1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

"Unsere Menschlichkeit wird viel wichtiger werden"

10. Juli 2019

Noch ein halbes Jahrhundert, dann sind Maschinen so schlau wie wir Menschen. Da ist sich der australische Forscher Toby Walsh ganz sicher. Im DW-Gespräch sagt er, was wir tun müssen, um das Schlimmste zu verhindern.

Darstellung der Evolution von der Schraube zu einem Maschinenmenschen im Cartoon

"2062" hat Toby Walsh sein Buch genannt, in dem er eine dystopische Vision von unserer technologiegesteuerten Zukunft entwirft. 2062, weil seine kleine Tochter in diesem Jahr so alt sein wird, wie er heute. Der Australier ist einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Feld der künstlichen Intelligenz. In seinem Buch macht er deutlich, welche Veränderungen der Einsatz von KI auf unser Leben, unsere Arbeit, aber auch die Gesellschaft insgesamt und die Politik haben wird. Werden Roboter ein Bewusstsein entwickeln? Werden wir am Ende gar selbst zu Maschinen werden? Und wie werden wir in Zukunft Kriege führen?

 

Toby WalshBild: DW/S. Dege

Deutsche Welle: Zu allen Zeiten ging die Angst vor der Maschine um. Was aber macht die Lage heute kritisch?

Toby Walsh: Schon immer haben die Menschen eine tiefe Angst, dass Maschinen die Kontrolle übernehmen könnten. Dabei sollten wir weniger vor intelligenten Maschinen Angst haben, als vor der Dummheit der Maschinen. Denn Maschinen besitzen keine Intelligenz, sie übernehmen keine Verantwortung und ganz gewiss haben Maschinen kein Bewusstsein, keine Empfindungen, keine Wünsche. Maschinen tun nur das, was wir ihnen sagen. Sie wachen nicht eines Morgens auf und beschließen, den Planeten zu übernehmen. Das Problem mit Maschinen ist aber, dass sie genau das tun, was wir ihnen sagen. Und manchmal denken wir eben nicht sorgfältig genug darüber nach, was wir ihnen sagen. Was ziemlich gefährlich ist.

Mit meinem Buch ("2062 - Das Jahr, in dem die die Künstliche Intelligenz uns ebenbürtig sein wird", erschienen 2019 im Riva-Verlag - Anm. d. R) möchte ich die Sorgen über solche Szenarien zerstreuen - von Maschinen, die sich erheben und die Welt erobern. Doch sollten die Menschen eines erkennen: Entscheidungen von Maschinen können rassistisch, sexistisch und atheistisch sein - all das, was wir in den letzten hundert Jahren versucht haben, aus unserer Gesellschaft zu tilgen. Wir sind bisher nicht vorsichtig genug.

Ist der größte Feind der Menschheit also seine Bequemlichkeit?

Der größte Feind der Menschheit ist sie selbst. Beispiel Klimawandel: Wir zerstören die Biodiversität. Wir zerstören den Planeten. Wir sind nicht in der Lage, über die langfristigen Folgen unserer Entscheidungen nachzudenken. Wir sind dafür gebaut, den Moment zu überleben, um nicht von diesem Tiger am Ende des Waldes gefressen zu werden. Uns fällt es sehr schwer, langfristige Entscheidungen zu treffen und die langfristigen Kosten unseres Handelns zu erfassen, etwa für den Klimawandel.

Der Krieg von morgen: selbstlenkende Drohnen Bild: Lawrence Lek

Dieses nachhaltige Denken fehlt uns, da hat uns die Evolution noch nicht optimiert. So gibt es Dinge, die uns heute vielleicht wehtun, aber ganz sicher unsere Enkelkinder schwer treffen werden - wenn wir nicht heute handeln!

