Kann man noch guten Gewissens reisen? Das sagen Experten
25. Februar 2026
Wer auf Reisen geht, der gerät hin und wieder in ein moralisches Dilemma. Seien es nun Alltagssituationen, in denen sich das schlechte Gewissen meldet, weil Fliegen große Mengen CO2 freisetzt, oder wegen der negativen Folgen des modernen Massentourismus. Muss man das in Kauf nehmen? Oder gibt es Auswege?
Für Wolfgang Strasdas ist die Antwort klar: "Ich finde gar nicht, dass man ein schlechtes Gewissen haben muss", sagt der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus in Berlin, der sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen des Reisens befasst. Tourismus sei in vielen Regionen der Welt ein wichtiger Wirtschaftszweig und trage erheblich zum Wohlstand bei. Über einige Dinge aber solle man sich durchaus vorab Gedanken machen, findet er, insbesondere über die Umweltauswirkungen des Reisens und den Overtourism.
Lieber Nebensaison statt Hauptsaison
"Man sollte sich schon fragen: Muss ich auch noch im Hochsommer nach Athen fahren, wo es da ohnehin schon überfüllt ist?" Auf die Nebensaison auszuweichen, wenn dies von den eigenen Umständen her möglich ist, trage zumindest zur Entzerrung bei. Man könne sich auch fragen, ob es nicht alternative Reiseziele gibt, die auch interessant, aber weniger überlaufen sind: Leipzig statt Berlin, Philadelphia statt New York, schlägt er vor. "Es gibt auch Undertourism", sagt Strasdas - Orte, deren Bewohner sich über mehr Besucher durchaus freuen würden.
Das sieht auch Petra Thomas so. "In Katalonien etwa wünschen sich viele Menschen im Hinterland mehr Tourismus", sagt sie. Barcelona, die Hauptstadt der nordspanischen Region, habe davon derweil eindeutig zu viel. Thomas ist Geschäftsführerin des Forums Anders Reisen, eines Verbandes für nachhaltigen Tourismus, dem mehr als 140 Reiseveranstalter angeschlossen sind. Diese verpflichten sich, einen strengen Kriterienkatalog einzuhalten, um ihren Kunden Urlaub ganz ohne schlechtes Gewissen zu ermöglichen. Darin heißt es unter anderem, dass Regionen, die durch den Tourismus "bereits so stark frequentiert werden, dass die Gefahr einer Übernutzung besteht", gemieden werden sollen.
Fremdschämen in Kamerun
Thomas ist überzeugt: "Es gibt Rahmenbedingungen, unter denen Tourismus positive Auswirkungen hat." Menschen kommen zusammen, es findet kultureller Austausch statt, Reisende machen wertvolle Erfahrungen, die ihren Blick auf die Welt verändern, zählt sie auf. Dass man aber auch in unangenehme Situationen geraten kann, hat sie vor nicht allzu langer Zeit selbst erlebt, als sie mit einer Reisegruppe im ländlichen Kamerun unterwegs war. Einige der Mitreisenden begannen, die einheimischen Dorfbewohner zu fotografieren und machten auch nicht vor deren Hütten halt. "Mehrere knipsten in die Wohnungen hinein, als wäre nichts dabei", erinnert sie sich. "Ich habe mich fremdgeschämt." Sie hatte ganz stark das Gefühl, dass es sich dabei um eine Verletzung der Privatsphäre handelte. "Solche Momente erleben viele Reisende."
Das bestätigt Oliver Zwahlen. Der leidenschaftliche Weltenbummler und Autor des Blogs "Weltreiseforum" beschäftigt sich seit Jahren mit den alltäglichen moralischen Konflikten, mit denen man auf Reisen konfrontiert wird. "Irgendwann ist mir aufgefallen, dass sich eigentlich alle Leute auf Reisen richtig verhalten und möglichst keinen Schaden anrichten wollen", so der Schweizer. Gleichzeitig aber gebe es eine große Diskrepanz bei der Frage, was richtiges Handeln ist. "Soll man bettelnden Kindern Stifte geben?", fragt Zwahlen. "Hilft ihnen das in der Schule oder sorgt man dafür, dass es für die Eltern lukrativer ist, Kinder zum Betteln zu schicken als in die Schule?"
"Ein Reiseboykott trifft die einfachen Menschen"
Auch der Umgang mit Ländern, deren Regierung und politische Ausrichtung man nicht unterstützen möchte, sei bisweilen schwierig. "Ja, es mag berechtigte Einwände gegen Bräuche, Gesetze oder Regierungen geben", sagt er. "Doch mit einem Reiseboykott treffen wir in erster Linie die einfachen Menschen. Zum Beispiel die Leute, die in ihren kleinen Läden den Touristen Wasser verkaufen oder die in einem Restaurant eine Anstellung als Kellner gefunden haben." Dazu komme, dass gerade in Ländern, die sich stark abschotten, Touristen für die Menschen eine gute Möglichkeit sind, um mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben.
Ein Dilemma aber lässt sich laut Zwahlen nicht auflösen: "Egal was man macht, für den Umweltschutz ist Reisen immer ein Problem." Die Klimabilanz insbesondere des Flugverkehrs ist nun einmal schlecht - und wird das auch auf längere Sicht bleiben. Man könne als Reisender nur versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten. "Ich achte seit jeher darauf, lieber weniger Reisen zu machen, die dann aber länger dauern." Außerdem fliege er nur, wenn es nicht anders gehe und dann auch nach Möglichkeit direkt und mit modernen Maschinen, die weniger Treibstoff benötigen.
Index bewertet Airlines nach Klimaeffizienz
Dafür plädiert man auch beim Forum Anders Reisen. "Aus unserer Sicht geht es darum, die Emissionen dort zu reduzieren, wo es möglich ist", sagt Petra Thomas. Die Mitglieder ihres Verbandes verpflichten sich, ihren Kunden Bus- und Bahnverbindungen anzubieten. "Es gibt aber nun mal Destinationen, die nur per Flugzeug erreichbar sind."
Tourismusforscher Wolfgang Strasdas empfiehlt in solchen Fällen, einen Blick auf den Airline-Index der Klimaschutzorganisation Atmosfair zu werfen, die darin Fluggesellschaften nach ihrer Klimaeffizienz bewertet. Den verbleibenden CO2-Ausstoß solle man anschließend kompensieren. Trotz aller Umweltbedenken überwiegen für ihn letztendlich aber die positiven Aspekte des Reisens. "Grundsätzlich ist Reisen für alle Beteiligten ein Gewinn", findet er.