Legen neue US-Sanktionen Irans Wirtschaft lahm?
28. August 2026
US-Finanzminister Scott Bessent hat eine neue Phase der wirtschaftlichen Kampagne Washingtons gegen den Iran eingeläutet. Dieses Mal stehen nicht sanktionierte iranische Institutionen im Fokus, sondern die internationalen Netzwerke, die Teheran nutzt, um den Geld- und Warenfluss aufrechtzuerhalten.
Die USA wollen laut Bessent gegen fünf wirtschaftliche Lebensadern vorgehen: digitale Vermögenswerte, Technologie, Goldhandel, Luftfahrt und Schifffahrt. Bessent warnte zudem ausländische Unternehmen, die dem Land dabei helfen, illegal Geld zu transferieren. "Jede Organisation, die Geldwäsche für den Iran ermöglicht, wird aus dem auf US-Dollar basierenden Finanzsystem ausgeschlossen", sagte Bessent bei der Vorstellung der neuen Maßnahmen Ende August. "Der Countdown läuft ab sofort."
Mit diesem Ansatz sollen Sekundärsanktionen verschärft werden, indem Druck auf Unternehmen, Finanzintermediäre und Handelspartner außerhalb des Iran ausgeübt wird, anstatt lediglich weitere Beschränkungen gegen eine ohnehin schon stark sanktionierte Wirtschaft zu verhängen.
Die USA kündigten Maßnahmen gegen rund 60 Personen, Organisationen und Schiffe an. Sie verzichten jedoch darauf, große chinesische Banken ins Visier zu nehmen. Das zeigt deutlich, dass die USA nur bis zu gewissen Grenzen bereit sind, Sanktionen gegen China vorzunehmen, den größten verbleibenden Handelspartner des Iran.
Wie der Iran die US-Sanktionen umgeht
Seit Jahren stützt sich der Iran bei Geldtransfers auf Netzwerke außerhalb des formellen Bankensystems. Wechselstuben, Goldhandel, Kryptowährungen, Scheinfirmen und undurchsichtige Schifffahrtsnetzwerke haben dem Iran dabei geholfen, Sanktionen zu umgehen.
Die jüngste Strategie der USA scheint darauf ausgerichtet zu sein, diese Methoden zu erschweren, indem sie die Kosten für ausländische Vermittler erhöht.
Sie kommt zu einem für den Iran heiklen Zeitpunkt: Die Ölexporte sind durch die US-Bemühungen, die iranischen Öllieferungen zu stören, stark zurückgegangen. Die Lieferungen nach China, dem wichtigsten Ölabnehmer des Iran, sanken im August auf etwa 534.000 Barrel pro Tag, nach 823.000 im Juli und einem Höchststand von rund 1,58 Millionen Barrel Anfang 2026.
Im Inland stiegen die Lebensmittelpreise im Juli gegenüber dem Vorjahr um rund 128 Prozent, wie aus offiziellen Daten hervorgeht, auf die sich die Nachrichtenagentur Reuters beruft. Die iranische Währung hat so stark an Wert verloren, dass viele Transaktionen, darunter Immobilien- und Autoverkäufe, mittlerweile in US-Dollar abgewickelt werden. In Anzeigen werden die Preise manchmal sogar in Dollar angegeben.
Steigende Inflation belastet iranische Unternehmen
Der Druck macht sich zunehmend auch in normalen Unternehmen bemerkbar. Ein Baustoffhändler in der Hauptstadt Teheran erklärte gegenüber der DW, die Inflation sei mittlerweile so hoch, dass es manchmal rentabler sei, Waren einfach zu lagern, als sie zu verkaufen.
"Wenn ich etwas einen Monat lang in meinem Lager behalte, kann der Preis um mehr steigen, als ich durch den Verkauf heute verdienen würde", sagte er. Er besitzt außerdem einen Steinbearbeitungsbetrieb und erklärt, die Erfüllung älterer Verträge werde zunehmend schwieriger, da Ersatzmaterialien schon wenige Wochen später erheblich teurer sein könnten. Preiserhöhungen seien auch keine Lösung: "Wenn ich den Preis über ein bestimmtes Maß hinaus erhöhe, kann es sich niemand mehr leisten, die Ware zu kaufen", sagte er.
Die Restriktionen beeinträchtigen zudem die Art und Weise, wie private Unternehmen ihre Lieferanten bezahlen, Rohstoffe importieren und Arbeitsplätze sichern.
