Jens Spahn und die US-Leihmutter: Ein Fall von Doppelmoral?
18. Juli 2026
Eine Leihmutter stellt ihren Körper für das Austragen eines Babys zur Verfügung und wird dafür in der Regel bezahlt. Die CDU lehnt das ab, und das ist der konservativen Regierungspartei sehr wichtig. Noch im Februar 2026 gab es dazu einen Beschluss auf dem Bundesparteitag.
"Angesichts ethischer, rechtlicher und praktischer Bedenken gegenüber Leihmutterschaft bekräftigt die CDU Deutschlands ihre Forderung, Leihmutterschaft - auch in altruistischen Modellen - in Deutschland weiterhin zu verbieten, um Missbrauch, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken zu verhindern", heißt es in dem Beschluss, der in Stuttgart verabschiedet wurde.
Altruistisch bedeutet, dass beispielsweise eine Familienangehörige für eine andere ein Baby austrägt, aus Verbundenheit und ohne Bezahlung. Dieses Modell ist mit weniger ethischen Problemen verbunden als die kommerzielle Leihmutterschaft, aber selbst hier ist die CDU eindeutig. "Leihmutterschaft bleibt damit uneingeschränkt verboten", heißt es in dem Parteitagsbeschluss. "Es wird ausdrücklich verhindert, dass in Deutschland kommerzielle oder neutrale Modelle entstehen, die Leihmutterschaft zu einem Geschäftsmodell machen."
In den USA ließ sich das Verbot umgehen
Auch Jens Spahn, langjähriger CDU-Spitzenpolitiker und zuletzt Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, war im Februar 2026 auf dem Parteitag in Stuttgart. Privat hatte er da längst entschieden, gemeinsam mit seinem Ehemann Daniel Funke ein Baby zu bekommen. Die beiden kennen sich seit 2010 und haben 2017 geheiratet.
Die in den USA engagierte Leihmutter war zu dem Zeitpunkt bereits von Funke schwanger. Dort ist Leihmutterschaft nicht verboten. Zwar unterscheidet sich die Rechtslage je nach Bundesstaat stark, doch in Kalifornien beispielsweise ist es für gleichgeschlechtliche Paare unproblematisch und rechtssicher möglich, auf diesem Weg Eltern zu werden. Nun ist das Kind auf der Welt. Der Kleine heißt Georg, und er macht seine Väter überglücklich, wie Spahn in einem Podcast der "Bild"-Zeitung sagte, der am Freitagnachmittag (17.7.) veröffentlicht wurde.
Der 46-Jährige Jens Spahn hatte die Geburt zunächst am Mittwoch (15.7.) öffentlich gemacht. "Mein Mann ist Papa geworden, und ich mit ihm. Georg ist unser ganzes Glück", sagte er ebenfalls der "Bild". Rechtliche Folgen müssen die beiden Männer nicht befürchten. Strafbar würden sich hierzulande nur beteiligte Ärzte und Vermittler machen. Es ist nicht verboten, in Deutschland ein Kind aufzuziehen, das im Ausland von einer Leihmutter geboren wurde.
Sind Politik und Privatleben komplett zu trennen?
Dass der Fall auch eine politische Dimension hat, war Spahn und Funke durchaus klar. "Uns ist bewusst, dass beim Thema Leihmutterschaft oft Unsicherheit herrscht und auch manches Vorurteil besteht", so Funke. Doch das trifft es nur zum Teil. Der Fall hat eine hitzige Debatte über Doppelmoral ausgelöst. Die Frage ist, ob ein Politiker privat nutzen kann, was er politisch für Deutschland ablehnt.
Früher hatte sich Spahn beim Thema Leihmutterschaft öffentlich stets kritisch bis ablehnend geäußert. 2015 bat das Magazin "GQ" drei prominente homosexuelle Männer um ihre Meinung. Spahn sagte: "Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden."
Allerdings war ihm schon damals aber offenbar klar, dass ihn seine grundsätzliche Überzeugung irgendwann in ein Dilemma bringen könnte. "Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht."
"Ich bin lange zerrissen gewesen"
2020, als die oppositionelle FDP eine Debatte zur Liberalisierung von Leihmutterschaft anstoßen wollte, lag Spahn wieder ganz auf der Linie der CDU. Er war damals Bundesgesundheitsminister und stellte sich umgehend quer. Nicht nur mit den bekannten Argumenten der CDU, sondern auch mit der Begründung, bei der Leihmutterschaft könnten "besondere Schwierigkeiten bei der Selbstfindung des Kindes" entstehen.
