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Gesellschaft

Können Schüler die Waffengewalt stoppen?

Michael Knigge ie
21. Februar 2018

Eine Woche nach dem Schulmassaker von Florida lässt sich noch nicht sagen, ob die Proteste der überlebenden Schüler langfristig etwas ändern können. Auf jeden Fall machen sie eine Menge richtig.

USA Trauer nach Florida Shooting
Bild: Reuters/J. Drake

Normalerweise passiert in den USA Folgendes nach einem Amoklauf:

  • Republikanische Politiker drücken ihr Beileid für die Opfer aus, weisen aber darauf hin, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt sei, um über verschärfte Waffengesetze zu reden.
  • Die National Rifle Association (NRA), Amerikas einflussreichste Waffenlobby, lässt nichts von sich hören.
  • Nach ein paar Tagen oder spätestens Wochen verlaufen die Diskussionen über Waffenkontrollen im Sande; das Land wendet sich wieder anderen Themen zu, ohne das irgendetwas geschehen wäre, um das nächste Blutbad zu verhindern.
  • Wenn es dann soweit ist, beginnt der Zyklus wieder von vorne.

Doch diesmal könnte es anders sein. Das glauben viele, die in diesen Tagen die kraftvolle und wortgewandt vorgetragene Botschaft der trauernden Teenager gehört haben, die gerade ein Massaker an ihrer Schule erlebt und 17 ihrer Freunde oder Lehrer verloren haben. Die spürbare Entschlossenheit dieser jungen Menschen, den bisherigen Status Quo nicht mehr zu tolerieren, ihre Vorwürfe der Mittäterschaft an die Politik und die ältere Generation, ihr so einfaches wie überzeugendes Hauptargument, dass sie geschützt werden sollten - all das hat Massenmedien wie soziale Netze erreicht und unmöglich gemacht, ihnen nicht zuzuhören.

Jugendliche weisen den Weg

Kann also die jüngste Schießerei in der Kleinstadt Parkland den Teufelskreis von Schulmassakern durchbrechen? "Anders als zuvor sind diesmal die überlebenden Schüler an die Öffentlichkeit gegangen und haben dem Ganzen so ein Gesicht gegeben. Ihre moralische Überlegenheit und Energie ziehen jeden in den Bann", sagt David Meyer, der an der University of California, Irvine (UCI) soziale Bewegungen erforscht. "Nach dem Massaker in Newtown 2012 haben eher etablierte Organisationen den Protest bestimmt. Dieses Mal sind es die Jugendlichen selbst." An der Sandy Hooks Grundschule In Newtown in Connecticut hatte der Täter 26 Menschen erschossen, davon 20 Kinder,

Nach jedem Amoklauf in den USA träten Bürger in Bürgerinitiativen ein, erklärt Kathleen Roming, eine Aktivistin von "Moms Demand Action for Gun Sense in America" ("Mütter fordern Vernunft bei den Waffen in Amerika"). "Aber nach diesem Amoklauf ist es anders. Wir haben noch nie so eine ansteckende Entschlossenheit unter jungen Leuten erlebt, die eine Veränderung fordern."

Donald Trump im Weißen Haus kurz vor seinem Statement zum Schulmassaker in FloridaBild: Reuters/L. Millis

Das Weiße Haus reagiert zurückhaltend

Weniger als eine Woche nach dem Schulmassaker in Florida scheint der Protest der Schüler Auswirkungen auf das Weiße Haus zu haben. In einer Stellungsnahme heißt es, wenn auch nur sehr vage formuliert, dass der Präsident striktere Überprüfungen von potenziellen Waffenkäufern unterstütze. Trump wies zudem das Justizministerium an, ein Verbot von Schnellfeuerkolben, sogenannten Bump Stocks zu erarbeiten. Damit können halbautomatische Gewehre so schnell schießen wie vollautomatische Waffen. 

