engen Beziehungen zum Süden des Landes, da über diesen die Verbindung zu den wichtigen Schifffahrtsrouten im Golf von Aden und im Roten Meer läuft.

"Wir setzen uns weiterhin für alle internationalen Friedensbemühungen ein, die zu einer Wiederaufnahme des politischen Prozesses führen und letztlich den Bestrebungen des jemenitischen Volkes nach Sicherheit, Stabilität und Wohlstand dienen", erklärte ein Vertreter der VAE gegenüber der DW in einer schriftlichen Stellungnahme.

Droht dem Jemen neue Spaltung?

"Die Ereignisse im Süden des Jemen stellen keine neue Krise dar, sondern haben sich über viele Jahre hinweg zugespitzt", sagt der in Washington ansässige, ehemals für das US-Außenministerium tätige Jemen-Spezialist Hisham Al-Omeisy der DW.

Als sich der nördliche und der südliche Jemen 1990 zu einer gemeinsamen Republik vereinigten, habe Optimismus geherrscht, erinnerte er sich. Doch mit der Zeit hätten sich Korruption, Vetternwirtschaft und die Marginalisierung der Südjemeniten immer weiter verschärft. Daraufhin habe eine breite Volksbewegung die Unabhängigkeit gefordert, sagt er. "Ich glaube nicht, dass dieser Ruf verstummen wird."

Dennoch hält Al-Omeisy die vollständige Unabhängigkeit des Südens als nächsten Schritt für unwahrscheinlich. Selbst wenn man den Übergangsrat im Süden und die Huthi im Norden anerkennen würde, wäre das Problem im Jemen nicht gelöst, sagt er. "Denn in einem zunehmend zersplitterten Land sind auch viele andere Parteien präsent." 

Ähnlich sieht es auch Marieke Brandt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. "Eine formelle Unabhängigkeitserklärung im Südjemen würde die Herrschaft der Huthi im Norden und im Zentrum des Jemen implizit legitimieren." Allerdings würden die Huthi jedes politische Projekt im Süden ablehnen und als von ausländischen Mächten unterstützte Zersplitterung verurteilen. Im Falle einer informellen Spaltung bestünden im Jemen zwei rivalisierende, nicht anerkannte Gruppierungen, die sich entlang instabiler Frontlinien gegenüberstünden. "Der Krieg würde nicht enden, er würde lediglich seine Form ändern", so Brandt im DW-Interview. 

Der Jemen leidet unter einer der größten humanitären Krisen weltweit. Ein unterernährtes Baby in Sanaa, 2022Bild: Mohammed Hamoud/AA/picture alliance

Doch wie immer sich die Lage auch entwickle, man könne davon ausgehen, dass die im Januar 2024 von den USA als Terrororganisation eingestuften Huthi über den geschwächten PLC triumphieren würden, sagt Thomas Juneau.

Fragmentierung verschärft humanitäre Lage

Nun drohen die neuen Machtverhältnisse im Süden den Jemen nach drei Jahren relativer Ruhe infolge des von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstands von 2022 erneut in einen offenen Konflikt zu stürzen.

"Die Lage im Südjemen war in den letzten Tagen chaotisch", sagt Niku Jafarnia, Jemen-Expertin bei Human Rights Watch, im DW-Interview. "Laut unseren Informationen wurden Menschen aus dem Norden von den Truppen des Südlichen Übergangsrats und ihren Verbündeten aus ihren Häusern vertrieben." Was mit diesen Menschen geschehen ist, sei derzeit noch unklar.

"Angesichts der bisherigen Ereignisse gehe ich davon aus, dass es dort, wo der STC neue Gebiete unter seine Kontrolle bringt, in den kommenden Monaten aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem Anstieg der Menschenrechtsverletzungen kommen wird", sagt Jafarnia.

Im Jahr 2024 dürften sämtliche Konfliktparteien, einschließlich des STC, für willkürliche Verhaftungen, Verschwindenlassen, Folter und Misshandlungen von Gefangenen in offiziellen und inoffiziellen Haftanstalten im ganzen Land verantwortlich gewesen sein, heißt es in dem jüngsten Weltbericht von Human Rights Watch.

All dies lässt keine Hoffnung auf eine Verbesserung der humanitären Lage im Jemen aufkommen. Die dortige Krise gilt weiterhin als eine der schlimmsten weltweit.

Laut UN-Berichten waren rund 60 Prozent der geschätzten 377.000 Todesfälle im Jemen zwischen 2015 und Anfang 2022 auf indirekte Ursachen wie Nahrungsmittelknappheit und mangelnde Gesundheitsversorgung zurückzuführen. Im Jahr 2025 waren weiterhin 5 Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht.

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

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Jennifer Holleis Redakteurin und Analystin mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika.
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