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Kälte als Waffe: So reagiert unser Körper auf den Frost

5. Februar 2026

Minusgrade als tödliches Risiko: Wenn der Körper auskühlt, beginnt ein Überlebenskampf der Organe. Welche schwerwiegenden Folgen Kälte für die Gesundheit hat - und wie wir uns schützen können.

Ein Mann läuft bei starkem Wind über Schneeverwehungen auf einem verschneiten Acker auf der Insel Rügen
Im Winter müssen wir uns vor gefährlicher Unterkühlung schützen Bild: Jens Büttner/dpa/picture alliance

Auch im vierten Kriegswinter herrschen eisige Temperaturen in der Ukraine. Doch Russlands Machthaber Wladimir Putin lässt gezielt die Energie-Infrastruktur des Landes angreifen. Millionen Menschen in der Ukraine sind immer wieder ohne Strom und Wärme. Kälte setzt unserem Körper extrem zu. Eine Tatsache, die sich auch die Haftanstalten in Belarus als Foltermethode zu eigen machen.

Unser Körper braucht eine konstante Temperatur von ungefähr 37 Grad Celsius. Werden Hände oder Ohren kurzzeitig mal etwas kälter, ist das nicht schlimm. Aber sinkt unsere Körpertemperatur um zwei Grad, schlägt unser System Alarm.

Ab 35 Grad spreche man von einer Unterkühlung, medizinisch Hypothermie genannt, erläutert Tim Heitland. Er ist medizinischer Koordinator am Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung und kümmert sich um die Ausbildung der Überwinterungsteams des AWI in der Arktis.

Ukraine: Wie Kyjiw dem bislang härtesten Kriegswinter trotzt

04:21

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Die erste Reaktion des Körper auf Kälte ist Abwehr

"Bei der Hypothermie unterscheidet man vier Stadien: das Abwehrstadium, das Erschöpfungsstadium, das Lähmungsstadium und dann die Vita minima, also der Scheintod - und dann der richtige."

Im Abwehrstadium versucht unser Köper mit allem, was er hat, Wärmeenergie zu erzeugen. Wir fangen an zu zittern, um über diese Muskelarbeit wieder warm zu werden. Wir atmen schneller. Dadurch können Blutdruck und Herzfrequenz steigen. Das kann ein Problem für Menschen mit Herzerkrankungen sein.

Außerdem beginnt das Schutzprogramm für die lebenswichtigen Organe. "Der Körper versucht, die Temperatur für innere Organe und vor allem das Gehirn hoch zu halten. Und das tut er, indem er aus der Peripherie, also zum Beispiel den Armen und Beinen, die Durchblutung rausnimmt, indem er die Gefäße eng stellt", erklärt Heitland.

Die Folge: Es fließt weniger Blut in die Extremitäten, das Gewebe dort wird kälter, es droht die Gefahr von lokalen Erfrierungen. Der Blutdruck sinkt schließlich und uns kann schwindelig oder übel werden.

Bei Temperaturen unter -20 °C suchen Bewohner von Kyjiw in U-Bahn-Stationen Schutz vor nächtlichen Raketen- und Drohnenangriffen RusslandsBild: Alina Smutko/REUTERS

All das ist anstrengend und kostet Kraft und Energie. Sinkt die Körperkerntemperatur auf 32 bis 30 Grad ab, sind die Energiereserven verbraucht, das Zittern hört auf - nun beginnt das Erschöpfungsstadium. "Dann fängt man an, teilnahmslos oder verwirrt zu werden. Blutdruck und Herzfrequenz gehen runter und die Muskeln werden langsam steif."

Extreme Kälte lässt das Herz aussetzen

In der dritten Stufe der Hypothermie, etwa zwischen 30 und 28 Grad Körperkerntemperatur, beginnt das Lähmungsstadium. Wir können wir uns nicht mehr bewegen, Herz- und Atemfrequenzen werden immer langsamer und schwächer. "Da kann man das Bewusstsein verlieren und durch das kalte Blut kann es Herzrhythmusstörungen geben."

Ab 28 Grad Körpertemperatur und darunter beginnt der sogenannte Scheintod, wir fallen ins Koma. "Unter 28 Grad wird man tief bewusstlos. Die Pupillen können weit und lichtstarr werden und es kann zum Atem- und Herzstillstand kommen. Also eben zunächst der Scheintod - und dann der tatsächliche Exitus."

Auferstanden vom Kältetod: der Fall Anna Anna Bågenholm

Aufsehen erregte 1999 die Wiederbelebung der schwedische Ärztin Anna Bågenhol. Sie hatte nach einem Ski-Unfall 80 Minuten lang in einem eisigen Gebirgsbach gelegen und war bereits drei Stunden lang klinisch tot, ehe sie ohne bleibende Schäden wiederbelebt wurde. Bågenhols Körpertemperatur hatte zeitweise bei nur noch 13,7 Grad gelegen.

