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Amtsantritt Woelki

Christoph Strack20. September 2014

Der Papst hat Kardinal Woelki von der Spree an den Rhein geschickt. Er wird eines der reichsten Bistümer weltweit an die Botschaft von Papst Franziskus erinnern, der von Barmherzigkeit und vom Teilen spricht.

Rainer Maria Woelki Kardinal Köln
Bild: picture-alliance/dpa/O. Berg

Es ist das gleiche Land - und doch sind es zwei Welten. Vor rund zwei Wochen verabschiedete sich Kardinal Rainer Maria Woelki von seinem bisherigen Erzbistum Berlin – seit Samstag (20. September) ist er Oberhirte des Erzbistums Köln. Erzbischof ist er hier wie dort. Aber die Unterschiede oder auch krassen Gegensätze zwischen dem katholischen Bistum an der Spree und dem am Rhein sind deutlich sichtbar.

Das deutsche Hauptstadtbistum, das vor gut zehn Jahren eigentlich pleite war und durch andere Diözesen finanziell unterstützt wurde, kalkuliert für das Jahr 2014 mit einem Kirchensteueraufkommen von rund 100 Millionen Euro. Die Kölner Kollegen rechnen mit einem Kirchensteuer-Brutto von circa 785 Millionen Euro. Das ist beinahe das Achtfache. Köln zählt mit seiner überwiegend katholischen Bevölkerung fünf Mal so viel Gläubige wie Berlin. Berlin ist dafür – und hier kehrt sich das Verhältnis um - mit 31.200 Quadratkilometern in etwa fünf Mal so groß wie das über 1.700 Jahre alte Erzbistum Köln. Katholische Kirche in Berlin – das heißt oft renovierungsbedürftige Gotteshäuser, Caritas-Arbeit an der Basis zwischen Suppenküchen, Nachtasyl und Flüchtlingshilfe. Beim Erzbistum Köln denkt man gerne zuerst an die vermeintlich schönste Kirche der Welt, den Kölner Dom, und einen herausragenden Museumsbau, das Haus Sankt Kolumba.

Der Kölner Dom - die BischofskircheBild: Fotolia/Noppasinw

Mehr Nähe zu den Armen

Und all diese Gegensätze soll Woelki nun überwinden? Mit seiner Personalentscheidung machte Papst Franziskus jedenfalls deutlich, dass er dem nun 58-jährigen gebürtigen Kölner diesen Spagat zutraut. Er setzt damit für das wichtigste deutsche Bistum ein Signal. Der neue Spitzenmann hat sich in den vergangenen Jahren bei sozialen Themen einen Namen gemacht und drängt auf mehr Nähe zu den Armen. Damit kann er im neuen Wirkungsgebiet Aufsehen und Anstoß erregen, das sprichwörtlich "kölsch-katholisch" geprägt ist. Dennoch haben auch im Erzbistum Köln in den Jahrzehnten unter Kardinal Joachim Meisner zahlreiche Menschen von ihrer Kirche verabschiedet - innerlich oder indem sie ausgetreten sind.

Woelki wirkt auch als Kardinal eher wie ein einfacher Priester. "Ich versuche meine Wurzeln nicht zu vergessen, dass ich aus relativ bescheidenen Verhältnissen komme und dass es auch bei uns zuhause relativ bescheiden zugegangen ist, und versuche diesen Lebensstil einfach beizubehalten", sagte er einmal der Deutschen Welle.

Ernst, lebensfroh, einflussreich

In Berlin bewohnte Woelki eine Etagenwohnung im armen Wedding zwischen Suppenküche und Döner-Läden. Man konnte ihn auf dem Fahrrad durch die Hauptstadt fahren sehen oder auch in der U-Bahn treffen. Er pflegte diesen Stil bereits, bevor Papst Franziskus die neue Bescheidenheit ausrief. "Ich mach mein Frühstück selber, gehe selber einkaufen und versuche diese Dinge zu regeln wie jeder andere sie auch regelt." In Berlin fiel das kaum auf. In Köln wird Woelki dieses "Einer-unter-vielen-sein" wohl kaum praktizieren können.

Rom 2012: Papst Benedikt XVI. erhebt Rainer Maria Woelki in den KardinalsstandBild: dapd

Bei all dem vereint Woelki Ernst und Lebensfreude zugleich. Als ihn Papst Benedikt XVI. ausgerechnet am Karnevalssamstag 2012 in Rom zum Kardinal – dem damals jüngsten Kardinal überhaupt - machte, war der neue Purpurträger froh, beim abendlichen Empfang mit Gleichgesinnten Lieder aus dem rheinischen Brauchtum singen zu können.

