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Politik

Polen: Kampf um die jüdische Erinnerung

Rina Soloveitchik
23. April 2018

Das jüdische Leben kehrt langsam nach Polen zurück. Es ist ein mühsamer Prozess, der durch die Gedenkpolitik der Regierung nicht leichter wird. Rina Soloveitchik hat eine jüdische Gemeinde in Warschau besucht.

Jüdisches Leben in Polen
Sabbat-Essen in der Gemeinde "Beit Warszawa"Bild: DW/R. Soloveitchik

Das kleine Stück Mauer wirkt verloren - mitten im Stadtteil, den AirBnB-Vermieter als "Warschauer Altstadt" bewerben. Tritt man näher, erkennt man darauf die Aufschrift "Ghetto Wall 1943".    

Hinter dieser Mauer wurden 1940 auf nur 400 Hektar etwa 500.000 Juden von den Nazis eingesperrt. Nach drei Jahren, am 19. April 1943, als die letzte Deportationswelle stattfinden sollte, kämpften Hunderte von Überlebenden im Ghetto gegen die Deutschen. Sie wussten, dass sie nicht siegen konnten: Sie waren zu schlecht bewaffnet, zu wenige, zu müde. Doch der Aufstand war ein Ausdruck der Freiheit.

Heute leuchtet direkt neben dem Mauerstück eine rote Coca-Cola-Werbung. Im Hintergrund sind graue Plattenbauten und eine Kirche zu sehen. Einige Denkmäler erinnern an die dramatischen Ereignisse vor 75 Jahren.

Das Warschauer Ghetto 1943 in TrümmernBild: picture-alliance/AP Photo

"Auch ich weiß nicht, wo das Ghetto verlief, irgendwo da", sagt ein Warschauer und zeigt Richtung Süden. Die genauen Grenzen des Ghettos kann man kaum mehr rekonstruieren. Die deutschen Besatzer machten es dem Erdboden gleich, später veränderte der Brutalismus der kommunistischen Architektur das gesamte Stadtbild.

Das Mädchen mit dem Ohrring

Eine kleine Gruppe Warschauer versucht auf ihre Art, die Erinnerung aufrechtzuerhalten und das Kulturerbe der polnischen Juden wieder zu beleben. An einem Freitagabend im April singt eine junge Frau mit Kippa chassidische Lieder. Sie leitet den Gottesdienst der 1999 gegründeten Gemeinde "Beit Warszawa", an dem viele junge Menschen teilnehmen - in einem Wohnblock am Stadtrand von Warschau. "Vor dem Krieg gab es lauter progressive Gemeinden in Polen, heute sind wir fast die einzige", sagt ein älterer Herr traurig.

Man könnte in New York oder London sein, wo sich ein emanzipiertes Judentum genau solche mutigen Gottesdienste zutraut. Die meisten der Anwesenden sind jedoch weder jüdisch aufgewachsen, noch wissen sie allzu viel über ihre jüdische Vergangenheit.

"Wir lernen hier alle: Nach dem Prinzip learning by doing", sagt Anna, eine Vorsitzende der Gemeinde. Bevor sie 12 wurde, wusste sie nichts über den jüdischen Hintergrund ihrer Großmutter. Dann fand sie in deren Keller einen Ohrring mit einer neunarmigen Menohra, deren Kerzen zum jüdischen Channukafest angezündet werden. Als die Großmutter das merkte, wurde sie wütend und warf den Ohrring aus dem Fenster, erzählt Anna. Sie hob ihn aber auf - und hat ihn noch heute. 

Als sie vorsichtig fragte, was früher geschehen war, bekam sie nur bruchstückhafte Antworten. Dann starb die Großmutter - und Anna blieb, wie so viele junge Polen, mit einem Rätsel zurück.