Dass sie keine Hirnschäden davontrug, lag einerseits daran, dass auch ihr Kopf von kaltem Wasser umspült wurde. Ihr Gehirn kühlte also bei noch funktionierendem Kreislauf schnell ab. "Bei extremer Kälte laufen Stoffwechselprozesse viel langsamer ab, dadurch kommen die Zellen mit deutlich weniger Sauerstoff klar - solange noch etwas Blut zirkuliert", erklärt Mediziner Heitland.

Des Weiteren wurde Bågenholms Körper während des Rettungsflugs nicht erwärmt, sondern weiter gekühlt. Im Krankenhaus wurde sie an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, ihr Blut ausgeleitet, außerhalb des Körpers erwärmt, mit Sauerstoff angereichert und dann wieder zurückgeführt. Knapp vier Stunden nach ihrem Unfall schlug Bågenholms Herz wieder eigenständig.

Kleidung gegen Kälte: das Zwiebelprinzip

Um unsere Körpertemperatur auch bei Kälte im Normbereich zu halten, sei vor allem angemessene Kleidung entscheidend, sagt Frank Werner, zuständig für den Bereich Prävention bei der Berufsgenossenschaft Bau. Im Baugewerbe wird auch bei tiefen Temperaturen draußen gearbeitet.

Hier habe sich das "Zwiebelprinzip" bewährt, so Werner. "Der mehrschichtige Aufbau schafft Luftpolster zwischen den einzelnen Schichten." Denn Luft ist ein schlechter Wärmeleiter, sie hält also unsere Körperwärme nah am Körper. Deswegen hält uns auch Wolle im Winter so warm: Wollfasern enthalten viele kleine Lufttaschen.

An solchen Extremwanderungen im Winter sollten nur körperlich gesunde Menschen teilnehmen - hier schützt vor allem die Bewegung vor KälteschädenBild: Matthias Bein/dpa/picture alliance

Übrigens: Mit einer Gänsehaut versucht auch unser Körper selbst, durch das Aufstellen der Körperhaare eine isolierende Luftschicht um die Haut zu bilden.

Mit dem Zwiebelprinzip könne man seinen Kälteschutz außerdem schnell und einfach anpassen, so Werner. "Wenn ich mich körperlich mehr bewege, [kann ich] auch mal schnell eine Schicht ablegen oder meinen Pullover ausziehen und dann eine schützende Wetterjacke wieder drüberziehen."

Denn schwitzen wir bei kalten Temperaturen, kühlt uns die Verdunstungskälte wieder ab. Deswegen sollte die Kleidungsschicht, die wir direkt am Körper tragen, Feuchtigkeit gut ableiten können.

Warum uns zu viel Kleidung auskühlt 

Besser, als sich mit vier Socken in den Schuh zu quetschen, sind zwei Paar aus geeignetem Material. Denn sitzt Kleidung zu eng an unserem Körper, fehlen die isolierenden Luftschichten.

Auch die Isolierung nach unten ist wichtig. "Richtige Winterschuhe haben eine Sohle mit Schichtaufbau, die den direkten Kontakt der Fußsohle zum Boden vermeidet", sagt Werner. Auch eine Lage Papier innen im Schuh habe sich bewährt. Papier isoliert und nimmt Feuchtigkeit auf. Wegen ihrer Luftpolster eignet sich besonders Wellpappe dafür.

Bei kalten Temperaturen steigert Wind auf Dauer die Gefahr einer UnterkühlungBild: Carsten Rehder/dpa/picture-alliance

Extrem wichtig sei zudem der Schutz vor Wind, betont Tim Heitland. Sonst werde jeder Versuch, die Wärme an unserem Körper zu halten, einfach weggeweht. Winddichte äußere Kleidungsschichten helfen. Doch wenn möglich sollte man sich selbst aus dem Wind bewegen oder einen Schutz aufbauen - "und sei es ein Pappkarton, mit dem man den Wind bricht". Auf ihren Arktis-Expeditionen errichten die AWI-Teams vor ihren Zelten beispielsweise Schneewände.

Ohne Nahrung keine Wärme

Dass wir im Winter Hunger auf Fettiges haben, ist kein Wunder. Eine fettreiche, hochkalorische Ernährung helfe dem Körper gegen Kälte, erläutert Heitland. "Weil er Wärme erzeugen will, hat der Körper einen gesteigerten Grundumsatz, da braucht er auch ein Mehr an Energie."

Bei ersten Anzeichen einer echten Unterkühlung seien warme, gezuckerte Getränke am besten. "Kohlenhydrate geben schnell Energie und einen spürbaren Kick." Und dann gelte: Wenn möglich bewegen, bewegen, bewegen, um den Körper wieder richtig warm zu kriegen.

Jeannette Cwienk Autorin und Redakteurin, Fokus unter anderem: Klima, Umwelt und Wissenschaft
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