In dem Podcast-Gespräch sagt Spahn nun, das sei 2020 die offizielle Haltung der Regierung gewesen. Er selbst habe in den vergangenen zehn Jahren eine Entwicklung durchlaufen. "Ich habe lange mit mir gerungen, auch was das Thema Leihmutterschaft angeht. Ich bin lange zerrissen gewesen. Aber eben über dieses Ringen und sich mit dem Thema beschäftigen, haben wir uns für diesen Weg entschieden."
Merz: Rücktritt "richtig" und "unvermeidlich"
Der Fall rührte an der politischen Glaubwürdigkeit von Jens Spahn. Schließlich sind Politiker, zumal in Spitzenpositionen, immer auch Vorbilder für die Bürger. Und viele Bürger, aber auch Politiker stellten sich die Frage, wie der Staat von ihnen Gesetzestreue verlangen kann, wenn führende Politiker die deutschen Gesetze im Ausland umgehen.
Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler, hielt sich zunächst mit öffentlicher Kritik zurück. Ihm sei bewusst, dass das Thema "in seiner ganzen Dimension menschlich, juristisch, gesellschaftlich, ethisch" sehr viele Menschen aus diesem aktuellen Anlass bewege. In Deutschland gebe es dazu eine klare Rechtslage und er sehe nicht, dass daran "Änderungen vorgenommen werden sollen". Alles weitere werde parteiintern aufgearbeitet.
Wenige Augenblicke, nachdem Jens Spahn am Samstag seinen Rücktritt vom Amt des Fraktionsvorsitzenden bekannt gab, bezeichnete Merz diesen Schritt als "richtig" und "unvermeidlich". "Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut", heißt es in seiner Erklärung weiter.
Spahn spürte den Druck aus der eigenen Partei
Jens Spahn ist nicht der erste prominente CDU-Politiker, der mit Hilfe einer Leihmutter Vater geworden ist. Auch der Bundestagsabgeordnete und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, ging vor einigen Monaten mit seinem Ehemann in den USA diesen Weg.
In der CDU rumorte es bis zum Wochenende gewaltig. Der Chef des CDU-Landesverbands von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, forderte dezidiert Spahns Rücktritt. Jens Spahn sei als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar, sagte Peters der "Bild". Spahn habe als Fraktionschef "eine besondere Vorbildfunktion innerhalb der Union". Mit einer Leihmutterschaft in den USA habe er sich "in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt".
"Zudem nimmt er für sich in Anspruch, als Privatperson ganz anders handeln zu können als er als CDU-Mandatsträger abstimmt. Das geht überhaupt nicht." Ähnlich hatte sich die Thüringer Landesvorsitzende der Frauen-Union, Marion Rosin, geäußert. Der Bundesvorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, sagte dem Magazin "Focus", er sei schockiert. "Die Leihmutterschaft ist zu Recht in Deutschland verboten. Es ist nicht gut, wenn sich Politiker mit Macht und Geld darüber hinwegsetzen."
Redebedarf bei Grünen und Linken
Kritik kam auch aus der Opposition. Kathrin Gebel, frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, erklärte: "Politische Maßstäbe sollten auch dann gelten, wenn das eigene Leben betroffen ist." Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen, warf Spahn Doppelstandards vor: "Wer Regeln politisch propagiert, sollte nachvollziehbar erklären, warum sie für ihn selbst offenbar nicht gelten sollen."
Der CDU-Politiker Spahn hatte schon so manche Skandale überstanden. Während der Corona-Pandemie war er für den überteuerten Kauf von Schutzmasken verantwortlich, bei denen es später milliardenschwere Rechtsstreitigkeiten mit Lieferanten gab. Die Affäre hing Spahn zwar bis heute nach, seiner Karriere hatte dies aber nicht geschadet: als Unions-Fraktionsvorsitzender war sein politischer Einfluss sogar noch gestiegen.
Doch während Spahn in der Vergangenheit vor allem durch seinen Willen zur Macht auffiel, mischte sich zuletzt ein anderer Ton hinein. Im Podcast sagte er: "Für mich ist jedenfalls eins klar: Für mich gibt es, und das wird mir jede Stunde immer bewusster, nichts Wichtigeres als meine Familie."
Dieser Artikel vom 17.07. wurde am 18.07. nach der Rücktrittserklärung von Jens Spahn aktualisiert.