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Politik

Die Jungen und der alte Präsident

Katrin Gänsler z. Zt. in Douala
6. Oktober 2018

Vor allem junge Menschen sind des 85-jährigen Präsidenten Paul Biya überdrüssig. Er regiert Kamerun seit über 35 Jahren. Wie viele der jungen Kameruner am Sonntag aber tatsächlich zur Wahl gehen, ist noch völlig offen.

Kamerun Präsidentschaftswahl Wahlkampf
Bild: DW/K. Gänsler

Sieben junge Kameruner ziehen mit einem Pickup durch Akwa, das Zentrum der Wirtschaftsmetropole Douala. Auf der Ladefläche stehen große Boxen, aus denen in einer Dauerschleife ein Lied über Kameruns Jugend klingt. Ein Name fällt dabei immer wieder: Cabral Libii. Der 38-Jährige ist der mit Abstand jüngste der neun Kandidaten, die am Sonntag auf dem Stimmzettel der Präsidentenwahl stehen. Zu hören ist sein Wahlkampfsong.

In den sozialen Medien wie Facebook und Youtube sind kurze Videos von Libiis Auftritten seit Beginn des Straßenwahlkampfs zu sehen. Viele tausend Jugendliche und junge Erwachsene jubeln ihm zu. "Ich sage immer: Das ist die erste Präsidentenwahl in diesem Land. Früher hat es das nicht gegeben, das war nur eine Maskerade", sagt Jules Henry Mbock. Er koordiniert im Viertel Douala 1 Libiis Kampagne mit dem Namen "11 Millions Citoyens" - "Elf Millionen Bürger". Eine symbolische Zahl, die die Massen mobilisieren soll. Der 28-Jährige erlebt ein großes Interesse an der Politik. "Am vergangenen Wochenende haben wir eine Weiterbildung für Erstwähler und junge Kameruner organisiert, um zu zeigen, wie es im Wahllokal abläuft. Vor zwei Jahren wäre doch niemand gekommen. Aber es waren 600 da."

Präsident Paul Biya ist überall zu sehenBild: DW/K. Gänsler

Enthusiasmus ohne Wählerkarten

"Die Jugendlichen sind sehr enthusiastisch und aufgeregt wegen der Wahlen", beobachtet auch Cosmas Cheka. Der Rechtswissenschaftler ist Professor an der Universität von Yaoundé. Er schränkt jedoch ein: "Ich habe eine Sorge. Um seine Träume in einer Demokratie zu realisieren, muss man auch zur Wahl gehen. Ich befürchte, dass die meisten jungen Menschen, die in den Medien ihre Begeisterung zeigen, gar nicht im Wählerregister eingetragen sind." Wäre das anders, dann könnten sie die Wahlen durchaus beeinflussen. "Ich bezweifle das aber", so Cheka. Nach Informationen der kamerunischen Wahlkommission Elecam haben sich knapp 6,6 Millionen Wähler registriert. Wahlberechtigte gibt es jedoch mehr. 

Auf den Straßen Doualas erzählen junge Menschen, dass sie müde sind, Paul Biya noch immer an der Staatsspitze zu sehen. Joël Daniel Dooh Mbella (27) sagt: "Ich habe schon drei Päpste erlebt. Das ist ein Amt auf Lebenszeit. Aber ich kenne nur einen Präsidenten." Der 85-jährige Amtsinhaber ist seit November 1982 an der Macht und erst der zweite Staatschef des Landes. Auch jetzt dominiert er den Wahlkampf. In Douala etwa reiht sich ein Plakat an das nächste. Biya ist überall vor blauem Hintergrund zu sehen. Die übrigen Kandidaten sind hingegen so gut wie unsichtbar.

Joshua Osih galt noch vor zwei Jahren als Kandidat der jungen GenerationBild: DW/K. Gänsler

"Kein Vertrauen in das System"

Dabei ist Kamerun wie die übrigen Staaten auf dem Kontinent ein junges Land. Knapp 62 Prozent der fast 25 Millionen Einwohner sind jünger als 25 Jahre. Sie fordern vor allem Ausbildung und Arbeitsplätze. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) waren 2017 insgesamt 8,7 Prozent der 15- bis 24-Jährigen ohne Job. Jules Henry Mbock erzählt, in seinem Freundeskreis suche jeder nach Arbeit: "Hier sagt man: Ich schlage mich so durch", erklärt der studierte Informatiker und begründet die schwierige Stellensuche so: "Ich habe nicht den richtigen Namen. Ich habe auch keinen Kontakt in ein Büro oder zu jemandem, der mir einen Job verschafft." Laut der Weltbank lebt fast jeder vierte Kameruner unterhalb der Armutsgrenze und hat täglich weniger als 1,9 US-Dollar zur Verfügung.

Genau diese Verdrossenheit könnte am Sonntag aber dazu führen, dass weitaus weniger Jungwähler in die Wahllokale gehen als von einigen Beobachtern erwartet. "Sie sind nicht glücklich mit den politischen Trends und haben kein Vertrauen in das Wahlsystem", sagt Tarhyang Tabe. Er ist Präsident der Vereinigung kamerunischer Medienschaffender sowie Herausgeber der englischsprachigen Zeitung "The Advocate Newspaper". Dazu kämen die oftmals prekären Lebensbedingungen: "Sie haben keine wirtschaftliche Macht. Deshalb sind viele gar nicht an der Politik interessiert", sagt Tabe, der sich schon bei den Wahlen 2011 mit Jungwählern beschäftigt hat.

Jules Henry Mbock zeigt die App, mit der sein Team und er für Transparenz bei den Wahlen sorgen wollenBild: DW/K. Gänsler

Junge Menschen auf der Flucht

Dabei gebe es durchaus Menschen, die Jugendliche fördern, sagt Tarhyang Tabe. Er nennt den Präsidentschaftskandidaten Joshua Osih: "Er ist jung, charismatisch und gut gebildet. Er hat viele junge Kameruner eingestellt." Der Geschäftsmann sei bis 2016 die "erste Wahl" für Jungwähler gewesen. Doch er stammt aus der Region Südwest und somit aus dem anglophonen Teil des Landes. Dort schwelt seit Herbst 2016 ein schwere Krise. Zahlreiche Menschen fühlen sich von der französisch dominierten Regierung marginalisiert. Die Forderungen nach einem eigenen Staat werden immer lauter. Die Regierung wiederum bezeichnet viele Menschen als "Terroristen". Die Denkfabrik International Crisis Group spricht in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht von bis zu 300.000 Binnenflüchtlingen. "Auch das ist ein Grund, weshalb junge Menschen nicht wählen", sagt Tarhyang Tabe.

Jules Henry Mbock hat zwar Hoffnung auf Wandel. Trotzdem lacht er, als er gefragt wird, ob er an freie und transparente Wahlen glaubt. "Die hat es in diesem Land noch nie gegeben. Präsident Biya hat noch nie eine transparente und glaubwürdige Wahl gewonnen." Er zieht sein Smartphone aus der Hosentasche und tippt auf die App "Electra Transparency", mit der er und sein Team arbeiten werden. Sie hat ein schlichtes Design. Ziel ist es, mit ihr die Wahlprotokolle aus allen Wahllokalen auf einen Server zu stellen und so für mehr Transparenz zu sorgen. Mbock sagt, die App könne parteiübergreifend genutzt werden. Damit sei sie die Antwort der Jungen auf das alte System.

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