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PolitikEuropa

Kampfjet FCAS: Getrennt rüsten, gemeinsam scheitern

Andreas Noll
15. Juni 2026

Das Aus für den Kampfjet FCAS und die Krise beim Kampfpanzer MGCS zeigen das Dilemma europäischer Rüstungspolitik: Nationale Industrieinteressen scheinen stärker zu wiegen als gemeinsame Verteidigungsinteressen.

Leonardos neuer Kampfpanzer auf der Eurosatory-Messe
Treffpunkt der Rüstungsindustrie: die Messe Eurosatory 2026 in Villepinte bei ParisBild: Aurelien Morissard/AP Photo/dpa/picture alliance

Wer in der europäischen Rüstungsindustrie etwas auf sich hält, präsentiert sich alle zwei Jahre auf der Eurosatory, Frankreichs größter Rüstungsmesse. Auch in dieser Woche zeigt die Branche auf dem weitläufigen Gelände in Villepinte bei Paris, was sie zu bieten hat. Mehr als 2000 Aussteller treffen dort auf Militärs, Politiker und Fachbesucher.

Als deutsch-französisches Projekt gescheitert: Modell des FCAS-KampfflugzeugsBild: VDWI Aviation/Visually/picture alliance

Angesichts voller Auftragsbücher könnte die Stimmung kaum besser sein. Europas Regierungen wollen militärisch unabhängiger von den USA werden und investieren dafür Hunderte Milliarden Euro.

Doch in die Goldgräberstimmung mischt sich auch Ernüchterung. Denn ausgerechnet das bislang größte europäische Rüstungsversprechen auf mehr strategische Eigenständigkeit ist vor wenigen Tagen gescheitert: Deutschland und Frankreich haben dem gemeinsamen Kampfflugzeug der sechsten Generation de facto den Todesstoß versetzt. Das Herzstück des Luftkampfsystems FCAS wird nicht gemeinsam gebaut.

FCAS-Scheitern als Fanal?

Die französische Verteidigungsministerin Catherine Vautrin sparte das Thema bei ihrer Eröffnungsrede am Montag zwar aus. Dennoch deutet sich an, dass sich Paris und Berlin nicht nur bei den Kampfjets verhakt haben, sondern auch das Kampfpanzer-Projekt in neue Schwierigkeiten geraten könnte.

Als Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2017 FCAS als Reaktion auf den Brexit und die Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus aus der Taufe hoben, flankierten sie das Jet-Projekt mit einem deutsch-französischen Panzerprojekt: dem Main Ground Combat System (MGCS). Während die Franzosen bei den Jets die Führung übernehmen sollten, war Deutschland für die Leitung des Panzerprojekts vorgesehen. Wenn FCAS scheitert, hat Präsident Macron seitdem mehrfach betont, könnte auch das Aus für MGCS folgen.

Vom Konsens zur Konkurrenz

Am vergangenen Wochenende goss der mächtige Chef des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, weiteres Öl ins Feuer. Nach seinen Informationen, so Papperger in der "Welt am Sonntag", erwäge Paris, das Budget für das Projekt drastisch zu kürzen. Entschieden sei allerdings noch nichts.

"Ich nehme diese Warnungen sehr ernst", sagt Ulrike Franke vom Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) in Paris im Deutschlandfunk. In Wahrheit sei das Panzerprojekt schon seit Beginn schwieriger und schleppender verlaufen als FCAS.

Aus dem deutschen Verteidigungsministerium heißt es derweil, Deutschland und Frankreich ​hätten sich darauf ⁠geeinigt, MGCS "plattformunabhängig" weiterzuentwickeln und sich auf den Kern des Programms zu konzentrieren. ⁠Ob ein gemeinsamer Kampfpanzer damit obsolet ist, sei offen, so der Sprecher am Montag.

Im April 2024 noch zuversichtlich für MGCS: Verteidigungsminister Boris Pistorius (li.) und sein damaliger Amtskollege Sébastien LecornuBild: Thomas Samson/AFP/Getty Images

Gleich mehrere Parallelen erkennt Sicherheitsexpertin Franke zum gescheiterten Flugzeugprojekt. Wie beim Kampfjet gebe es auch beim Kampfpanzer unterschiedliche militärische Anforderungen beider Länder, die eine Realisierung erschweren. Die Bundeswehr setzt auf maximalen Schutz und Feuerkraft für die Nato-Ostflanke, während die Franzosen traditionell eher leichtere und per Flugzeug verlegbare Panzer für schnelle Interventionen bevorzugen.

