Nach Anschlag: Wie Juden in Deutschland nun Chanukka feiern
16. Dezember 2025
Es ist eine Premiere. Zum ersten Mal überhaupt werden im Bundestag Chanukka-Kerzen festlich entzündet. Seit vielen Wochen ist die Feier geplant. Und nun wird sie überschattet vom antisemitischen Terror in Sydney, dem mindestens 15 Menschen zum Opfer fielen.
Ernst ist es. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow bittet zu Beginn um eine kurze Schweigeminute, angesichts des Mordes, "der an uns allen geschehen ist". Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland, übernimmt das Wort.
"Der Staat steht in der Verantwortung"
Er sagt, die Bilder der fliehenden Menschen auf sandigem Grund erinnerten "auf schreckliche Weise" an die Videos aus Israel vom 7. Oktober 2023, als hunderte junge Leute versuchten, auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals Mördern zu entkommen. Heute stehe "der Staat in der Verantwortung, alles zu tun, um jüdisches Leben zu schützen".
Und Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, sagt, Sydney sei ein "Attentat auf Juden" gewesen. Aber eben auch "auf die Art und Weise, wie wir in einer freien Welt leben wollen". Deswegen sei es "um so wichtiger, im Bundestag, im Herzen der Demokratie in Berlin, den Chanukka-Leuchter gemeinsam zu entzünden. Als Zeichen des Zusammenhalts."
Die Feier findet im Veranstaltungs-Foyer des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus statt; einem Bau wie ein kleines Theater. Und der Chanukka-Leuchter steht so vor einer Scheibe, dass man dahinter den Reichstag sieht. Chanukka ist ein achttägiges jüdisches Lichterfest. Es erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im 2. Jahrhundert v. Chr. und an das "Ölwunder": Ein Krug geweihten Öls, der nur für einen Tag vorgesehen war, soll acht Tage lang gereicht haben.
Gewiss hat der Terror von Sydney mehr Aufmerksamkeit auf diese historische Feier gelenkt, auch mehr Aufmerksamkeit der Medien. SPD und Grüne haben wichtige Sitzungen unterbrochen; auffallend viele ältere Linken-Politiker sind da. Vor der Tür wachen Bundestagspolizisten.
Die Initiative für die Feier ging vom 2020 gegründeten Bernhard-Kreis aus, einer fraktionsübergreifenden Interessengemeinschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus. Er arbeitete beharrlich auf die gemeinsame Feier hin. Und feierlich wird es, als nach den Reden jüdische Grundschulkinder und Studierende singen und die Kerzen entzündet sind.
Chanukka-Feier in Berlin-Neukölln kaum bewacht
Zwei Stunden später im Rathaus von Berlin-Neukölln. Bereits im vierten Jahr in Folge wird hier Chanukka gefeiert. Knapp sieben Kilometer sind es vom Bundestag bis zu dem wuchtigen, denkmalgeschützten Rathausgebäude.
Es sind knapp sieben Kilometer in eine andere Welt. Neukölln ist multikulti und sozialer Brennpunkt. Viele der Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg, bei denen es nicht selten zu judenfeindlichen Bekundungen kam, starteten hier.
Irgendwann vor der Feier kommen vier Polizisten ins Rathaus-Foyer. Ein älterer Mann mit Kopfbedeckung fragt, ob mehr Sicherheitskräfte vor Ort seien. "Die sind alle bei Herrn Selenskyj", erwidert schmunzelnd einer der Beamten. "Aber wenn wir welche brauchen, haben wir sie."
Feier mit ernsten Tönen
Zur Chanukka-Feier im Rathaus lädt die jüdische Studierenden-Organisation "Hillel". Schon gut eine halbe Stunde vorher sorgen junge Musiker von "Shtetl Berlin" für Feststimmung. Rund 200 Menschen drängen sich im Foyer des Rathauses. Es wirkt wie eine Party. Es ist eine Party. Aber als Bezirksbürgermeister Martin Hikel an den Terror von Sydney erinnert und um eine Schweigeminute bittet für jene, die dort "bestialisch ermordet" wurden, herrscht wirklich fast 60 Sekunden Stille.
"Wenn wir den Kampf gegen den Antisemitismus nicht gewinnen, dann gewinnen wir nicht die Demokratie", sagt der Bürgermeister. Er spüre und sehe, dass in weiten Kreisen "Antisemitismus nicht so konsequent bekämpft wird wie andere Formen der Menschenfeindlichkeit. Das sollte uns nachdenklich machen." Man müsse dem Alltags-Antisemitismus entgegentreten.
Hikel ist froh, dass es die Neuköllner Feier schon seit Jahren gibt. Und er ist stolz, dass Rabbiner Jeremy Borovitz seit Samstag Ehrenbürger von Berlin-Neukölln ist.