Zu nachhaltigem Handeln aber gehört die Nutzung der Technologie. Nur damit lassen sich die Herausforderungen bewältigen, vor denen unsere Welt steht. Nehmen Sie nur die Lebenserwartung, die sich seit der industriellen Revolution - selbst in einem wohlhabenden Land wie Deutschland - fast verdoppelt hat. Eben weil wir Technologien eingesetzt haben. Wir haben die Maschinen eingesetzt, um unsere Produktivität zu steigern und viel besser zu leben. Die Politik hat uns völlig im Stich gelassen, Wer jetzt mit Dingen wie dem Klimawandel zu tun hat, ist auf technische Lösungen angewiesen.

Glauben Sie, KI wird unser neuer Gott?

Das Risiko besteht vielmehr darin, dass wir keine Götter sein werden. Es wird eine Unterschicht von Menschen geben, die arbeitslos sind, weil Maschinen die ganze Arbeit verrichten und der Reichtum nur wenigen Personen gehört, den Eigentümern der Roboter. Damit werden wir weit von Gott entfernt sein. Wir werden ein sehr einfaches Leben führen. Das soll kein Nein auf Ihre Frage sein. Es ist eher ein Plädoyer für den Einsatz von Technologie.

Erster sozialer Roboter mit KI in Irland Bild: picture-alliance/dpa/B. Lawless

Maschinen werden hoffentlich unsere Menschlichkeit verstärken. Denn die Maschinen haben genau diese menschlichen Qualitäten nicht - Mitgefühl, soziale Intelligenz, emotionale Intelligenz, Kreativität. Darum wird unsere Menschlichkeit viel wichtiger werden. Wir werden Dinge schätzen lernen, die eine menschliche Hand berührt hat. Du bezahlst mehr für handgefertigte Brote oder hausgemachtes Bier aös für Produkte aus der maschinellen Massenproduktion. 

Was sollten wir jetzt tun - um die Welt vor ihrem Untergang zu bewahren?

Nun, es wird gesellschaftliche Veränderungen brauchen. Die Menschen müssen besser über die Risiken aufgeklärt werden. Dann können sie als Einzelpersonen bessere Entscheidungen treffen. Und wir brauchen Regulierung. Die Regierungen müssen handeln. Zum Beispiel ist der Technologiesektor bisher gar nicht reguliert. Und wir sprechen hier vom größten Bereich der Wirtschaft, in dem sich die fünf reichsten Unternehmen der Welt tummeln.

Wir müssen den Technologiesektor regulieren, wie zuvor schon Big Oil, Big Pharma oder Big Tobacco. Diese Unternehmen mussten lernen, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Europa ist da richtungsweisend. Die Datenschutzgrundverordnung ist ein Anfang. Aber natürlich reicht das nicht aus, die Technologieunternehmen dazu zu zwingen, mit unsere Daten angemessen umzugehen. Wir müssen sie regulieren.

Das sagen - hinter vorgehaltener Hand - sogar befreundete Kollegen, die im Technologiesektor arbeiten.

Buchcover zu 2062 von Toby Walsh

Wir leben also in interessanten Zeiten?

Oh ja, in sehr interessanten Zeiten sogar! Und das Erstaunliche ist: Die größten Veränderungen haben sich in den letzten 30 Jahren ereignet. Das Internet kam auf. Seit einem Dutzend Jahren haben wir das Smartphone. Kaum vorstellbar, dass wir ohne all das heute leben könnten!

Das hat unser Leben sehr bequem gemacht. Genau deswegen müssen wir genauer durchdenken, wie Technologie uns helfen kann, unsere Probleme zu lösen - der Klimawandel, die wachsende Ungleichheit, das globale Flüchtlingsproblem. Dabei können uns Technologien helfen.

Toby Walsh, der als "Rockstar der digitalen Revolution" gilt, ist Professor für künstliche Intelligenz an der University of New South Wales, Australien. Seine Forschungsgruppe befasst sich mit der algorithmischen Entscheidungstheorie. Im Jahr 2018 war er Gastprofessor am Institut für Softwaretechnik und Informatik der TU Berlin. Mit Toby Walsh, der auch bei einem Kultursymposium des Goethe-Instituts in Weimar auftrat, sprach Stefan Dege.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen