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Gesellschaft

Jung, arm und einsam

Marla Mies
17. März 2018

Immer häufiger sind junge Alleinstehende und Alleinerziehende in Deutschland von Armut bedroht. Am gesellschaftlichen Leben nehmen sie oft nicht mehr teil. Für viele ein Teufelskreis.

Mutter mit Kinderwagen
Bild: picture-alliance/dpa/B. Marks

"Wie soll man mit vier Kindern arbeiten?", fragt die 36-jährige Daria Schumann (Name geändert) verzweifelt. Ihr jüngstes Kind liegt schreiend im Kinderwagen, ein anderes tanzt um die Mutter herum. Die junge Frau ist sichtlich überfordert. Mit ihrem Mann könne sie trotzdem nicht mehr zusammenleben. "Das gab immer nur Stress, das hat keine Zukunft." Um einen Neuanfang zu wagen, hat Frau Schumann gemeinsam mit ihren Kindern ihren Mann und den letzten gemeinsamen Wohnort Saarbrücken verlassen. Seit knapp einem Jahr wohnt sie nun in Bonn. Doch eine Wohnung steht für die Sozialhilfeempfängerin bisher nicht in Aussicht. Deshalb hat sie sich als letzten Ausweg an das Frauenhaus Bonn gewandt, in dem sie mit ihren Kindern unterkommen konnte.

Immer mehr Menschen in Deutschland leben alleine in ihren Haushalten - ob aus freien Stücken oder nicht. 2016 waren es mehr als vier von zehn Hausständen. Und auch die Gruppe der Alleinerziehenden wird immer größer. Während es im Laufe der letzten 20 Jahre einen Rückgang der Gesamtzahl an Familien in Deutschland um fast 1,4 Millionen auf noch insgesamt gut 8 Millionen Familien insgesamt gab, stieg die Zahl der Alleinerziehenden nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung um knapp 300.000 an und hat nun schon die 1,6-Millionen-Marke überschritten.

Alleinstehende und Alleinerziehende besonders betroffen

Nach den neuesten Zahlen des Statistikamts Eurostat sind gerade Alleinstehende sehr viel häufiger von Armut bedroht als Paare oder andere Gemeinschaftshaushalte. Von Armut bedroht sind nach der Statistik diejenigen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen. In Deutschland sind das gemäß Eurostat 1063,75 Euro pro Monat. Während 2006 nur etwas mehr als jeder fünfte Alleinstehende unter diese Grenze fiel, war es 2016 schon jeder Dritte. Eine weitere alarmierende Tendenz zeichnet sich bei den Alleinerziehenden ab. Im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung kommen sie unter Überschuldeten zweieinhalb Mal so häufig vor.

Für Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher, ist es ein "komisches Phänomen", dass beim Thema Armut kaum über die jüngere Generation unserer Gesellschaft gesprochen werde, obwohl dies die Hauptbetroffenengruppe sei.

Junge Frau bettelt gemeinsam mit ihrem KindBild: picture-alliance/dpa/P. Zinken

Armut führt zu Einsamkeit

Butterwegge zufolge könne man als unter Armut leidender Mensch nur schwer an einer Konsumgesellschaft wie der unseren teilhaben: "Mal ins Kino oder Theater zu gehen, sich mit Freunden zu treffen, sich in den Biergarten zu setzen, das ist für Arme nicht möglich." Dadurch wird man auf Dauer sozial isoliert. Die Menschen fühlen sich einsam. Betroffen seien unter den Jüngeren in Geldnöten vor allem Auszubildende, Studierende und Geringverdiener. Als jüngerer Mensch habe man im Vergleich zu den Älteren aber zumindest noch die Chance, sich weiter zu qualifizieren und so doch noch auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Dass Alleinstehende so oft von Armut bedroht sind, liegt auch an ihrer wirtschaftlich ungünstigen Wohnsituation. "Man braucht eben nur einen Kühlschrank, auch wenn man zu viert wohnt. Derjenige, der alleine lebt, braucht den Kühlschrank auch und hat die Stromkosten alleine zu tragen."

