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Kämpferin und Tabubrecherin: Rita Süssmuth ist tot

1. Februar 2026

Sie wagte Tabubrüche, kämpfte für Frauenrechte und beteiligte sich am vergeblichen Versuch, Kanzler Kohl als CDU-Chef zu stürzen. Nun ist die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren gestorben.

Deutschland Bonn 1995 | Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth in der Debatte über Paragraph 218
Rita Süssmuth (1937-2026)Bild: Martin Gerten/dpa/picture alliance

Als Deutschland gegen die Corona-Pandemie kämpfte, meldete sich Rita Süssmuth mahnend zu Wort. Eine Stimme der Vernunft, der Erfahrung. In Interviews warnte die Politikerin der konservativen CDU davor, dass Frauen die Hauptlast in der Pandemie tragen würden. Sie liefen Gefahr, in alte Rollenmuster zurückgedrängt zu werden. Zugleich forderte sie die Politik auf, Corona-Regeln klarer zu kommunizieren. Es gehe darum, alle Menschen mitzunehmen.

Süssmuth war nicht nur zehn Jahre lang Bundestagspräsidentin, sondern in den 1980er Jahren auch Bundesministerin für Gesundheit. Damals versetzte ein anderes Virus die Welt in Schrecken: HIV. Zwar können Sars-CoV-2 und HIV unterschiedlicher kaum sein, aber die Fachleute debattierten damals ähnlich intensiv über den richtigen Weg im Kampf gegen AIDS wie später über die richtige Corona-Strategie. "Vergleichbar ist vor allem die Situation, in der wir stecken. Zu Anfang wussten wir sehr wenig über die Übertragungswege, die Sterblichkeitsrate oder wer am Ende betroffen sein würde. Die Diskussionen unter den Fachleuten waren ähnlich heftig wie heute. Und alle tasteten sich an die Wirklichkeit heran", erinnerte sich Süssmuth in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel.

Das politische Berlin verneigt sich

Mit Süssmuth ist nun eine Politikerin verstorben, die wesentliche Entwicklungen bundesdeutscher Geschichte mitgestaltete. Ihr Parteifreund, Bundeskanzler Friedrich Merz, würdigte sie als "große Politikerin". Sie sei ein "Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen" gewesen. Süssmuth habe sich "lebenslang für Deutschland engagiert", erklärte Merz. Das Land verdanke ihr viel.

Die amtierende Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) nannte sie eine "politische Ausnahmeerscheinung" und hob vor allem ihren Elan und ihre Beharrlichkeit hervor. Rita Süssmuth hatte sich auch parteiübergreifend großen Respekt erworben. 

Putschistin gegen Parteichef Kohl

Ihren ersten politischen Härtetest bestand sie im Spätsommer 1989. Am 11. September traf sich die CDU zu ihrem dreitägigen Parteitag in Bremen. Helmut Kohl war seit 16 Jahren Parteivorsitzender, seit sieben Jahren Bundeskanzler und fest entschlossen, 1990 erneut als Kanzlerkandidat anzutreten. Doch für Teile der Union war Kohl kein Mann der Zukunft. Es formierte sich Widerstand.

Eine Gruppe um Heiner Geißler, seit 1977 Generalsekretär, betrieb die Abwahl Kohls als CDU-Chef. Zu ihnen gehörte Rita Süssmuth. Dem Parteichef blieben die Putsch-Vorbereitungen aber nicht verborgen. Er servierte Geißler als Generalsekretär ab und wurde auf dem Parteitag mit 77 Prozent der Delegiertenstimmen wiedergewählt. Am Ende standen die Partei-Putschisten im Abseits.

Aufstand gegen Helmut Kohl: Rita Süssmuth 1989 auf dem CDU-Bundesparteitag in Bremen Bild: Fotoagentur Forum/dpa/picture alliance

Schon damals zeigte sich eine Qualität von Rita Süssmuth: ihre Zähigkeit. Obwohl Kohl sie spätestens nach dem Bremer Kräftemessen loswerden wollte, überstand sie den Konflikt im Gegensatz zu anderen Kohl-Gegnern unbeschadet und blieb bis zum Ende der Ära des Partei-Patriarchen im Jahr 1998 Bundestagspräsidentin.

Aus Freunden werden Gegner

Das Zerwürfnis aber blieb bestehen. Kohl sah es als Verrat an, dass sich ausgerechnet die Frau gegen ihn wandte, die er ursprünglich aus machtpolitischem Kalkül gefördert hatte, um die Partei moderat zukunftstauglich zu reformieren. Schon vorher hatte es ihn gestört, dass Süssmuth die Modernisierung als Frauenministerin aus seiner Sicht allzu forsch vorantrieb. Kohl befürchtete, die Partei könnte überfordert werden.

Das Zerwürfnis zwischen Süssmuth und Kohl ließ sich nicht mehr kittenBild: Martin Gerten/dpa/picture alliance

Süssmuth dagegen, die von Geißler in die Politik geholt worden war, fühlte sich vom Kanzler im Kampf gegen den konservativen Parteiflügel im Stich gelassen. Deshalb schloss sie sich den Putschisten um Geißler an. "Wir sahen - die deutsche Einheit war ja noch nicht in Sicht - keine Chance mehr für die CDU, die Wahl noch einmal zu gewinnen", beschrieb Süssmuth in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Motivation für den Putschversuch. "Wir sind mit diesem Projekt gescheitert. Bei Helmut Kohl ist Verbitterung eingetreten. Ich weiche Konflikten nicht aus. Aber es kam zu keinem klärenden Gespräch mehr. Ich hätte mir es anders gewünscht."