Ein Stück der Mauer, die früher das Warschauer Ghetto vom Rest der Stadt trennte Bild: DW/R. Soloveitchik

Auf der Suche nach der Identität

Vor drei Jahren trat Anna zum Judentum über. Viele Menschen in der Gemeinde "Beit Warszawa" und in ganz Polen wüssten nicht genau, ob sie jüdisch sind, meint sie. "Sie fühlen etwas, können oft aber nicht Genaueres herausfinden. Deshalb ist das Judentum dann eine Frage der Entscheidung und der darauf folgenden Praxis", sagt Anna.

Viele Besucher von "Beit Warszawa" möchten mehr über eine in Polen verloren gegangene Kultur erfahren. Ein Mann erklärt, er käme oft aus Interesse. Er trägt eine Kippa und hebt bei der Segnung des Weins fleißig das Glas. Jüdische Wurzeln habe er nicht, er wollte auch nicht zum Judentum übertreten. 

"Beit Warszawa" ist gewissermaßen ein Kind der Neunziger in Polen. Damals begannen Tausende, ihre Wurzeln zu erforschen und zum Judentum überzutreten. Viele Liberale ohne jüdischen Hintergrund solidarisierten sich mit der Idee, eine Kultur wiederherzustellen, die in Polen eine tausendjährige Geschichte hat. Vor 100 Jahren lebten in Polen drei Millionen Juden - mehr als in jedem anderen Land in Europa.

Nach dem Ende des Kommunismus (1989) wuchs das Interesse an ihrem Kulturerbe - vor allem unter liberalen jungen Polen. Die orthodoxe jüdische Gemeinde sprach nur wenige an, also gründete eine Gruppe Freunde diese progressive Gemeinde. Über die Jahre entstanden auch eine jüdische Vorschule, Grundschule und Mittelschule, sowie ein Sportverein. Auch zahlreiche internationale jüdische Organisationen sind in Polen aktiv. Eine kleine und doch sehr vielfältige Gemeinde etablierte sich. Sie zählt heute 7000 Mitglieder. Schätzungsweise gibt es in Polen zwischen 20.000 und 50.000 Menschen mit jüdischem Hintergrund, genaue Zahlen sind nicht bekannt. 

Im Schatten der neuen Gedenkpolitik

Von Seiten der polnischen Regierung wurde das neue Interesse am Judentum in den Neunzigern nur bedingt begleitet. Die ersten unbequemen Debatten über den Antisemitismus in Polen wurden von polnischen Intellektuellen angestoßen, doch das Verständnis der Bevölkerung war gering. Es sollte erst der Anfang sein.

Präsident Duda auf einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Jahrestages zum Aufstand im Warschauer GhettoBild: picture-alliance/dpa/C. Sokolowski

Mit dem Wahlsieg der Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) änderte sich 2015 die Stimmung. Die Nationalkonservativen stellten Geschichtspolitik - auch beim Thema Holocaust - plötzlich in den Vordergrund. Allerdings auf eine Art, die viele als gefährlich empfinden. Ein vor kurzem verabschiedetes Gesetz sieht Haftstrafen vor für jeden, der Polen als Staat oder Nation für den Holocaust verantwortlich macht. 

Die jüdische Community in Polen ist besorgt: "Es geht plötzlich nicht mehr um polnische Bürger, sondern um Juden und die guten Polen, die sie gerettet haben", kritisiert ein Mitglieder der progressiven jüdischen Gemeinde in Warschau. Inzwischen plant die Regierung ein neues Museum, das "an die Liebe zwischen den beiden Völker erinnern" soll, sagte kürzlich ein Regierungssprecher. Bisher trägt die von der Regierung vorangetriebene Debatte eher zur schlechten Stimmung unter den Mitgliedern und Freunden der jüdischen Gemeinden bei, meint ein Mann gegen Ende des Sabbat-Essens bei "Beit Warszawa". Seine Töchter leben hier. Er sei noch "auf Schlimmeres gefasst", aber Polen sei eben sein Zuhause, das er auf keinen Fall verlassen wolle.

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