Ein weiterer Iraner, der bei einem Handelsunternehmen arbeitet, berichtete der DW, dass mehr als 70 Prozent der Mitarbeiter in den vergangenen sechs Monaten entlassen worden seien. Das Unternehmen importierte Rohstoffe für verschiedene Körperpflegeprodukte und wickelte Zahlungen zuvor über Wechselstuben in den Vereinigten Arabischen Emiraten ab. "Jetzt ist keine Wechselstube mehr bereit, mit uns zusammenzuarbeiten", sagte der Mitarbeiter.
Was sind die Folgen für iranische Unternehmen im Ausland?
Die Auswirkungen machen sich auch bei iranischen Geschäftsleuten außerhalb des Landes bemerkbar. Ein iranischer Geschäftsmann, der nach Dubai gezogen ist, berichtete der DW, dass er zuvor mehrere Kosmetik- und Hygienemarken im Iran besessen habe. Einfuhrbeschränkungen und Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Rohstoffen hätten ihn schließlich dazu veranlasst, seinen Wohnsitz zu verlegen. In Dubai war die Lage besser zu bewältigen. Doch seit dem Krieg habe sich das geändert, sagte er. "Heutzutage erschwert ein iranischer Pass fast jede Transaktion", erklärte er gegenüber der DW.
Er sagte, iranische Unternehmer seien zunehmend unsicher, ob Banken ihre Konten aufrechterhalten würden oder ob die Aufenthaltsbestimmungen verschärft werden könnten. "In einem Umfeld, in dem es keine Stabilität gibt und die Aussichten unklar sind, kann man kaum ein Unternehmen führen", sagte er.
Können weitere Sanktionen das Verhalten Teherans ändern?
Alireza Salavati, ein in London ansässiger Kommentator für politische Ökonomie, ist trotzdem skeptisch, dass die neuen US-Maßnahmen zu einer grundlegenden strategischen Wende führen werden. "Ihre Hauptwirkungen dürften psychologischer Natur sein und die Inflationserwartungen verstärken", sagte Salavati.
Der Iran sei bereits in den meisten wichtigen Sektoren mit Sanktionen belegt, erklärte er gegenüber der DW. Weitere Einschränkungen könnten eher eine Ausweitung bestehender Sanktionsmaßnahmen gegen existierende Netzwerke sein als die Schaffung völlig neuer Formen wirtschaftlichen Drucks.
Salavati warnte zudem davor, dass wirtschaftlicher Druck die verbleibende Mittelschicht oder gewisse Berufsgruppen schwächen könnte, die traditionell eher eine gemäßigtere Politik befürworten. Anstatt einen raschen politischen Wandel herbeizuführen, könnte der Druck seiner Ansicht nach die Polarisierung verschärfen und den Staat dazu veranlassen, die ohnehin schon begrenzten Subventionen und Sozialleistungen weiter zu kürzen.
Auswirkungen auf die Schattenwirtschaft im Iran
Es gibt noch ein weiteres Paradoxon: Je stärker Washington die formellen Finanzkanäle einschränkt, desto größer wird der Anreiz, informelle Kanäle zu entwickeln. Die Sanktionswirtschaft des Iran hat bereits komplexe Netzwerke aus Vermittlern, Kryptowährungs-Transfers, Scheinfirmen, Bargeldtransaktionen und inoffiziellen Devisenmärkten geschaffen. Die Sperrung eines Kanals könnte Transaktionen verteuern, ohne sie jedoch zwangsläufig zu unterbinden.
"Die weiterreichende Folge dürfte eher zersetzend als transformativ sein", sagte Salavati und warnte, dass das Ergebnis eine noch größere und weniger kontrollierbare Schattenwirtschaft sein könnte.
Die neuen Sanktionen könnten es dem Regime in Teheran erschweren, den Handel zu finanzieren, an Devisen zu gelangen und seine bestehenden wirtschaftlichen Netzwerke aufrechtzuerhalten. Doch die unmittelbaren Lasten haben Unternehmen, Arbeitnehmer und Haushalte zu tragen, die ohnehin schon mit kriegsbedingten Beeinträchtigungen und extremer Inflation zu kämpfen haben. Ob der Druck der USA das Verhalten der iranischen Führung ändern wird, bleibt daher ungewiss.
Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert