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Politik

Karlspreis: Die Frauen, die Lukaschenko herausforderten

Vera Nerusch
25. Mai 2022

Im Wahlkampf 2020 traten Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo gegen Machthaber Alexander Lukaschenko an - und veränderten damit Belarus. Nun erhalten sie in Aachen den Karlspreis.

Die Trägerinnen des Karlspreises 2022: Veronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria KolesnikowaBild: Sergei Grits/AP/dpa/picture alliance

Das Direktorium des Karlspreises sieht in dem Trio ein "einmaliges Vorbild gegen Diktatur, Unterdrückung und einen Unrechtsstaat". Die Frauen bekommen die Auszeichnung für ihren "mutigen Einsatz für Freiheit, für Demokratie, für die Aufrechterhaltung der Menschenrechte und damit die europäischen Werte".

Symbol für den Kampf für Demokratie

Ihre Wahlkampfveranstaltungen zogen Tausende Menschen im ganzen Land an. Die Hoffnungsträgerinnen Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo wurden in Belarus und weltweit zu einem Symbol für den Kampf für Demokratie. Damit wurden sie aber auch zu den wichtigsten Gegnern für Machthaber Alexander Lukaschenko.

Anfang 2020 schien noch klar zu sein, dass Lukaschenko, der bereits 26 Jahre lang über Belarus herrschte, auch nach den Wahlen im August 2020 mit einer sechsten Amtszeit weiterregieren würde. Doch im Januar begann die Corona-Pandemie, deren Gefahren er demonstrativ ignorierte, und die Unzufriedenheit mit seiner Politik nahm zu.

Schließlich kündigten im Mai 2020 der Banker Viktor Babariko, der Blogger und Unternehmer Sergej Tichanowskij und Walerij Zepkalo, der ehemalige Leiter eines High-Tech-Parks, an, für das Präsidentenamt kandidieren zu wollen. Doch keiner von ihnen durfte antreten. Babariko und Tichanowskij wurden festgenommen und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Zepkalo konnte das Land noch verlassen. An Stelle der drei Männer zogen drei Frauen in den Wahlkampf: Maria Kolesnikowa, eine Mitarbeiterin von Babariko, sowie Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo für ihre Ehemänner. Das Trio arbeitete fortan für die Präsidentschaftskandidatur von Swetlana Tichanowskaja mit dem Ziel, einen demokratischen Wandel in Belarus herbeizuführen.

Repression statt Freiheit

Auf Wahlveranstaltungen versprach Swetlana Tichanowskaja die Freilassung politischer Gefangener und faire Neuwahlen. Kolesnikowa betonte die Notwendigkeit demokratischer Veränderungen und sprach damit Tausenden ihrer Anhänger aus dem Herzen.

Polizei und Demonstranten in Minsk im August 2020Bild: Vasily Fedosenko/REUTERS

Als die Wahlkommission am Abend des 9. August 2020 erklärte, auf Lukaschenko seien 80 Prozent und auf Tichanowskaja nur zehn Prozent der Stimmen entfallen, gingen die Belarussen in vielen Städten auf die Straßen. Es waren die größten Kundgebungen in der Geschichte des Landes. Drei Monate lang forderten die Menschen Lukaschenkos Rücktritt und protestierten gegen Gewalt und Wahlfälschung. Doch der Machthaber ließ die Proteste brutal niedergeschlagen und die Repressionen dauern bis heute an. Inzwischen gibt es über 1200 politische Gefangene. Mehr als 300 NGOs wurden liquidiert. Unabhängige Medien können nur noch vom Ausland aus ihre Arbeit fortsetzen.

Tichanowskaja: "Ich bin keine Politikerin und brauche keine Macht"

Bis 2020 war Swetlana Tichanowskaja keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und nach eigenen Angaben apolitisch. Die heute 39-Jährige arbeitete nach ihrem Studium an der Pädagogischen Universität in Mosyr im Südosten von Belarus als Englisch-Übersetzerin und zog zwei Kinder groß. Die Familie sei ihr stets das Wichtigste gewesen, sagte sie einmal.

Als ihr Mann verhaftet wurde, beschloss sie, ihn zu unterstützen, indem sie selbst für das Präsidentenamt antrat. Zu ihrer eigenen Überraschung wurde sie als Kandidatin zugelassen. "Ich bin keine Politikerin und brauche keine Macht. Aber mein Mann sitzt hinter Gittern. Ich musste unsere Kinder in Sicherheit bringen und ich habe ein ruhiges Leben für uns alle aufgegeben", sagte sie im Wahlkampf im Juli 2020 in Minsk vor mehr als 60.000 Menschen.

