1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Reise

Kapstadt - Touristenparadies ohne Touristen

Adrian Kriesch
22. April 2020

Südafrikas Tourismussektor steht wegen der Corona-Krise vor dem Zusammenbruch. An diesem Donnerstag werden die letzten deutschen Touristen ausgeflogen. DW-Korrespondent Adrian Kriesch berichtet aus Kapstadt.

Südafrika Kapstadt Coronavirus Tourismus
Ein verwaister Parkplatz an einem Strand in Gordon's Bay, einem Vorort von KapstadtBild: picture-alliance/abaca/RealTime Images

Viele Deutsche verbinden mit dem Fußball-Stadion von Kapstadt gute Erinnerungen. 4:0 besiegte hier die deutsche Nationalelf Argentinien im Viertelfinale bei der WM 2010. Danach blieb das Stadion weitgehend ungenutzt, ein weißer Elefant. Und nun ist es ein Ort des Abschieds.

Die Stadt hat das Stadion als Sammelpunkt für Touristen ausgewählt, die wegen der Corona-Krise von ihren Regierungen ausgeflogen werden. Seit Ende März gilt in Südafrika eine der strengsten Ausgangssperren weltweit. Joggen und Spazierengehen sind verboten, ebenso der Verkauf von Alkohol und Zigaretten. Sämtliche Tourismusaktivitäten wurden eingestellt, nur einzelne Hotels beherbergen noch gestrandete Touristen. Die Grenzen sind geschlossen, der Linienflugverkehr eingestellt. 

"Hoffentlich kommen die Leute zurück"

Nach langem hin und her hat die südafrikanische Regierung es anderen Nationen erlaubt, ihre Bürger auszufliegen. Darum stehen im April fast täglich lange Schlangen um das Stadion in Kapstadt. Hier werden die Reisenden zunächst auf Symptome getestet, die Polizei kontrolliert Ausweise. Erst dann geht es in Bussen zum Flughafen und weiter: nach Großbritannien, Amerika, in die Niederlande, nach Deutschland.

Colin Deiner, der Chef der Katastrophenschutzbehörde in der Region Westkap, kontrolliert die Abläufe am StadionBild: DW/A. Kriesch

"Wir hoffen wirklich, dass sich die Leute daran erinnern, wie es hier vorher war - und nochmal zurückkommen", sagt Colin Deiner, während sich hinter ihm die Flughafen-Shuttlebusse bereitmachen. Der Chef der Katastrophenschutzbehörde in der Region Westkap hat schon viele Naturkatastrophen erlebt - eine solche Pandemie noch nicht.

Es waren Touristen und Reisende, die das Coronavirus in Südafrika einschleppten und verbreiteten. Schnell machten Geschichten die Runde, die einige Südafrikaner wütend machten: ein infizierter Holländer, der mit einer Reisegruppe in wenigen Tagen etliche Weingüter besuchte. Eine deutsche Reisegruppe auf Rundreise durch mehrere Regionen - erst am Ende wurde ein Tourist positiv getestet.

Deutschland chartert 19 Flugzeuge

Deutschland startete die größte Rückholaktion. Insgesamt 19 Maschinen mit rund 5000 Touristen hat die Bundesregierung aus Südafrika gechartert – mit South African Airlines. Möglicherweise eine letzte Finanzspritze für die hoch verschuldete staatliche Airline, die kurz vor der Pleite steht.

Mitarbeiter des deutschen Konsulats in Kapstadt organisieren die Rückflüge nach DeutschlandBild: DW/A. Kriesch

"Jeden Tag gehen weitere Unternehmen unter", sagt Sisa Ntshona, der Chef von South African Tourism der DW. Die Marketing-Organisation der Regierung bewirbt Südafrika als Reisedestination. "Es ist wie ein Wettbewerb, wer seinen Atem am längsten anhalten kann. Du weißt nicht, wie lange du den Atem anhalten musst - und einige werden irgendwann umkippen."

Weil der wichtige Minensektor in den letzten Jahren immer weiter ins Straucheln geriet, hat Präsident Cyril Ramaphosa auf den Tourismus als Wachstumssektor gesetzt. 10,5 Millionen Touristen kamen zuletzt im Jahr nach Südafrika. Das Ziel war, diese Zahl bis 2030 zu verdoppeln. Doch das rückt nun in weite Ferne.

Sechs bis 18 Monate Hängepartie

Sisa Ntshona kann noch nicht genau abschätzen, wie es weitergeht. "Aber der Aufschwung wird irgendwann zunächst von inländischen Reisen angetrieben werden." Später vom regionalem Tourismus aus den Nachbarländern - und erst dann kommen die Touristen aus Europa, Asien und Amerika, die einen großen Teil der Tourismus-Umsätze ausmachen. Sechs bis 18 Monate könnte das dauern.

Die Regierung schürt mehrere Hilfspakete, vor allem um kleinen Unternehmen zu helfen. Das Tourismusministerium bietet einmalige Zuschüsse an - 50.000 Rand pro Unternehmen, rund 2500 Euro. Insgesamt 200 Millionen Rand stehen dafür zu Verfügung - maximal 4000 Unternehmen können also davon profitieren.

Leere Straßen in Kapstadt wegen der AusgangssperreBild: DW/A. Kriesch

"Aber wie viele freiberufliche Touristen-Führer sind offiziell registriert und können davon profitieren?", fragt Mike Zuma. Seit zehn Jahren zeigt er Touristen aus aller Welt Kapstadt und seinen Township Langa, wo er zusätzlich auch in einem Restaurant arbeitet. Beide Jobs sind jetzt weg. "Wenn ich sage, die Situation ist fatal, wäre das eine Untertreibung", sagt Zuma. In den Townships wird bei vielen das Essen knapp - es gab bereits Überfälle auf Geschäfte. In Langa wurde ein Spirituosen-Laden geplündert.

Zuma blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft. Bis die Ausgangssperre vorbei ist, will er sich erstmal einen anderen Job suchen. Vielleicht in einem Call Center. Die Tourismus-Hauptsaison sei jetzt ohnehin vorbei - und wenn Ende des Jahres der Sommer wiederkommt, sagt er, dann hoffentlich auch ein paar Touristen.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen