1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikMarokko

Juden in Marokko: bedingt optimistisch

24. Dezember 2025

Das Judentum in Marokko blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die meisten Juden sind nach 1948 ausgewandert. Wie geht es den wenigen Tausend heute im Land lebenden Juden in Zeiten von Hamas-Terror und Gaza-Krieg?

Gläubige beim Gebet auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Meknes, 2022
Gläubige beim Gebet auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Meknes, 2022 Bild: Fadel Senna/AFP

Das einzige bekannte jüdische Museum in der arabischen Welt liegt unscheinbar in einem Wohnviertel der marokkanischen Wirtschaftsmetropole Casablanca, bewacht von einem einsamen Soldaten. Das Museum präsentiert Schwarz-Weiß-Fotos jüdischen Lebens in Marokko aus den 1920er und 1930er Jahren. Die Bilder zeigen Handwerker bei der Arbeit, Feste, Familienleben. In den Vitrinen liegen Thora-Rollen und Kleidung, ein paar alte Manuskripte. Es sind Relikte aus einer Zeit, als Marokko noch eine große jüdische Community hatte.

Rund 300.000 Jüdinnen und Juden lebten 1948 bei der Gründung des Staates Israel in dem arabischen Land mit seinen damals sieben Millionen Einwohnern. Danach sind die meisten emigriert, motiviert auch durch anti-jüdische Pogrome in den Städten Oujda und Jerada im gleichen Jahr, bei denen über 40 Juden starben. Etwa eine Million Israelis mit marokkanischen Wurzeln lebt heute im jüdischen Staat. Zurück in Marokko blieben noch etwa 3000 bis 5000 Juden; die meisten von ihnen leben in Casablanca. Obwohl Juden eine zahlenmäßig verschwindend geringe Minderheit darstellen, gehören bis heute teils auch Synagogen und koschere Restaurants zum Stadtbild von Casablanca.

Hinweisschild an der Synagoge Haim Pinto in der marokkanischen Küstenstadt EssaouiraBild: Claudia Mende

"Besondere Verbindung zwischen Marokko und Israel"

"Juden sind ein essentieller Teil der Gesellschaft. Sie haben somit eine besondere Verbindung zwischen Marokko und Israel geschaffen", sagte der marokkanische Historiker Jamal Amiar gegenüber der Zeitschrift TelQuel. Lange hat sich das Land schwer getan, diese besondere Prägung auch offiziell anzuerkennen. Erst die Verfassung von 2011 hält die jüdische Kultur als bereichernden Teil der Identität Marokkos fest, so wie auch die Traditionen und die Sprache der Amazigh, die früher oft Berber genannt wurden.

"Für uns ist es normal, dass Juden, Christen und Muslime zusammenleben", sagt Brahim Dargha, ein Mitvierziger, der als Fahrer arbeitet, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Dargha ist Muslim aus dem Rif-Gebirge, einer marginalisierten Region im Norden Marokkos. In Casablanca wohne er bei einem israelischen Freund, erzählt der Mann - und betont stolz seine eigene Herkunft als Amazigh. "Wir, die Juden und die Amazigh, sind die ursprünglichen Marokkaner, die Araber sind ja erst später dazugekommen", sagt er.

Die ersten Juden kamen bereits in der Antike nach der Zerstörung des jüdischen Tempels nach Marokko und vermischten sich mit den einheimischen Amazigh. Nach der Reconquista, der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch christliche Königreiche von den Mauren Ende des 15. Jahrhunderts, suchten viele Juden aus Spanien in Marokko Sicherheit vor Verfolgung. König Mohammed V. (damals Sultan) schützte die Juden in Marokko während des Zweiten Weltkriegs vor den antijüdischen Gesetzen des Vichy-Regimes, indem er sie als seine eigenen Untertanen betrachtete und sich diplomatisch gegen die Auslieferung wehrte.

Die Beziehungen verliefen allerdings nicht immer konfliktfrei. Es gab auch Übergriffe auf Juden bis hin zu den Pogromen in den vierziger Jahren oder die von fanatischen Selbstmordattentätern verübten Terroranschläge auf westliche und jüdische Einrichtungen in Casablanca 2003 - aber es hatte sich so etwas wie eine gelebte Koexistenz herausgebildet.