Lange Jahre war Woelki, der vor seinem Theologiestudium noch den Wehrdienst leistete, Kölner Weihbischof an der Seite von Kardinal Meisner. Im Sommer 2011 dann der – damals ausgesprochen überraschende – Aufstieg zum Erzbischof von Berlin. Ein halbes Jahr später die Kardinalswürde. Inzwischen ist Woelki eine der wichtigsten Stimmen der katholischen Kirche in Deutschland. Dass seine neue Diözese als eine der reichsten weltweit gilt, steigert die Bedeutung des Erzbischofs zusätzlich. Denn wer reich ist in der katholischen Kirche, ist auch einflussreich. Bisher jedoch wirkt Woelki immer noch so, als seien ihm Titel und Förmlichkeit zu viel.

Berliner Lehrjahre

In seinen Berliner Jahren lernte Woelki auch den alltäglichen Umgang mit Ökumene, galt als aufmerksamer Zuhörer im Gespräch mit Vertretern anderer Konfessionen. Zudem sorgte er für einen entkrampften Umgang mit der politischen Spitze der Stadt - auch mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der als Katholik in einer homosexuellen Partnerschaft lebt.

Er scheute Diskussionen zu politischen Themen nicht. Vor allem ergriff der Kardinal, der in der Deutschen Bischofskonferenz die Kommission für karitative Fragen leitet, bei sozialen Themen das Wort. So forderte er einen menschlichen Umgang mit Asylbewerbern, prangerte Kinderarmut an. Im Problemviertel Neukölln sorgte maßgeblich er dafür, dass eine kirchliche Wohnungsbaugesellschaft überteuerte und verwahrloste Wohnblöcke für hunderte Roma übernahm. Die Häuser sind saniert, die nun stolzen Bewohner halten sie in Schuss. Und gelegentlich schaute der Kardinal vorbei. "Das Christentum", sagt Woelki, "ist ja nun mal politisch. Da kann man sich nicht heraushalten."

Im Gespräch mit Berliner RomaBild: picture-alliance/dpa

Reformbereitschaft ließ Woelki bereits unter Papst Benedikt erkennen. Zwar wurzelt er in der überkommenen katholischen Lehre. Aber ein rigider Kurs beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexuellen ist nicht sein Ding. Vielleicht kommt das seiner Akzeptanz zugute, denn er weiß um die Besonderheiten Kölns und das Fremdeln der Rheinländer mit jeder allzu harten Vorgabe von oben.

Kirche in Bewegung

"Die Kirche muss bereit sein, sich immer zu reformieren", sagte Woelki der Deutschen Welle. Sie müsse "sich an den Ursprüngen, am Evangelium messen lassen." Angesichts der heutigen Herausforderungen mit Blick auf die Welt und die Gottesfrage, habe die Kirche an der Seite der Menschen zu stehen, die Not litten oder arm seien. Da ist der Papst ein gutes Beispiel, und eine Herausforderung, durch die Art, wie er das tut.“

Die Kölner werden sich noch wundern. Einer seiner letzten Termine in Berlin, längst nach seiner Verabschiedung, war der Besuch einer Suppenküche in Alt-Lietzow. Hier schaute Woelki immer mal wieder vorbei, auch nach seiner Rückkehr aus Rom, als neuer Kardinal. Er kam zum Essen und zum Gespräch mit den Armen seiner Bischofsstadt.

Als Gastgeber in der HeimatgemeindeBild: picture-alliance/dpa/O. Berg

Das Erzbistum Köln besitzt zahlreiche Gebäude rund um den Dom, auch ein großes Bischofshaus, ein repräsentatives Tagungszentrum. Doch zu seinem ersten presseöffentlichen Termin, drei Tage vor seiner Amtseinführung, lud der Kölner Oberhirten auf die andere Rheinseite, in seine Heimatgemeinde, die Bruder-Klaus-Siedlung. Bis heute hat diese Gegend nicht viel vom großen Glanz der Straßen rund um den Dom. Und statt Geschenken wünschte sich Woelki zum Amtsantritt Spenden für eine Roma-Projekt in Wuppertal. Ja, die Kölner werden sich noch wundern.

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