Diese zaghaften Signale - Trump will darüber hinaus in Florida Schüler und Lehrer zu einer sogenannten "Listening Session" empfangen und mit ihren über Waffengewalt sprechen - könnte man als Fortschritt ansehen. Doch sollte man nicht unterschätzen, dass der US-Präsident bislang ein ausgesprochener Verfechter des bestehenden Waffenrechts war. Jegliche nennenswerte Anstrengung des Weißen Hauses oder der Republikaner, die Waffengesetze zu verschärfen, wäre eine Kehrtwende um 180 Grad.

"Genug ist genug" - Mahnwache einen Tag nach dem Amoklauf Bild: Reuters/C. Garcia Rawlins

Geschickte Strategie

Gerade deshalb sei die Strategie der Schüler aus Florida klug gewählt, so David Meyer. Denn sie beschränkten sich nicht auf eine Gesetzesänderung oder redeten über technische Details von Schusswaffen, sondern richteten den Blick aufs große Ganze, wenn sie Politiker aufforderten, die Waffenlobby nicht mehr finanziell zu unterstützen. "Das ist wirklich eine große Sache. So werden sie sich nicht in Diskussionen verlieren, ob etwa Handwaffen wirklich Schuld an den vielen Toten sind, oder ob die genauere Überprüfung von Waffenträgern wirklich etwas bringen würde. Sie setzen direkt bei der NRA an, die den Zugang zu Waffen sogar noch weiter erleichtern will und die einen zu großen Einfluss auf die Politik hat."

Die NRA werde sich deshalb nicht in Luft auflösen, so Meyer weiter, aber Republikaner müssten sich bei den kommenden Zwischenwahlen im Herbst viel stärker dafür rechtfertigen, dass sie Geld von einer Gruppe annehmen, die Waffengesetze lockern statt verschärfen möchte. Meyer glaubt zudem, dass die neu aufkommende Schülerbewegung sich noch vergrößern und mit anderen Gruppen zusammenschließen wird, die sich bereits im letzten Jahr im Widerstand gegen Trump und die Republikaner formiert hätten. 

Bobby Powell, Demokrat und Mitglied von Floridas Senat, traf Schüler der Marjorie Stoneman Douglas High SchoolBild: Reuters/C. Hackley

Trumps Persönlichkeit tut ihren Teil

"Trump ist besonders ungeeignet dafür ist, nach Tragödien wie dieser die Menschen zu beschwichtigen oder zu trösten", fügt Meyer hinzu. "Das gehört zum Job eines Präsidenten dazu. Einige Demokraten können das gut, ein paar Republikaner auch. Trump ist jedoch wirklich schlecht darin. Wenn er auftaucht, macht er die Leute stets nur noch wütender. Das könnte die Menschen noch mehr gegen ihn mobilisieren."

Kathleen Roming hofft ebenfalls, dass die Schülerbewegung hilft, eine langfristige Veränderung herbeizuführen. "Diese Generation ist mit Amokläufen aufgewachsen" sagt sie, an Schulen gebe es heutzutage regelmäßig Übungen dazu. "Sie proben quasi, niedergemetzelt zu werden, das ist eine normale Erfahrung für sie."

Klare Forderungen

Katy Klein, Sprecherin der Gruppe "Alliance for Gun Responsibility" (Allianz für Waffenverantwortlung) aus dem Bundesstaat Washington, merkt an: "Nach dem Vorfall an der Marjorie Stoneman Douglas High School sagen die Leute nicht mehr nur, dass sie genug vom immer weitergehenden Kreislauf aus Gewalt haben. Sie fordern diese Veränderung ein. Ihre Botschaft ist laut und deutlich: 'Wenn ihr Politiker nicht aktiv werdet, wählen wir euch aus dem Amt!'"

Gefragt, was er den Schülern von Parkland sagen würde, antwortet Wissenschaftler Meyer: "Ich würde ihnen sagen, wie stark, gut informiert und diszipliniert sie sind - das sind tolle Jugendliche! Außerdem würde ich ihnen Danke sagen. Und: 'Lasst euch von niemandem etwas ausreden, was ihr für wichtig haltet!'"

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