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Europas Palmöl-'Monster'

Bob Berwyn
22. August 2018

Egal, ob es um Erneuerbare Energie, Lebensmittel oder Verkehr geht, jede EU-Entscheidung wirkt sich auf den Regenwald aus. Denn der wird massiv für Palmöl-Plantagen gerodet. Gibt es einen Weg aus dem Dilemma?

Papua Ölpalmen Abholzung
Bild: Aidenvironment

Wenn es, neben der großen Hitze des Sommers, in den vergangenen Monaten ein dominierendes Nachrichtenthema gab, dann waren es die "Handelskriege". Vor allem natürlich die schwelenden Konflikte zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei, China oder der Europäischen Union. Letztere steht noch vor einem weiteren Konflikt. Die EU legt sich aktuell mit Indonesien und Malaysia an.

Dabei geht es um eine Abstimmung im Europäischen Parlament aus dem Januar 2018. Darin stimmten die Abgeordneten des Hauses dafür, Palmöl als Bestandteil von Biosprit ab 2020 zu verbieten. Malaysia und Indonesien sind die größten Palmölproduzenten der Welt. Beide Länder drohten nach der Entscheidung mit Vergeltungsmaßnahmen, zogen diese aber zurück, als die EU ankündigte, das Verbot etwas langsamer einzuführen.

In der aktualisierten Erneuerbare-Energien-Richtlinie, die die EU im Juni verabschiedet hat, ist nun festgeschrieben, dass die Palmöl-Importe ihren Höhepunkt um das Jahr 2019 herum erreichen werden. Ab 2023 sollen sie dann zurückgefahren werden, um 2030 endgültig auszulaufen.

Wenn der Regenwald zerstört wird, verlieren viele Arten ihren LebensraumBild: DW

Der Vorstoß der Union geht einher mit der Erkenntnis, dass der immer weiter steigende Verbrauch von Palmöl und dessen groß angelegte, industrielle Produktion direkt für die Abholzung von Regenwäldern, die Emission von Treibhausgasen und die Zerstörung von Lebensräumen verantwortlich ist.

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40 Prozent des importierten Palmöls in der EU landen in den Tanks von Fahrzeugen. Hintergrund hierfür ist ein Beschluss aus dem Jahr 2008. Demnach sollten zehn Prozent des Treibstoffs aus erneuerbaren Quellen stammen, also beispielsweise von Ölpalmen oder auch Soja.

Auch wenn das Konzept im Ansatz vielleicht gut war, habe sich Europa inzwischen trotzdem in eine nicht-nachhaltige Ecke manövriert, sagt William Todts. Der Chef der belgischen Organisation Transport & Environment setzt sich für einen nachhaltigen Transport ein.

"Es gibt den Auftrag, für kohlenstoffarmen Brennstoff zu sorgen, aber wir haben nicht definiert, was gute Biokraftstoffe sein sollten", sagte er der DW. "Wir haben uns ein großes Ziel gesetzt, aber die Regeln nicht definiert. Also entscheidet der Markt, und Gewinner ist das billigste Öl, Palmöl."

"Ich bezweifle, dass irgendjemand Palmöl als Biokraftstoff für eine gute Idee hält", sagt Todts weiter. "Aber der Energiemarkt ist in Bewegung und hat so ein echtes Monster geschaffen. Nur, wie werden wir das jetzt wieder los?"

Knapp die Hälfte des nach Europa importierten Palmöls landet im BiospritBild: picture-alliance/dpa/A. Burgi

Es geht nicht nur um Palmöl

Die neuen Regulierungen der EU seien ein großer Schritt in die richtige Richtung, meinen Umweltschützer. Trotzdem, sagt Danielle van Oijen vom niederländischen Ableger von Friends of the Earth, könnten nur größere gesellschaftliche Veränderungen eine nachhaltige Nutzung von Palmöl sicherstellen.

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Selbst wenn man Biokraftstoffe aus der Rechnung herausnimmt, Palmöl würde immer noch eine große Rolle in vielen anderen Wirtschaftszweigen spielen. Es steckt schließlich auch in Nahrungsmitteln, in Kosmetik und wird in der Medizin verwendet. Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass Palmöl in der Hälfte aller Produkte steckt, die in einem durchschnittlichen europäischen Supermarkt stehen.

"Der erste Schritt für einen nachhaltigen Konsum wäre, dass sich das Konsumverhalten auf der Nordhalbkugel ändert", sagt van Oijen. "Wir müssen anfangen, weniger Fleisch zu essen, stattdessen mehr frische Lebensmittel, keine Fertigprodukte mehr, denn in diesen stecken viele Fette, also Palmöl. Und wir müssen unbedingt aufhören, Palmöl in die Tanks unserer Autos zu füllen."