Swetlana Tichanowskaja hält bei einer Rede im Juni 2021 vor dem tschechischen Parlament ein Foto ihres Mannes hochBild: Roman Vondrous/POOL/AFP via Getty Images

Nach den Wahlen im August 2020 musste sie allerdings auf Druck des belarussischen Geheimdienstes das Land verlassen. Sie lebt seitdem in der litauischen Hauptstadt Vilnius, setzt von dort den Kampf gegen das Lukaschenko-Regime fort. Heute gilt sie als die Anführerin der demokratischen Kräfte in Belarus.

Kolesnikowa: Pass zerrissen, um in Belarus zu bleiben

Maria Kolesnikowa ist eine professionelle Flötistin. 2007 ging sie nach Stuttgart, wo sie ihr Musikstudium fortsetzte. Zehn Jahre später kehrte sie nach Belarus zurück. In Minsk arbeitete sie für ein Kulturzentrum, das mit Unterstützung von Viktor Babariko geschaffen wurde. 2020 leitete sie seine Wahlkampfzentrale.

Doch auch Babariko wurde als Kandidat verhindert und Kolesnikowa entschied sich, Swetlana Tichanowskaja zu unterstützen. Innerhalb weniger Monate verwandelte sich die Musikerin und Kulturmanagerin in eine charismatische Politikerin. Im September 2020 wurde sie mitten in Minsk von Unbekannten verschleppt und am nächsten Tag tauchte sie an der belarussisch-ukrainischen Grenze auf. Wie Tichanowskaja wurde auch Kolesnikowa gezwungen, das Land zu verlassen. Doch um zu bleiben, zerriss sie an der Grenze ihren Pass, stieg aus dem Auto und ging zurück auf belarussische Seite. Sie wurde verhaftet und ein Jahr später zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.

Maria Kolesnikowa während des Gerichtsprozesses in Minsk im August 2021Bild: Anadolu Agency/picture alliance

Ihre Entscheidung bereut sie nicht. "Mir ist es eine Ehre, mit meinem Volk diesen Weg zur Freiheit und Veränderung zu gehen", betonte die 40-Jährige in einem schriftlichen DW-Interview aus der Haft. Am 24. Mai setzte der belarussische Geheimdienst KGB Kolesnikowa auf die sogenannte "Terroristenliste". Tichanowskaja wurde in ihrer Heimat noch ein Jahr zuvor als eine "an terroristischen Aktivitäten beteiligte Person" eingestuft. 

Zepkalo: Von IT zur Politik

Vor den Ereignissen des Jahres 2020 war Veronika Zepkalo Managerin eines internationalen IT-Konzerns und für dessen Arbeit in den GUS-Staaten zuständig. Nachdem ihr Mann ankündigt hatte, Präsident werden zu wollen, begleitete sie ihn auf Reisen und bei Pressekonferenzen. Als auch er als Kandidat verhindert wurde, entschied sie sich, im Namen ihres Mannes Swetlana Tichanowskaja zu unterstützen.

"Es war ein sehr glücklicher Tag, als wir uns zusammengeschlossen haben", sagte Veronika Zepkalo "Radio Liberty". Ihrer Meinung nach war dies ein Beispiel dafür, wie man trotz unterschiedlicher Vorstellungen von der Zukunft des Landes seine eigenen Ambitionen zurückstellen kann, um sich gemeinsam den Veränderungen in Belarus zu widmen. Heute arbeitet sie wieder als IT-Managerin und engagiert sich für die Belarus Women's Foundation.

Prominente Vorgängerinnen und Vorgänger

Der Karlspreis wird seit 1950 für Verdienste um die Einigung Europas verliehen. Zu den ersten Preisträgern gehörten Winston Churchill und Konrad Adenauer. Im Laufe der Jahre erhielten ihn bekannte Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens: Vaclav Havel, Angela Merkel, Emmanuel Macron, Papst Franziskus und andere.

Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo, die im Exil leben, kommen nach Aachen, um den Preis entgegenzunehmen. Die in Haft befindliche Maria Kolesnikowa wird bei der Verleihung durch ihre Schwester Tatjana Chomitsch vertreten.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

 

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