Nina Peretz, Vorsitzende des Vereins "Freunde der Synagoge Fraenkelufer", ruft zu mutiger Präsenz auf. "Um Hoffnung zu zeigen, brauchen wir mutige Menschen", sagt sie.
Dann spricht Rabbiner Borovitz. Unter kräftigem Applaus begrüßt er viele Gäste: den Imam von der nahen Moschee, den irakischen Freund und Schulleiter, der selbst von Islamisten bedroht wird, christliche Vertreter, die Studierenden.
"Als Juden und Christen und Muslime feiern wir zusammen", sagt Borovitz. Und dann wird auch der Rabbiner ganz ernst. "Sydney, das war für uns Juden keine Überraschung", sagt er. Er nehme nach jedem Shabbat angstvoll sein Smartphone zur Hand und rechne mit solchen Nachrichten.
Dann geht es zum Entzünden der Kerzen. Hikel, Peretz und Borovitz stehen oben auf dem Rathausbalkon und illuminieren die elektrischen Kerzen auf dem Leuchter. Unten stehen Hunderte neben dem Weihnachtsbaum, jubeln, als drei Kerzen des neunarmigen Leuchters strahlen. Und der ein oder andere stimmt ein, als der Rabbiner oben mit kräftiger Stimme den bekannten Chanukka-Gesang "Maoz Tzur" anstimmt.
Unter denen, die das Fest mit vorbereitet haben und mitfeiern, ist Rebecca. Die junge Jüdin berichtet im Gespräch mit der DW, sie habe im Laufe des Tages in der jüdischen Community "sehr viele Telefonate geführt und hin und her geschrieben". Es gebe eben Leute, die sich nicht mehr trauten, zu einer solchen öffentlichen Veranstaltung im Rathaus zu gehen, sagt sie.
Einige hätten große Angst, machten sich Sorgen: "Weil man das Gefühl hat, überall auf der Welt könnte es passieren. Auch zu Hause ist man nicht mehr zu Hause. Und dann gibt es einfach keinen sicheren Ort mehr." Sie persönlich, so Rebecca, mache so etwas wie die Nachricht aus Sydney "eher taub", vielleicht wegen "des starken Antisemitismus", den man in Berlin erlebe.
Anfeindungen gegen Juden sind Alltag in Berlin
Einer derer, die sowohl bei den Feierlichkeiten im Bundestag als auch im Neuköllner Rathaus teilnehmen, ist Ron Dekel. Seit einigen Monaten ist er Vorsitzender der "Jüdischen Studierendenunion Deutschland" (JSUD). Was er derzeit empfinde? Der Terror in Sydney sei "absolut beängstigend", sagt er der DW. Die Tat sei eine "direkte Konsequenz von dem, was wir hier auf dem Campus und auch überall auf der Straße tagtäglich hören", sagt Dekel. Wenn "Yalla Intifada" gefordert und zum Mord an Juden aufgerufen werde, "sehen wir, dass das tatsächlich Folgen hat".
Auch wenn die Nachrichten aus Sydney "uns leider als jüdische Community nicht verwundern", machten sie "uns immer wieder aufs Neue beängstigt und schockiert", betont Dekel.
Da werde deutlich, dass alle Sicherheitsvorkehrungen, "die wir treffen, absolut berechtigt sind". Wenn sich JSUD-Mitglieder träfen, erfolge das stets an einem Ort, der öffentlich nicht kommuniziert werde und zudem mit "Sicherheit vor Ort". "Der Anschlag in Sydney hat gezeigt, dass das kein Hirngespinst ist, sondern absolut notwendig." Der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland sei das kaum bewusst.
Ron Dekel wundert sich ein wenig, wie der ein oder andere an diesem Abend, über die kaum sichtbare Polizeipräsenz. Als er es sagt, hört man von drinnen noch die Shtetl-Klänge. Im Foyer tanzen noch Rebecca und viele andere. Und oben auf dem Rathausbalkon leuchten die Chanukka-Kerzen in der Dunkelheit.
Schon Sonntagabend hat Igor Levit, der bekannte Pianist, der vielleicht prominenteste Jude im deutschen Kulturbetrieb, einige Sätze auf dem Social-Media-Kanal "X", dem früheren Twitter, verbreitet.
Er schreibt: "Morgen gehen 'wir' wieder auf Los. Morgen werden 'wir' wieder zusammenstehen. Morgen müssen 'wir' wieder 'mehr tun'. Morgen werden wir wieder Reden hören, in denen das Wort 'wir' siebenundneunzig Mal vorkommen wird. Morgen geht es wieder um 'uns als Gesellschaft'. Murmeltier."
Die Juden in Berlin werden auch weiter ihr Chanukka-Fest feiern.