Palmöl kann umweltverträglich produziert werden, wie hier in Sierra LeoneBild: Björn Kietzmann

Wenn wir so weitermachten wie bisher, würden die großen Palmölproduzenten, Malaysia zum Beispiel, ihren Wald verlieren und über kurz oder lang nicht mehr in der Lage sein, genug Nahrung für die eigene Bevölkerung zu produzieren. Schließlich würde das dafür benötigte Land für den Anbau dieser Industriepflanzen verwendet, fügte van Oijen hinzu.

In Afrika, sagt sie weiter, würden Ölpalmen schon seit Langem nachhaltig angebaut. Das sei möglich, weil viele andere Nahrungsmittelpflanzen mit angebaut werden und der Wald stehen gelassen wird. Diese Art der Produktion erfordere auch wenige bis keine Pestizide.

"Die Pflanze selbst ist nicht das Problem, sondern die Art und Weise, wie sie angebaut und verwendet wird. Die Regierungen investieren nicht in Kleinbauern. Für sie ist zukunftsweisend gleichbedeutend mit Investitionen aus dem Ausland und industriellen Produktionsmethoden."

Ein Problem, das mitwächst

Palmöl ist das Produkt der Ölpalme. Die ursprünglich in Afrika heimische Pflanze wird heute weltweit auf einem Gebiet von der Größe Belgiens (rund 30.000 Quadratkilometer) angebaut. Die Nachfrage nach dem Öl ihrer roten Früchte könnte sich bis zum Jahr 2050 verdreifachen, erwartet die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

Angesichts der ökologischen Auswirkungen ist offen, ob die Produktion auf dem gleichen, steigenden Niveau aufrechterhalten werden kann. Die Palmöl-Produzenten jedenfalls sagen, dass sie die Auswirkungen ihrer Plantagen auf die Umwelt durch effizientere Methoden reduzieren würden. Die Bäume würden zukünftig höhere Erträge liefern, außerdem würden sie in Zukunft Land nutzen, das vorher anders genutzt wurde, also keine neuen Flächen mehr roden.

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Im Idealfall arbeiten unabhängige Organisationen, Regierungen und private Produzenten zusammen, um umweltfreundlichere Wege, etwa über eine Zertifizierung, zu finden, auch wenn das natürlich nicht immer ganz einfach ist. Der sogenannte Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) ist so ein Ansatz.

Palmöl wird noch einige Zeit eine Rolle spielen, also will die EU sicherstellen, dass die Produktion nachhaltig ist und Menschen nicht ausgebeutet werdenBild: DW

Es gibt allerdings verschiedene Zertifizierungsmodelle und damit auch Konfliktpotential. Das war in den vergangenen drei Monaten gut zu beobachten. Da nämlich wollte der RSPO zeigen, dass er seine Arbeit durchaus ernst meint. Der Runde Tisch warf den Nahrungsmittelriesen Nestlé kurzerhand aus dem Bündnis, holte ihn aber kurz darauf wieder zurück.

Denn das Unternehmen verwendet Palmöl, das von einer Vielzahl von Produzenten zugeliefert wird. Nestlé hatte es versäumt, erforderliche Nachweise einer nachhaltigen Produktion einzureichen.

Schnelle Lösung? Fehlanzeige!

Der Raubbau geht, allen Nachweisen zum Trotz, weiter. Seit 2002 hat sich der weltweite Palmölverbrauch nahezu verdoppelt. Pro Jahr liegt er heute bei etwa 60 Millionen Tonnen.

Dass es diesen Bedarf gibt, trägt zur wirtschaftlichen Entwicklung in den Erzeugerländern bei. Palmöl hat somit einen positiven Effekt, es sorgt für Einkommen und trägt zum Bruttoinlandsprodukt in Südasien und Afrika bei. Es erscheint also als eher unwahrscheinlich, dass die wichtigsten Erzeugerländer ihre Produktion selbst herunterfahren - neue EU-Regularien hin oder her.

Genau deshalb müsse die EU sicherstellen, dass ihre Importe keine Menschenrechte verletzen oder zu einer weiteren Verschlechterung der Umwelt beitragen, sagt Kateřina Konečná, eine tschechische EU-Parlamentarierin aus der konföderalen Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken.

"Im Moment ist die EU der zweitgrößte Palmöl-Konsument", so Konečná bei einem Interview mit der DW. Damals hatte sie einen Palmöl-Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt und die Europäische Kommission zum Handeln aufgerufen. "Im Parlament gibt es niemanden, der es in Ordnung findet, wenn das Palmöl, das wir importieren, nicht nachhaltig ist und unter Verletzung der Menschenrechte produziert wird."

 

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