Markt-Szene aus dem Jahr 1946 in Mellah, dem jüdischen Viertel von MarrakeschBild: AFP

Touristen aus Israel bleiben aus

Doch seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Angriffsder militant-islamistischen, in vielen westlichen und weiteren Ländern als Terrororganisation eingestuften Hamas, ist die jüdische Community in Marokko verunsichert. Die israelischen Touristen bleiben aus. Die Direktflüge zwischen beiden Ländern, die es seit der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen und der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen 2022 gab, wurden wieder gestrichen. Seit den Normalisierungsabkommen war Marokko bei Israelis beliebt. Rund 200.000 israelische Touristen besuchten das Königreich in einem Jahr.

Heute ist die jüdische Gemeinschaft hin- und hergerissen zwischen ihrer marokkanischen Heimat und ihrer jüdischen Identität. Dokumentierte Übergriffe auf jüdische Bürger hat es bisher keine gegeben, wohl aber schmierte jemand "Tod den Juden" an die Hauswand eines koscheren Restaurants in Casablanca. Manche Juden haben Angst, andere betonen, Juden lebten in Marokko sicherer als in Europa.

Viele ziehen es vor zu schweigen. "Ich sage nichts", versichert die Verkäuferin im koscheren Feinkostladen "Leviathan" in Casablanca, in dem es koschere Weine, Snacks und Fischprodukte zu kaufen gibt. Es gibt aber auch jüdische Stimmen, die sich dezidiert pro-palästinensisch äußern.

Blick in das Jüdische Museum in Casablanca, 2025Bild: Claudia Mende

Angst, Schweigen und Aktivismus

Der 77-jährige Sion Asidon war ein bekannter linker Aktivist in Marokko, er war Gründer der Organisation Transparency Maroc und setzte sich seit Jahrzehnten für Bürgerrechte ein. Er hat Proteste im Hafen von Tanger gegen die Lieferung von Flugzeugteilen an die israelische Armee organisiert. Im August erlitt Asidon unter ungeklärten Umständen eine Kopfverletzung. Er lag mehrere Monate im Koma und verstarb Anfang November an den Folgen. Bei seiner Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof von Casablanca war ein Meer von palästinensischen Flaggen neben einem Sarg mit hebräischen Schriftzügen zu sehen. So etwas "gibt es nur in Marokko", schrieb Ahmed Benchemsi von Human Rights Watch auf Twitter.

In weiten Teilen der Bevölkerung stieß die Normalisierung mit Israel schon vor dem 7. Oktober und dem folgenden Gaza-Krieg auf Skepsis; viele Marokkaner lehnen sie rundheraus ab. Bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg und ebenso bei den landesweiten Jugendprotesten der sogenannten "Generation Z 212" Ende September waren auch Stimmen zu hören, die ein Ende der "Tabi'a", der Normalisierung mit Israel, forderten. 

Händler im Jahr 1907 vor dem jüdischen Viertel der Stadt FèsBild: Scherl/SZ Photo/picture alliance

Westsahara als politischer Gewinn

König Mohammed VI. jedoch hält an den Abraham-Abkommen fest, in deren Rahmen eine wirtschaftliche und teils auch militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern vereinbart wurde. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Marokkos Regierung für die Zusammenarbeit mit Israel eine wichtige politische Gegenleistung erhalten hat: Die Regierung unter Donald Trump in den USA hat im Gegenzug die marokkanischen Ansprüche auf die Westsahara anerkannt, ein Schritt, dem inzwischen viele andere Länder gefolgt sind.

"Mir machen die Demonstrationen gegen Israel keine Angst", sagt Kobi Yfrah, Gründer der Initiative Kulna, die sich für die Bewahrung des jüdischen Erbes in Marokko einsetzt gegenüber der DW. Yfrah ist im israelischen Dimona geboren und zog vor einigen Jahren nach Marrakesch, wo er heute lebt.  "Die Marokkaner betrachten uns nicht als 100 Prozent israelisch", sagt der gebürtige Israeli. "Sie sehen uns als marokkanische Juden."

Trotzdem bewegen sich Marokkos Juden in einem schwierigen politischen Umfeld. "Die große Mehrheit der Marokkaner ist heute nicht damit einverstanden, dass Rabat die gleichen Beziehungen zu Israel hat wie vor dem 7. Oktober", sagt Historiker Jamal Amiar. "Das ist keine Kluft, sondern ein veritabler Graben". 

"Es gibt in Marokko eine echte Koexistenz zwischen Muslimen und Juden", versichert Jacky Kadoch, Sprecher der jüdischen Gemeinschaft Marokkos, gegenüber der Zeitschrift Africanews. "Sie wird auch diese Krise überstehen."