Junge Alleinerziehende können sich soziale Kontakte kaum leisten

Hingegen gehen die Probleme von Alleinerziehenden noch weit darüber hinaus. Ihnen steht eben nur ein Einkommen für mindestens zwei im Haushalt lebende Personen zur Verfügung und in prekären finanziellen Notsituationen kann nicht der eine Partner für den anderen einspringen und ihm aushelfen. Petra Winkelmann vom Sozialdienst katholischer Frauen e. V. (SkF) zeigt vor allem für die jungen Alleinerziehenden das Problem auf, dass sie sich überhaupt nicht absichern könnten, da sie aufgrund ihres jungen Alters oftmals keine abgeschlossene Ausbildung hätten. Zu diesen finanziellen Nöten käme dann noch hinzu, dass auch "Kontakte meist mit Geldausgeben verbunden sind". Man kann sich also die Kontakte nicht mehr leisten. Es fange an "mit der Fahrkarte, die man braucht, um von A nach B zu kommen" und gehe weiter über finanziell nicht stemmbare Kinderbetreuung, von einem Kindergeburtstag nur ganz zu schweigen: "Dafür ist die Wohnung viel zu klein."

Daria Schumann hatte bisher nicht einmal Glück auf dem Wohnungsmarkt: "Eine Wohnung als Sozialhilfeempfängerin zu finden, ist nicht leicht. Besonders mit vier Kindern. Ich habe nur Absagen bekommen."

Auch Einsamkeit führt zu Armut

Wer alleine lebt, fühlt sich zudem häufiger einsam als derjenige, der in einem Gemeinschaftshaushalt wohnt und regelmäßiger von Menschen umgeben ist. Laut zahlreicher Studien kann dieser einsame Mensch an schwerwiegenden psychischen und physischen Folgen leiden. Infolgedessen können eine Berufsunfähigkeit und so der Verlust der finanziellen Lebensgrundlage drohen. Daria Schumann fühlt sich zumindest außerhalb des Frauenhauses völlig sozial isoliert. Ihr größtes Problem dabei ist ihr ungenügendes Deutsch.

Petra Winkelmann vom SkF berichtet von einer jungen Mutter, die kaum mehr aus dem Haus kommt. "Seit das Kind auf der Welt ist, sitzt sie jeden Abend alleine zuhause." Das läge daran, dass sie kein funktionierendes soziales Umfeld mehr habe. Viele junge Menschen, wie auch diese junge Frau, ziehen von ihren Familien weg und in die Großstadt. Auf die Unterstützung ihrer Eltern können sie aufgrund der räumlichen Entfernung dann nicht mehr zählen. Oft sind finanzielle Notsituationen die Folge.

Armut und Einsamkeit sind Teil eines Teufelskreises. Wer einmal in die Spirale hineinrutscht, kommt nur schwer wieder heraus.

Ein kleines Mädchen alleine vor ihrem Wohnblock am StadtrandBild: picture-alliance/dpa

Auch Daria Schumann hat früher auf dem Land gelebt. Von der Stadt versprach sie sich mehr Chancen, doch leichter ist es für sie trotzdem nicht geworden. "Die Armut war schon immer und ist auch heute noch ein urbanes Phänomen", erklärt Butterwegge. Während die Armutsgefährdung auf dem Land in den letzten zehn Jahren nur um 0,9 Prozentpunkte anstieg, nahm sie in der Stadt um 6,6 Prozentpunkte zu. Unter jungen Menschen seien inzwischen vor allem die extremen Mietpreise ein Problem, denn "viele müssen 50 Prozent ihres Netto-Einkommens in die Wohnungsmiete stecken".

"Geteiltes Leid ist halbes Leid"

Um diese Herausforderungen anzugehen, müsse das Thema der Einsamkeit vor allem endlich entstigmatisiert werden, sagt Christine Wichert, Vorstandsvorsitzende von Wahlverwandtschaften e.V. Mit ihrem gemeinnützigen Verein führt sie einsame Menschen zusammen und versucht, den betroffenen Menschen neue Perspektiven im Sinne von neuen sozialen Kontakten aufzuzeigen.

Auch beim SkF können junge Alleinerziehende ein vielfältiges Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Weil eine normale Ausbildung mit der Betreuung der eigenen Kinder selten vereinbar ist, wird verstärkt auf die Vermittlung von Teilzeitausbildungsplätzen gesetzt. Zudem soll auch hier ein Fokus auf dem sozialen Kontakt liegen, denn "geteiltes Leid ist halbes Leid", wie Winkelmann vom SkF sagt.

"Die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus sind für mich wie eine Familie. Wir können dort kostenfrei wohnen. Aber was kommt danach?" Daria Schumann macht sich große Sorgen um die Zukunft ihrer kleinen Familie. Sie wolle so gerne eine Ausbildung machen und selbst für ihr finanzielles Auskommen sorgen. Einer ihrer Söhne musste sich nun in psychiatrische Behandlung begeben. Für den 7-Jährigen wurde die ganze Situation schlichtweg zu viel.

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