1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikFrankreich

Jordan Bardella: Wird er Frankreichs nächster Präsident?

Matt Pearson
6. Juli 2026

Rechtspopulistin Marine Le Pen strebt schon lange nach der Präsidentschaft. Doch ob sie kandidieren darf, hängt vom Urteil eines Berufungsgerichts ab. Der 30-jährige Aufsteiger Jordan Bardella wittert seine Chance.

Frankreich Poussay 2025 | Jordan Bardella macht Selfies mit Anhängern auf der Landwirtschaftsmesse
Jordan Bardella hat einen rasanten Aufstieg an die Spitze der französischen Politik hingelegtBild: Alain Robert/SIPA/picture alliance

Emmanuel Macron nähert sich dem Ende seiner zweiten Amtszeit; und da die Verfassung eine dritte aufeinanderfolgende Amtszeit verbietet, wird Frankreich schon 2027 einen neuen Präsidenten haben. Am 18. April sollen die Wahlen stattfinden.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Kandidat oder die Kandidatin des rechtsextremen Rassemblement National (RN) den Platz Macrons einnehmen wird, denn unabhängig davon, wer dann den Parteivorsitz einnimmt, liegen die Umfragewerte der Partei derzeit zwischen 31 und 36 Prozent. Für die Wahl ist eine absolute Mehrheit erforderlich. Gelingt es keinem der Kandidaten, diese in der ersten Wahlrunde zu erringen, findet ein zweiter Wahlgang statt. Dieser soll am 2. Mai geschehen.

Wer für den RN antreten wird, ist noch unklar. Der derzeitige Parteivorsitzende, der 30-jährige Jordan Bardella, bekleidet seinen Posten nur, weil Marine Le Pen bis 2030 keine öffentlichen Ämter bekleiden darf. Grund dafür ist eine Verurteilung aus dem vergangenen Jahr - wegen Veruntreuung von EU-Geldern. Le Pen wurde außerdem zur Zahlung einer Geldstrafe und zu vier Jahren Haft verurteilt, von denen zwei mit elektronischer Fußfessel vollstreckt werden und zwei zur Bewährung ausgesetzt wurden. Ihre Strafe muss sie erst verbüßen, wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind. Bis dahin behält sie ihren Sitz in der französischen Nationalversammlung. Derzeit läuft ein Berufungsverfahren. Das Urteil hierfür wird für den 7. Juli erwartet.

Bardella populärer als Le Pen

Le Pens Rückzug von der politischen Bühne sei für den RN nicht zwingend ein Rückschlag, sagt Blanche Leridon, Leiterin des Fachbereichs Frankreich-Studien am Institut Montaigne, zur DW.

"Die Popularität von Jordan Bardella übersteigt mittlerweile die von Marine Le Pen. Dafür sind verschiedene Faktoren verantwortlich: seine Jugend, die ihm Abstand zu den kontroverseren Aspekten der Geschichte der Partei unter Jean-Marie Le Pen verschafft; sein Name - er ist eben kein Le Pen; sein Gespür für die sozialen Medien und seine gepflegte, gewandte Persönlichkeit, die es den Wählern ermöglicht, ihre politischen Erwartungen auf ihn zu projizieren", erläutert sie.

Schon früh galt Bardella als Le Pens Protégé; mit nur 21 Jahren wurde er zum Parteisprecher ernannt. Seitdem helfen Bardellas smartes Äußeres und seine Popularität auf TikTok, wo ihm 2,3 Millionen Menschen folgen, der Partei, attraktiver für jüngere Wähler und Wählerinnen zu werden. Er gab dem RN zudem die Möglichkeit, sich von einer Geschichte des offenen Rassismus und Antisemitismus, wie ihn Jean-Marie Le Pen äußerte, zu befreien. Der verstorbene Vater von Marine Le Pen war schließlich wegen Verharmlosung des Holocausts aus der Partei ausgeschlossen worden.

Die Karrieren von Marine Le Pen und Jordan Bardella sind eng miteinander verflochtenBild: Thomas Padilla/AP/picture alliance/dpa

Selbst wenn seine Tochter Marine ihr Berufungsverfahren gewinnen und wieder als Präsidentin kandidieren sollte, werde Bardella nicht einfach verschwinden, meint Leridon. "Er wird den Eckpfeiler ihrer Kampagne bilden, als ihr designierter künftiger Ministerpräsident. Beide würden als Team kandidieren, so ähnlich wie in den Vereinigten Staaten; eine Dynamik, die es in Frankreich noch nicht gab. Damit könnten sie zu einer deutlich stärkeren Kraft werden", ist Leridon überzeugt.

Teildistanzierung von Le Pen

Voraussichtlich werden Wirtschaft, Rentenreform und Einwanderung zentrale Wahlkampfthemen werden. Vor allem in der Einwanderungsfrage zeigt Bardella sich unnachgiebig - er erklärte im Juni, er werde das Geburtsrecht auf die Staatsbürgerschaft abschaffen - was Donald Trump kürzlich in den USA nicht gelungen ist.