Hilfe für Süchtige und AIDS-Kranke

Nach ihrer fast zehnjährigen Amtszeit als Bundestagspräsidentin, der drittlängsten in der Geschichte der Bundesrepublik, war Süssmuth bis 2002 Mitglied des Bundestags. Geboren 1937 in Wuppertal hatte sie Romanistik und Geschichte in Münster, Tübingen und Paris studiert, dann Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. 1981 trat sie in die CDU ein. Schon vier Jahre später wurde sie zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit ernannt (ab 1986 zusätzlich für Frauen), obwohl sie in der Politik als weitgehend unbeschriebenes Blatt galt. Sie war die erste Frauenministerin auf Bundesebene.

Geld für lebenswichtige Forschung sammeln: Süssmuth beim Start einer Lotterie der Deutschen AIDS-StiftungBild: Michael Jung/dpa/picture alliance

Von Beginn an scheute die Frau mit der markanten Kurzhaarfrisur und der eckigen Brille keine Konfrontation mit den konservativen Kräften in der CDU/CSU-Union. Auf sie wirkte sie bald wie ein rotes Tuch. Dennoch konnte sie eine Menge für ihre Herzensthemen erreichen.  Beispielsweise bei der Behandlung von AIDS-Kranken, die nach Auffassung vieler Unionspolitiker mit "seuchenpolizeilichen Maßnahmen" behandelt werden sollten. Süssmuth setzte durch, Aufklärung und medizinischen Hilfen den Vorrang zu geben. 1987 rief die Katholikin die AIDS-Stiftung ins Leben. In der Drogenpolitik setzte sie sich für Milde bei Süchtigen und Härte gegen Dealer ein.

Strafe für Vergewaltigung in der Ehe

Süssmuth plädierte ebenfalls für eine moderate Abtreibungspolitik und bekleidete eine maßgebliche Rolle bei der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. In einer Talkshow im ARD-Fernsehen vom April 2017 beschrieb sie, in welcher Atmosphäre dies in Deutschland durchgesetzt werden musste - nach einem Kampf, der mehr als 25 Jahre angedauert hatte: "Erstens war die Familie so heilig, dass man behauptete, da gibt es das nicht. Zweitens behauptete man, im Schlafzimmer haben die Staatsanwälte nichts verloren. Das sind ja eigentlich alles plumpe Argumente gewesen, denn außerhalb der Ehe ist der Tatbestand strafbar gewesen, in der Ehe nicht. Was war das für ein Umgang mit Menschenwürde und Menschenrechten?"

"Ohne Frauen ist kein Staat zu machen" - Rita Süssmuth und Helmut Kohl beim Treffen der Frauen-Union 1990Bild: Hansjoerg Krauss/AP Photo/picture alliance

Als Bundestagspräsidentin organisierte sie den Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin, warb immer wieder für ein gutes deutsch-polnisches Verhältnis und für eine moderne Einwanderungspolitik. Das führte sie auch noch fort, nachdem Gerhard Schröder von der SPD als Nachfolger von Kohl an die Spitze der Bundesregierung rückte. Zum Zorn ihrer Partei übernahm Süssmuth den Vorsitz in der Zuwanderungskommission, den ihr Schröders rot-grüne Koalition angeboten hatte.

Keine Reue trotz Einsamkeit

In allen Positionen waren ihr die Frauenrechte und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentrales Anliegen. Süssmuth galt in der CDU als eine Brückenbauerin für den Feminismus. "Es ist uns gelungen, ein anderes Denken in die Partei hineinzubringen. Das hat lange gedauert", sagte sie einmal. "Heute tut man ja so, als sei das selbstverständlich. Aber das war alles andere als selbstverständlich. Vor ein paar Jahrzehnten hielt man die Emanzipation der Frauen noch für den Untergang der zivilisierten Gesellschaft - auch in der CDU." Süssmuth hatte es Angela Merkel vielleicht sogar ein Stück leichter gemacht, Bundeskanzlerin zu werden.

Unermüdlich für die Rechte der Frauen unterwegs: Rita SüssmuthBild: Tim Brakemeier/dpa/picture alliance

Die verwitwete Mutter einer Tochter war zuletzt wissenschaftlich aktiv und setzte sich für die Erwachsenenbildung ein. Auch wenn die politische Überzeugungstäterin immer hohe Hürden nehmen musste, manchmal auch strauchelte, sagte Süssmuth der Süddeutschen Zeitung vor Jahren: "Ich habe Ablehnung in meiner Partei erfahren, ich habe viel Fremdheit empfunden, aber auch Unterstützung erlebt. Man fühlt sich oft einsam. Und ich weiß, das gilt nicht nur für mich; das gilt für viele in der Politik. Trotzdem: Ich habe es nicht bereut, in die Politik gegangen zu sein. Wir können etwas verändern - nicht die Welt, aber die Köpfe und das Handeln."

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