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Bildung

Kampf um die deutsche Sprache

Charlotte Voß
1. August 2018

"Dass" statt "daß", Schifffahrt mit drei f: Vor 20 Jahren trat die Rechtschreibreform in Kraft. Sie war eines der umstrittensten Vorhaben der vergangenen Jahrzehnte. Was ist von ihr geblieben?

Symbolbild Schule und Schreiben lernen
"ss" statt "ß": Eine der bekanntesten Änderungen durch die RechtschreibreformBild: picture-alliance/dpa/J. Büttner

Eigentlich sollte mit der Reform alles einfacher werden: weniger Kommaregeln, mehr lautorientiertes Schreiben. Kindern sollte es leichter gemacht werden, die Rechtschreibung zu erlernen.

Doch nach 20 Jahren fällt die Bilanz bei vielen ernüchternd aus. "Die Rechtschreibung ist nicht einfacher geworden", meint Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Er sagte der Deutschen Welle, die großen Erwartungen an die Reform seien nicht erfüllt worden. Auf den Weg gebracht wurde sie 1996. 

Damals einigten sich Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und weitere Staaten mit deutschsprachigen Bevölkerungsanteilen darauf, bis zum 1. August 1998 eine Neuregelung der deutschen Rechtschreibung einzuführen. Seit der Orthografischen Konferenz im Jahr 1901 hatte es keine grundsätzliche Überarbeitung mehr gegeben. Nicht mehr der Duden sollte nun bestimmen, wie geschrieben wird, sondern die Kultusminister. Die Rechtschreibung sollte weitreichend verändert und somit vereinfacht werden. So war anfangs etwa die Abschaffung der Großschreibung im Satz im Gespräch - das wurde von der Kultusministerkonferenz jedoch abgelehnt. Auch Meidinger hätte eine generelle Kleinschreibung nicht für sinnvoll gehalten. Weitere Vorschläge wurden abgeschwächt bis es zu einer Einigung kam. "Es gab immer mehr Kompromisse", erinnert sich der Präsident des Lehrerverbands.

Der Streit um die Reform

Kaum waren die neuen Wörterbücher im Sommer 1996 gedruckt, da begann der Sturm gegen die Reform: Auf der Frankfurter Buchmesse unterzeichneten im selben Jahr 100 Schriftsteller und Wissenschaftler eine Erklärung, in der sie einen Stopp der Reform forderten. In einigen Bundesländern wurden Volksinitiativen gestartet, um die Einführung der neuen Regelungen zu verhindern. Die Kritiker bemängelten vor allem, dass die Reform nur Verwirrung stifte - zudem sorgten sie sich um das Ansehen der deutschen Sprache und Literatur. Es war von einem drohenden Kultur- und Sprachverfall die Rede. Auch unter Lehrern sorgte die Rechtschreibreform für "tiefe Gräben", so Meidinger.

Schließlich musste sich auch das höchste Gericht mit der neuen Rechtschreibung befassen: Im Juli 1998 - nur zwei Wochen vor der endgültigen Einführung der Reform - erklärte das Bundesverfassungsgericht die Einführung der reformierten Regeln per Kultusministererlass für den Bereich der Schulen für rechtmäßig.

"Beliebigschreibung" nach der zweiten Reform?

Angesichts der massiven Kritik war bereits 1997 die "Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung" ins Leben gerufen worden. Sie sollte die Reform nachbessern und fortführen.

Und so kam es im Jahr 2006 zur Reform der Reform: Dabei wurden vor allem die reformierten Groß- und Klein- sowie Zusammen- und Getrenntschreibungen überarbeitet. Das habe zwar für eine höhere Akzeptanz der Regeln bei Lehrern und Schülern gesorgt, meint Meidinger - gleichzeitig wurde der Vorwurf der "Beliebigschreibung" laut: Denn die zweite Reform machte viele der 1998er-Regelungen nicht rückgängig, sondern ergänzte sie lediglich um weitere Varianten. So muss "es tut mir Leid" nicht mehr zwingend mit großem L geschrieben werden - möglich ist es aber immer noch. Auch die alte Schreibweise von Begriffen wie "Majonäse/Mayonnaise" oder "Portmonee/Portemonnaie" wurde wieder eingeführt.

"Majonäse" - diese Schreibweise wurde 1998 eingeführt und 2006 wieder abgeschafftBild: picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst

Viel übrig geblieben sei also nicht von den ursprünglich weitreichenden Reformplänen, so Meidinger. Zwar halte er einige der Regelungen für sinnvoll, aber die seien den Aufwand nicht wert gewesen: "Das hätte man mit zwei, drei Neuauflagen des Dudens auch hingekriegt." So hätte man sich viel Geld und Ärger ersparen können. Er hält es für fraglich, ob die "riesige Erwartungshaltung", man könne die deutsche Rechtschreibung deutlich einfacher und logischer gestalten, jemals gerechtfertigt war. Gleichzeitig seien aber auch die Warnungen vor einem Kulturverfall übertrieben gewesen. Dieser sei offensichtlich nicht eingetreten. 

Zusammenhang mit Rechtschreibschwäche?

Bis heute ist die Neuregelung der Rechtschreibung umstritten. Seit einigen Jahren wird sie oft in Zusammenhang mit der zunehmenden Rechtschreibschwäche von Schülern gebracht. So etwa vom Linguisten Peter Eisenberg. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur, wegen der Reform herrsche beim Lehrpersonal bei der Beurteilung von Fehlern eine große Unsicherheit - die werde an die Schüler weitergegeben.

Heinz-Peter Meidinger teilt diese Ansicht nicht. Schließlich sei die Eingriffstiefe der Reform gering: "Sie betrifft nur ein bis zwei Prozent des Wortschatzes." Er sieht andere Gründe, warum Kinder immer schlechter schreiben können: etwa weniger Lesefreude und den geringeren Stellenwert der Rechtschreibung in der Schule.

Die Rechtschreibung wird sich wohl trotz des Trubels um die Reform immer weiter entwickeln. Zuständig ist seit 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung. Der gab erst im vergangenen Jahr die neueste Änderung bekannt: das "ß" gibt es jetzt auch als Großbuchstaben: ẞ.