Kann eine Riesen-Madonna Polens Kirche retten?
13. August 2026
In der idyllischen flachen Landschaft zwischen Getreidefeldern, Wiesen und einem See ragt eine monumentale Marienstatue in den Himmel. Wegen ihr steht das bisher völlig unbekannte 120-Seelen-Dorf Konotopie im nördlichen Zentralpolen, 160 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Warschau, seit Wochen in den Schlagzeilen.
Das ganze Bauwerk, gut sichtbar aus weiter Entfernung, hat eine Gesamthöhe von mehr als 55 Metern. Die schneeweiße Statue ist 40,6 Meter hoch und steht auf einem 15 Meter hohen Sockel, der die Form einer Krone hat und als Aussichtsplattform dienen soll. Das Monument stellt die berühmte Christus-Statue von Rio de Janeiro, die mit Sockel 38 Meter groß ist, in den Schatten.
Die offizielle Einweihung der Figur findet an diesem Samstag (15.08.2026) - am katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt statt. Obwohl die letzten Bauarbeiten immer noch laufen und das Gelände bewacht und mit einem Zaun abgesperrt ist, kommen bereits seit Monaten tausende Besucher - Pilger und Schaulustige. Die Meinungen über den Sinn des Vorhabens gehen in Polen weit auseinander.
"Albtraum. Eine große Null. Statt dieses Geld in nützliche Projekte zu stecken, hat man einen Riesenberg von Beton finanziert", zitiert die Wochenzeitung Newsweek eine kritische Meinung. "Wunderschön, diese Marie. Volle Achtung. Fantastische Leistung", urteilt eine fromme Besucherin laut dem rechtskonservativen Wochenblatt Sieci.
Der Stifter der Marienstatue, der 75-jährige Roman Karkosik, stammt aus dem Nachbardorf und gehört inzwischen zu den reichsten Menschen in Polen. Als vor fast 40 Jahren der wilde Kapitalismus die sozialistische Mangelwirtschaft ablöste, versuchte sich der Absolvent einer technischen Oberschule zunächst als Barmann. Später kaufte er Schrott auf, produzierte Limonade und startete als erster in Polen mit der Herstellung von Plastikflaschen.
Karkosik machte sich einen Namen an der Warschauer Börse - seine Rolle für Polen wird von manchen Journalisten mit der von Warren Buffett für die Wall Street verglichen. Sein Vermögen wird auf 1,9 Milliarden Zloty geschätzt, umgerechnet rund 442 Millionen Euro. Auf der Liste der reichsten Polen des Magazins Wprost belegt er den 44. Platz. Der Unternehmer lebt in einem Schloss aus dem 18. Jahrhundert im Ort Kikol, nur zwei Kilometer von Konotopie entfernt.
Karkosik und seine Frau Grazyna meiden öffentliche Auftritte sowie Kontakte mit Medien. Auch die Kosten der Skulptur bleiben Geheimsache. Die Medien spekulieren, das Bauwerk könnte 100 Millionen Zloty gekostet haben.
Die Angst des Künstlers, sein Werk zu sehen
Die Marienstatue sei eine "Geste der Dankbarkeit", teilten die Karkosiks lakonisch mit. Laut Medien wollte der gläubige Geschäftsmann der Mutter Gottes für seine Genesung nach einer schweren Krankheit danken. Seine zwei Brüder, ebenfalls erfolgreiche Geschäftsleute, erkrankten und starben vorzeitig.
Bereits 2011 stiftete Karkosik eine Kirche an einem benachbarten Pilgerort, wo sich eine Waldkapelle mit Pieta aus dem 19. Jahrhundert befindet.
"Ich hatte Angst, nach Konotopie zu kommen, um zu sehen, was aus meinem Entwurf in Wirklichkeit geworden ist", gab der Bildhauer Adam Jakub Matejkowski gegenüber polnischen Medien zu. Der Künstler fürchtete, die Hände und der Kopf der Mutter Gottes könnten einen entstellten Eindruck machen. Erst im Juli wagte er einen Besuch vor Ort. "Ich machte die Augen auf und war wie versteinert. Die Gottesmutter öffnet die Hände, um uns an sich zu drücken", sagte er zufrieden. "Darum ging es mir - dass die Figur menschlichen Charakter hat, dass sie auf uns zugeht", erklärte er. Matejkowski behauptet, die Skulptur habe den Blick seiner 11-jährigen Tochter und das delikate Gesicht seiner Frau.
Region hofft auf Wirtschaftsaufschwung
Die Gegend um Konotopie gehört zu den wirtschaftlich schwachen Regionen Polens. Es gibt keine Industriebetriebe, es fehlen Arbeitsplätze. Von der Marienstatue erhofft man sich einen wirtschaftlichen Aufschwung.
"Das Monument ist nicht nur ein geistiger, sondern ein strategischer Punkt in der Region. Wir rechnen damit, dass ab jetzt mehr Investoren und Touristen kommen, was der lokalen Wirtschaft gut tut", sagte Krzysztof Kowalewski vom Stadt- und Gemeindeamt in Kikol polnischen Medien. Die Bürgermeisterin Renata Golembiewska freut sich über die Rekordumsätze in Restaurants und Bars.
Polen ist bekannt für monumentale christliche Statuen. Nach der demokratischen Wende von 1989 entstand in Lichen in Zentralpolen ein Superdom, der die Kathedralen in Paris und Köln in den Schatten stellte. Der Dom ist 138 Meter lang und 77 Meter breit, der Kuppeldurchmesser beträgt 35 Meter. Das Bauwerk bietet Platz für 20.000 Gläubige.
Seit 2010 steht in Polen die weltgrößte Jesus-Statue. Sie befindet sich in der Stadt Swiebodzin (Schwiebus) nahe der Grenze zu Brandenburg, ist 36 Meter hoch und steht auf einem knapp 17 Meter hohen Hügel.
Ob die gigantischen Bauwerke den fortschreitenden Prozess der Säkularisierung der polnischen Gesellschaft aufhalten können, ist allerdings mehr als fraglich. Obwohl Polen immer noch eines der katholischsten Länder in Europa ist, sinkt das Vertrauen in die Kirche konstant.
Der katholische Glaube war jahrhundertelang ein wesentliches Element polnischer Identität. Im 19. Jahrhundert, als Polen keinen eigenen Staat hatte und von fremden Mächten besetzt war, spielte der Glaube eine herausragende Rolle als Kampfinstrument gegen die protestantischen Preußen und orthodoxen Russen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten die antikommunistische Opposition und die Katholische Kirche ungeachtet der Meinungsunterschiede zusammen gegen die kommunistische Diktatur. Die Kirchen wurden zum Zufluchtsort für verfolgte Regimekritiker, mehrere Priester wurden vom Geheimdienst ermordet. Auch der polnischstämmige Papst Johannes Paul II. spielte eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Diktatur.
Seit der demokratischen Wende von 1989 erlebt die Katholische Kirche in Polen jedoch eine Krise, so wie überall in Europa. Laut einer Umfrage des polnischen Meinungsforschungsinstituts IBRIS vom September 2025 vertrauten der Kirche nur noch 35 Prozent der Polen; 2016 waren es noch 58 Prozent. Das Misstrauen gegenüber der Kirche stieg von 24 auf 47 Prozent.
Die Zahl der jährlichen Priesterweihen in Polen ist 2026 erstmals seit dem Jahr 2000 wieder unter die Marke von 200 gefallen. Auch die Zahl der Kirchenbesucher geht systematisch zurück, besonders unter den Jugendlichen. Diesen Trend kann auch eine riesengroße Madonna nicht aufhalten.