Kampf um Technologieführerschaft

Doch die gravierendsten Parallelen liegen in der Rüstungsindustrie, die auch der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius ganz offen für das FCAS-Scheitern verantwortlich macht. "Uns waren auf Regierungsebene die Hände gebunden. Die deutsche und die französische Regierung, wir hätten das Projekt sehr gerne weitergeführt", so der Minister.

Bei FCAS gilt der französische Traditionskonzern Dassault als der schwierige Partner, den die Politik nicht einhegen konnte. "Von Anfang an funkten nicht alle auf derselben Wellenlänge", stellt der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im französischen Senat, Cédric Perrin, nüchtern fest. Der zermürbende Streit um Patente und Projektführung war letztlich ein unerbittlicher Kampf um die industrielle Technologieführerschaft von morgen.

Stolz der Streitkräfte: Frankreichs Präsident Macron vor einem Rafale-Kampfjet von DassaultBild: Ludovic Marin/AFP

Ein vergleichbares Dilemma zeigt sich beim Panzerprojekt MGCS. Hier heißt der dominante Akteur nicht Dassault, sondern Rheinmetall. Eigentlich sollte das deutsch-französische Joint-Venture KNDS (Krauss-Maffei Wegmann und Nexter) das Projekt stemmen.

Mit politischem Nachdruck setzte die deutsche Seite später jedoch die Beteiligung Rheinmetalls durch – ein Unternehmen, das bis 2030 zum größten Rüstungshersteller Europas aufsteigen will. Aus französischer Sicht hat die Rheinmetall-Beteiligung die sensible Balance des Projekts massiv verschoben.

Aufstieg von Rheinmetall

Wie wenig man in Düsseldorf bereit ist, die eigene Strategie einem zähen politischen Prozess unterzuordnen, zeigte das Unternehmen bereits auf der Eurosatory vor vier Jahren. Dort präsentierte Rheinmetall in Paris überraschend den Kampfpanzer Panther KF51 als eigenständige Alternative zum MGCS.

Inzwischen wird das hochmoderne System aggressiv vermarktet und steht kurz vor einem Großauftrag durch Italien. Betriebswirtschaftlich ist dieser Alleingang rational, für den Einigungsdruck im deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekt ist er problematisch. Am Montag stellte nun auch KNDS einen Kampfpanzer für die französische Armee auf Basis des Leopard 2 vor.

Premiere auf der Rüstungsmesse Eurosatory: Kampfpanzer KF51 (Panther) von RheinmetallBild: Emmanuel Dunand/AFP/dpa/picture alliance

Die Probleme mit der Industrie betreffen nicht nur die beiden Vorzeigeprojekte. Auch die Eurodrone, die Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien gemeinsam entwickeln, befindet sich in Turbulenzen. Preissteigerungen und Verzögerungen bremsen den Fortschritt. Zwar ist die Konstruktionsphase abgeschlossen, doch besonders in Frankreich wachsen Zweifel an Kosten und militärischem Nutzen. Gescheitert ist die Eurodrone noch nicht, aber als warnendes Beispiel für Europas mühsame Rüstungskooperation taugt auch sie.

Sorge vor deutscher Dominanz

Dass multinationale Programme auf der Stelle treten, während die deutsche Rüstungswirtschaft im Alleingang das Tempo drastisch erhöht, bleibt an der Seine nicht verborgen. Die Sorge vor einer deutschen industriellen Dominanz zählt mittlerweile zum Kern der Frustration in Paris.

Der Senator Cédric Perrin fasst diese Entfremdung prägnant zusammen: "Wir sind von abweichenden zu konkurrierenden Ambitionen übergegangen." Der deutsche Blick auf die Rüstungszukunft sei nun stark national geprägt und ziele auf einen massiven Ausbau der eigenen wehrtechnischen Basis ab, klagt der Senator. Die nötige Finanzkraft für diese Ambitionen zieht Berlin auch aus den Milliarden des sogenannten Sondervermögens.

Auf einem Übungsplatz in de Lüneburger Heide wird der Kampfpanzer Leopard 2 von KNDS und Rheinmetall getestetBild: Philipp Schulze/dpa/picture alliance

Der deutsch-französische Riss und die Folgen für Europa sind ein wichtiges Thema auf der Messe in Paris. Europas Industrie mag in der Lage sein, herausragende Waffensysteme zu bauen; solange jedoch nationale Industriepolitik die Entscheidungen diktiert, bleibt die europäische Rüstungskooperation ineffizient und fehleranfällig. Die Rechnung für den Steuerzahler wird dadurch nicht kleiner.

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