"Der automatische Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit ist in einer Welt mit acht Milliarden Menschen nicht mehr gerechtfertigt, zumal sich auf unserem Boden täglich die Anzeichen dafür mehren, dass wir nicht in der Lage sind, die Menschen zu integrieren und zu assilmilieren", sagte er und fügte hinzu, dass Kinder ausländischer Eltern erst mit 18 Jahren die ausländische Staatsangehörigkeit beantragen können sollten.

Bardella will außerdem "die Freizügigkeit im Schengen-Raum ausschließlich für europäische Staatsangehörige bewahren", was die Schaffung doppelter Grenzkontrollen in Frankreich und der EU bedeuten würde. Beide politische Vorhaben würden auf erhebliche rechtliche Hürden stoßen.

Frankreich: Junge Leute machen Wahlkampf für den RN

03:53

This browser does not support the video element.

Anders als Le Pen hat Bardella die Partei seit seiner Amtsübernahme in Richtung einer liberaleren Wirtschaftspolitik gelenkt und sich mit prominenten Vertretern der Wirtschaft getroffen.

"Marine Le Pens Karriere basierte auf dem Gegensatz zwischen den Eliten und dem Volk. Sie vertrat das Volk, während Emmanuel Macron - oder wer auch immer der Kandidat der Mitte ist - die Eliten vertrat", sagt Thibault Muzergues, politischer Direktor bei Shared Ground und Autor von "La droite woke" ("Die 'woke' Rechte"). "Bardella hat erkannt, dass sich die Debatte von diesem Thema hin zu einer traditionelleren Links-Rechts-Debatte verschoben hat."

So ist Bardella angeblich dazu bereit, sich von Le Pens Versprechen zur Erhaltung des französischen Rentensystems zu distanzieren - ein Schritt, der bei der Mittelschicht wahrscheinlich besser ankommen würde als bei der Arbeiterklasse. Dennoch habe seine Hintergrundgeschichte in Frankreich eine starke und nahezu universelle Anziehungskraft, so Muzergues.

Ein sozialer Aufsteiger, der MAGA ablehnt

"Er stammt aus einer Mittelschichtfamilie, aber er kommt aus einer armen Gegend. Er wurde nicht in einem Schloss geboren [wie Le Pen]. Und wenn man sich sein Leben ansieht, ist es das Leben eines sozialen Aufsteigers. Ein perfektes Beispiel dafür ist seine Beziehung zu einer französisch-italienischen Prinzessin [Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien]", sagte Muzergues.

"Während Le Pen tatsächlich kein Problem damit hat, die Superreichen und die Großkonzerne zu kritisieren und gegen sie vorzugehen, sucht Bardella zwar nicht gerade deren Zustimmung. Aber er hat ein offenes Ohr für sie, weil er selbst danach strebt, nach oben zu gelangen."

Dabei strebten aber weder Bardella noch Le Pen eine Unterstützung durch die MAGA-Bewegung in den USA an, sagt Klaus Welle, von 2009 bis 2022 Generalsekretär des Europäischen Parlaments. "Ich denke, dass sie sehr darauf achten werden, dies zu vermeiden. Sowohl das Engagement von Elon Musk zugunsten der AfD [im Jahr 2025] als auch der Besuch von JD Vance während der ungarischen Wahlen in diesem Jahr sind spektakulär nach hinten losgegangen. Ich glaube vielmehr, dass sie versuchen werden, etwas Abstand zu gewinnen und sich als eigenständige politische Kraft darzustellen", sagt Welle.

JD Vances Besuch in Budapest, um Viktor Orbán zu unterstützen, fand nur wenige Tage vor Orbáns Niederlage bei den Wahlen im April stattBild: Beata Zawrzel/ZUMA/picture alliance

Welle fügt jedoch hinzu, dass es Bardella möglicherweise leichter fallen könnte, Bündnisse mit gleichgesinnten Kräften in Europa zu schmieden als Marine Le Pen. "Ich habe Le Pen im Europäischen Parlament aus nächster Nähe erlebt. Sie ist nicht besonders kooperativ und eher der aggressive Typ, während Bardella offener ist", so Welle.

Sollte Le Pen tatsächlich nicht kandidieren können, geht Welle davon aus, dass ihr Einfluss auf das "Familienunternehmen RN" zwar abnehmen, aber nicht ganz verschwinden wird. Auch wenn seine Popularität steigt, habe Bardella noch viel Arbeit vor sich, so Welle.

"Bardella hat erhebliche Schwächen, insbesondere einen Mangel an Erfahrung", sagt er. "Ich denke, wir haben ein sehr offenes Rennen, und möglicherweise besteht immer noch ein Vorteil für die gemäßigten politischen Kräfte. Daher würde ich wirklich davor warnen, es als ausgemachte Sache anzusehen, dass ein Vorsprung in den Meinungsumfragen automatisch in einen Sieg bei der Präsidentschaftswahl umgemünzt werden kann."

Aus dem Englischen adaptiert von Phoenix Hanzo und Thomas Latschan

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen