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Glaube

Jesus - Politik für Gerechtigkeit

9. März 2024

Alexej Nawalny hat auf die Frage, wer für ihn der größte Politiker sei, geantwortet: Jesus Christus. Was haben Bibel und Politik gemeinsam? Ein Beitrag der evangelischen Kirche.

Justitia auf dem Gerechtigkeitsbrunnen
Bild: Florian Gaul/greatif/picture alliance

Gefragt, wer für ihn der größte Politiker sei, antwortet der in russischer Gefangenschaft umgekommene Kreml-Kritiker Alexej Nawalny: „Jesus Christus." (1) In seinem Berufungsprozess vor dem Moskauer Bezirksgericht Babuschkino zitierte er aus der Bergpredigt Jesu: „Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ (Die Bibel, Matthäus 5,6) (2)  

Meist denke ich bei Gerechtigkeit vor allem an soziale Gerechtigkeit. Denn genau darum geht es ja: Dass alle Menschen gut – das heißt nach ihren jeweiligen Bedürfnissen - leben und gut miteinander auskommen.  

Vollkommene Gerechtigkeit gibt es nicht. Grund dafür ist laut der Bibel: Wir sind verführbar von den Kräften des „Diabolos“, wörtlich übersetzt des Durcheinanderwerfers. Ich verstehe darunter nicht den leibhaftigen Teufel, der an der Ungerechtigkeit schuld wäre. Wir Menschen sind schon selbstverantwortlich. Aber es gibt die Verführung durch Macht- und Habgier, der man erliegen kann - oder eben nicht.  

Gerechtigkeit bleibt das Ziel. Gott, so heißt es in der Bibel, wird für Gerechtigkeit sorgen. Er wird alle menschliche Herrschaft abschaffen, die unterdrückt und ausbeutet. Gott traut Menschen zu, sich schon jetzt für Gerechtigkeit einzusetzen. Er hat ihnen dafür Regeln an die Hand gegeben: die Zehn Gebote.  

Jesus legt diese Gebote in der Bergpredigt aus. Er meint: Wonach du dich innerlich ausrichtest, das prägt dein äußeres Handeln. Und Jesus sagt auch: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.“ (Die Bibel, Matthäus 6,33) Dabei geht es ums „Beten und Tun des Gerechten“, hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt.  

Als Bürgerin und Christin bin ich ein politisches Wesen, ob ich will oder nicht. Wie ich mich anderen gegenüber verhalte, trägt dazu bei, dass Gottes Gerechtigkeit wachsen kann. Ein Pfarrer, der keiner Partei angehört, sagte dazu einmal treffend: „Mein Parteibuch ist die Bibel.“  

Gerechtigkeit ist nichts Statisches, sondern ein ständiger Prozess. Ich muss zusammen mit anderen fortwährend danach „trachten“, wie Jesus sagt. Es ist einfach, in Länder zu schielen, in denen ungerechte Diktatoren wüten oder korrupte Politiker*innen. Es ist schwer, in meiner eigenen Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in meiner Kommune, der christlichen Gemeinde und meinem eigenen Land zu erkennen, was nottut.  

Gottes Gerechtigkeit Raum schaffen – das kann heißen: Ich werde auf manches verzichten müssen, damit alle gut leben. Doch dieser Verzicht kann mir mehr Lebensqualität schenken.  

Wir sind in der Fastenzeit bis Ostern. Eine gute Zeit, es auszuprobieren. In die Stille gehen. Über diesen Satz von Jesus meditieren, den Alexej Nawalny zitiert und gelebt hat: „Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ 

Spüre ich meinen eigenen Hunger?  

Den nach Essen, das mich wirklich sattmacht.  

Den nach guten, erfüllten Beziehungen zu anderen. Zur Natur. Zu meiner Arbeit.  

Was nährt mich wirklich? 

Was gibt mir Kraft für mein Leben?  

Was gibt mir Kraft, mich für andere einzusetzen? 

Was ist mein Bild von einem guten Zusammenleben?  

Gerechtigkeit ist kein Gefühl. Aber sie kann gute Gefühle hervorrufen. Genau wie Ungerechtigkeit uns leiden lässt. Gerechtigkeit ist Wissen, Wille und Tat. Christlich gesehen immer mit dem Bewusstsein: So sehr ich mich um Gerechtigkeit bemühe, ich werde sie nie ganz erreichen. Ich kann auch scheitern. Falsch liegen. Mich in neue Ungerechtigkeiten verstricken. Bis am Ende Gott die wahre Gerechtigkeit schafft.  

Bis es so weit ist, möchte ich mithelfen, die Pflanze der Gerechtigkeit wachsen zu lassen: Damit sie ein großer starker Baum wird, in dessen Schatten alle Menschen satt und zufrieden an einer langen Tafel Platz finden, lachen und erzählen, schweigen und beten.  

Man sagt von Alexej Nawalny, dass er nicht von Anfang an ein einflussreicher Politiker werden oder Karriere machen wollte. Vor allem habe er ein „normales“ Leben mit Familie in Freiheit gewollt. Mit den Händen hat er ein Herz geformt – hinter Gitterstäben. Nicht aufgeben ist seine Botschaft. Auch darin ist Jesus das Vorbild.  

 

Zur Autorin:  

Pfarrerin Petra Schulze, Jahrgang 1965, ist die Evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR und Leiterin des Evangelischen Rundfunkreferates NRW in Düsseldorf. Sie hat Evangelische Theologie, Publizistik und Sozialpsychologie in Bochum studiert. Nach Tätigkeiten beim WDR Hörfunk und WDR Fernsehen waren ihre beruflichen Stationen im Ennepe-Ruhr-Kreis, Dortmund und bis 2011 in Berlin als Evangelische Senderbeauftragte für das Deutschlandradio und die Deutsche Welle. 

Bild: privat

Dieser Beitrag wird redaktionell von den Christlichen Kirchen verantwortet.